jung gewesen bin . Und die Anderen , die nach mir geboren sind , sind alt geworden und auch gestorben . Und so kommen immer Neue und immer Neue . Nein , auf der ganzen weiten Welt wäre kein Platz für all ' die Menschen ! Aber vielleicht auf anderen Sternen ? warf Oswald ein . Wie sollen sie dort hinkommen ? Nein , von der Erde kommt Keiner , aber unter die Erde kommen sie Alle - Alle , und die alte Frau strich die Falten ihres Rockes wieder über den Knieen glatt . Die Körper wohl , aber die Seelen - Na , ich weiß nicht , sagte die Matrone den Kopf schüttelnd , aber das weiß ich , daß wenn einer gestorben ist , er richtig todt ist , und wir sagen : nun hat die liebe Seele Ruhe . Und etwas Besseres als Ruhe kann sich auch Keiner nicht wünschen , er mag ein Edelmann oder ein Bauersmann sein , jung oder alt . Weshalb aber gehen Sie denn noch den weiten Weg in die Kirche , wenn Sie an nichts mehr glauben ? fragte Oswald . Wer sagt das ? sagte die Matrone fast entrüstet ; ich glaube an Gott , wie jeder Christenmensch ; und rechtschaffen und fromm muß man sein , das hat mit der Auferstehung nichts zu schaffen ; und seine Pflicht muß man thun , das versteht sich von selbst . Und nun , junger Herr , machen Sie , daß Sie fortkommen , es wird sonst gar zu spät . Ich will nur wieder umkehren . Adjes ! Damit stand sie auf , ergriff einen Eichenstock , der neben ihr an dem Stein gelehnt hatte , streckte Oswald die welke , zitternde Hand hin , die dieser nicht ohne ein Gefühl der Ehrfurcht drückte , und begann den Weg , den sie gekommen war , langsam zurückzuwandern . Das ist eine merkwürdige Frau , sprach der junge Mann bei sich , während er rascher weiter schritt ; ich muß mich näher nach ihr erkundigen . Wer hätte geglaubt , daß die Sätze der Philosophen vom neuesten Schlage , Sätze , die freilich nur uralte Münzen mit etwas anderem Gepräge sind , selbst in diesen Schichten des Volkes cursiren . Nun , nun , wenn selbst die Einfältigen und Friedfertigen anfangen , sich zu besinnen , daß sie Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben , so ist ja wohl der letzte Tag der Dunkelmänner gekommen . Neuntes Capitel Das Dorf Faschwitz ist ein Experiment der Regierung . Das Gut , eines der größten der Gegend , war , wie fast alle in diesem Theil des Landes , ursprünglich im Besitz einer adeligen Familie gewesen , und beim Aussterben derselben als erledigtes Lehen an die Krone zurückgefallen . Diese hatte , um sich einen Stamm kleinerer Grundbesitzer oder freier Bauern zu schaffen an denen es dort fast ganz gebricht , hier und an anderen Orten förmliche Bauerncolonien gegründet , indem sie große Lehengüter parcellirte und die einzelnen Parcellen zu Spottpreisen an Liebhaber verkaufte . Der Faschwitzer Gemeinde hatte sie eine Kirche gebaut , einen Prediger in den Ort geschickt ; es war nicht die Schuld der Regierung , wenn die Faschwitzer nicht gediehen . Indessen stand zu wünschen , daß die Faschwitzer von den übrigen ihnen gewährten Vortheilen und Vorzügen einen besseren Gebrauch machten , als von der Gelegenheit , sich allsonntäglich geistige Nahrung zu verschaffen , denn Oswald fand , als er sich durch eine Seitenthür - die Hauptthür war verschlossen - Eingang verschafft hatte , daß die » andächtigen Zuhörer « aus einigen Kindern , die wohl zum Confirmandenunterricht gingen und also ex officio da waren , einigen alten Frauen , die der langen Gewohnheit bis an ' s Ende treu bleiben , und aus einigen Gutsbesitzerfamilien der Nachbarschaft , die ihren Hörigen ein gutes Beispiel geben wollten , bestand . Das Innere der Kirche bildete einen mäßig großen , wohl erhellten , nicht gewölbten Saal , in welchem Kanzel , Altar und Bänke schicklich vertheilt waren - Alles sehr neu , sehr zweckmäßig - und sehr nüchtern . Da gab es keine kleinen buntgemalten Fensterscheiben , kein Altarbild , keine pausbäckigen Engel in Bronce oder Holz , keine Votivtafeln , keine halbverwelkten Kränze , und wodurch noch sonst der Katholik seinen gemüthlichen Beziehungen zu der überirdischen Welt , zu welcher ihm die Kirche eine Vorhalle ist , einen Ausdruck zu verschaffen sucht . Das einzige Poetische in der Kirche waren die Schatten der Linden vor den Fenstern , die auf der hellen gegenüberstehenden Wand hin und her wogten , und die breiten Lichtstreifen , die schräg durch den Raum fielen und der Phantasie eine goldene Brücke bauten , aus dieser nüchternen Atmosphäre zu entrinnen in den Sommermorgen , der draußen warm und duftig auf Wiesen , Feldern und Wäldern lag . Von der Zuhörerschaft schien indessen Niemand dieses Weges zu bedürfen oder ihn praktikabel zu finden , mit Ausnahme etwa eines hübschen zehnjährigen Mädchens mit langen blonden Locken , die wohl ein lebhaftes Verlangen nach den bunten Blumen und weißen Schmetterlingen im Garten ihres Vaters , eines dicken Gutsbesitzers , der neben ihr andächtig nickte , empfinden mochte , und deswegen von der hageren Gouvernante oft zur Ruhe ermahnt werden mußte . Im Uebrigen trugen die Gesichter aller Anwesenden entschieden das Gepräge von Leuten , die ihre Gedanken zu Hause gelassen haben , und im besten Falle von Menschen , die sich mit Anstand langweilen . Und in der That , es wäre ein Wunder gewesen , wenn diese Gemeinde sich von dieser Predigt hätte erbauen lassen und von diesem Prediger . Oswald , der der Kanzel gegenüber hinter der Gutsbesitzerfamilie zu sitzen gekommen war , erkannte auf den ersten Blick , den er auf den Prediger richtete , und nach den ersten Worten , die er aus des Mannes Munde vernahm , daß hier zwischen Geistlichem und Gemeinde ungefähr so viel Sympathie bestehe , wie zwischen