an die engen Wände , die so lange das Schweigen des Todes umfangen hatte . Der Oberförster war auch mitgekommen , denn er wollte Elisabeths Freude und Ueberraschung sehen . Er lehnte jetzt stumm an der Wand , als die wunderbaren Melodieen unter den Fingern des jungen Mädchens hervorrauschten . In diesem Augenblicke sprach ja die glühende , mächtige Seele , die in der lieblichen jungen Hülle wohnte , zum erstenmal in ihrer ganzen Gewalt zu ihm . Dieser feingemeißelte Kopf , wie wunderbar beseelt und gedankenschwer erhob er sich jetzt über der zarten Gestalt , welche der ganze Zauber des Mädchenhaften und Tiefsinnigen umwob ! Bis dahin waren ja nur Neckereien und Witzworte zwischen ihr und dem Onkel hin und her geflogen . Er nannte sie der Leichtigkeit ihrer Bewegungen und ihrer Gedankenschnelle halber , die nie um eine witzige Replik verlegen sein ließ , oft seinen Schmetterling , am meisten aber » Goldelse « , indem er behauptete , ihr Haar sei so golden , daß er es durch den dichtesten Wald blitzen und schimmern sähe , wie einst jung Roland das Kleinod im Schilde des Riesen . Als Elisabeth geendet , legte sie beide Hände über das Klavier , als wollte sie den neuen Besitz umarmen , und lächelte glückselig vor sich hin ; der Oberförster aber näherte sich ihr leise , küßte sie auf die Stirn und ging schweigend hinaus . Von diesem Momente an kam er jeden Abend hinauf ins alte Schloß . Sobald die letzten Streiflichter der Sonne auf den Baumgipfeln erloschen waren , mußte sich Elisabeth an das Klavier setzen . Die kleine Familie nahm Platz in der Nische des weiten Bogenfensters und versenkte sich in das Gedankenmeer des Meisters , dessen Bild von der Wand herab ernst auf die begeisterte junge Spielerin schaute . Dann dachte Ferber wohl daran , wie sich Elisabeth das Leben im Walde ausgemalt hatte , als der Brief vom Försteronkel in B. eingelaufen war . Elfen und Kobolde erschienen freilich nicht ; wohl aber zogen die Geister , die der gewaltige Tondichter in die Töne gebannt hat , entfesselt auf dem Musikstrome hinaus und hauchten in die feierliche Stille jenes geheimnisvolle Leben , dessen Wonnen und Leiden , wenn auch durch jede empfindende Menschenbrust flutend , auszusprechen und zu verkörpern doch nur dem Genius beschieden ist . Eines Nachmittags saß die Familie Ferber beim Kaffee . Der Oberförster war auch heraufgekommen , hatte Zeitung und Pfeife mitgebracht und ließ es sich gern gefallen , daß ihm Elisabeth eine Tasse des dampfenden Trankes einschenkte . Er wollte eben einen interessanten Artikel vorlesen , als draußen am Mauerpförtchen geläutet wurde . Zum Erstaunen aller trat , nachdem der kleine Ernst geöffnet hatte , ein Bedienter vom Schlosse zu Lindhof ein und überreichte Elisabeth einen Brief . Er war von der Baronin Lessen . Sie begann damit , dem jungen Mädchen sehr viel Schmeichelhaftes zu sagen über sein vortreffliches Klavierspiel , das sie bei ihren Spaziergängen durch den Wald seit einigen Abenden belauscht haben wollte , und knüpfte daran die Frage , ob Fräulein Ferber geneigt sei , natürlich unter vorher festzustellenden Bedingungen , wöchentlich einigemal mit Fräulein von Walde vierhändig zu spielen . Der Brief war in sehr höflichem Tone gehalten ; gleichwohl warf ihn der Oberförster , nachdem er ihn zum zweitenmal durchgelesen , unmutig auf den Tisch und sagte , Elisabeth scharf anblickend : » Du gehst nicht darauf ein , wie ich denke ? « » Und warum nicht , lieber Karl ? « fragte Ferber an ihrer Stelle . » Weil Elisabeth nun und nimmermehr in den Kram da drunten paßt ! « rief ziemlich heftig der Oberförster . » Willst du das , was du sorgfältig aufgebaut hast , unter giftigem Mehltau oder Reif vergehen sehen - nun , so thue es . « » Ich habe allerdings , « entgegnete Ferber ruhig , » bis jetzt die Seele meines Kindes allein in den Händen gehabt und bin , wie es meine Pflicht war , eifrig besorgt gewesen , jeden Keim zu wecken , jedes Pflänzchen , das ausbiegen wollte , zu stützen . Nichtsdestoweniger ist es mir nie eingefallen , eine kraftlose Treibhauspflanze erziehen zu wollen , und wehe mir und ihr , wenn das , was ich seit achtzehn Jahren unermüdlich gehegt und gepflegt habe , wurzellos im Boden hinge , um von dem ersten Windhauche des Lebens hinweggerissen zu werden ... Ich habe meine Tochter für das Leben erzogen ; denn sie wird den Kampf mit demselben so gut beginnen müssen , wie jedes andere Menschenkind auch . Und wenn ich heute meine Augen schließe , so muß sie das Steuer selbst ergreifen können , das ich bisher für sie geführt habe ... Sind die Leute drunten im Schlosse in der That kein Umgang für sie , nun , dann wird sich das sehr bald herausstellen . Entweder es fühlen beide Teile sofort , daß sie nicht für einander passen , und das Verhältnis löst sich von selbst wieder , oder aber Elisabeth geht an dem vorüber , was ihren Grundsätzen widerspricht , und es bleibt deshalb nicht an ihr haften ... Du gehörst ja selbst zu denen , die nie einer Gefahr ausweichen , sondern stets ihre Kraft , ihren Wert an ihr erproben . « » Alle Wetter , dafür bin ich auch ein Mann , der für sich selbst einstehen muß ! « » Weißt du denn , ob Elisabeth in späteren Jahren je eine andere Stütze haben wird , als sich selbst , je eine fremde Kraft , die die Verantwortlichkeit für sie mit übernimmt ? « Der Oberförster warf einen schnellen Blick auf das junge Mädchen , das seine Augen feurig auf den Vater geheftet hielt . Er sprach ihr aus der Seele , der für sie der Inbegriff des Unfehlbaren und der Weisheit war - das lag sprechend in ihren Zügen . » Vater , « sagte sie , » du sollst sehen , daß