über den Zustand ihres Kleides , versuchte aber weiter zu kommen . Sie hielt sich an die Zweige und Stämme . Einen Weg fand sie nicht . Sie war gauz im Dickicht , und doch war ihr ' s manchmal , als läutete von irgendwoher eine Glocke . Dann war ' s blos wieder ein Summen im Grase oder im Ohre . Einige hundert Schritte brachte sie so vorwärts ; weiter trug sie ihre Kraft nicht mehr ... Es war an einem wunderschönen Platze , wo sie zusammensank . Der Wald wurde lichter , die Birken ragten wieder , Erlen , auch Weiden kamen . Sie sah sogar in der Ferne Schilf , dicht verwachsen ; nun mußte doch ein Wasser kommen . Sogar Schwalben schossen daher , die sonst im Walde nicht wohnen . Auch eine Lerche wirbelte ein Abendlied in der Luft . Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue Blume ihr entgegen . Weiße Nymphäen sah sie auf kleinen Wässerchen . Das Gras um sie herum war von Vergißmeinnicht gezeichnet ... Immer müder und müder wurde ihr . Rings der große schweigende Kranz des Waldes , hier ein kleines Wassereiland , drüber der blaue Himmel mit einigen wie durchsichtigen Rosawölkchen in allerhöchster Höhe . Sie blickte noch einmal empor , dann faßte sie , wie um sich zu halten , einen Büschel blauer Glockenblumen , und lag dann so , diese in der Hand haltend , ohne Bewußtsein . Eine grüne , behend dahinschlängelnde Eidechse , die sie im Sinken unter einem feuchten , moosbewachsenen Steine aufscheuchte , sah sie wol noch , aber fürchtete sie nicht mehr . Als Lucinde erwachte , war es dunkler Abend . Ihre Ohnmacht war in Schlummer übergegangen . Sie erwachte an derselben Stelle . Obgleich sie schwer geträumt hatte und im Traume weit entrückt gewesen war in ferne Lande , so erkannte sie doch sogleich den Ort wieder trotz der Dunkelheit . Nur Gesellschaft hatte sich eingefunden . Es saß ein Mann neben ihr . Es war ein ihr völlig Fremder , und doch erfüllte er sie nicht im mindesten mit Schrecken . Seine Geberde war auch zu sprechend für die Gefahrlosigkeit seiner Nähe und seiner Absicht . Er lag auf den Knieen , faltete die Hände , die er lässig niedergleiten ließ , und betrachtete die Erwachende , wie wenn er eine überirdische Erscheinung angebetet hätte . Ihr Erwachen schien den Fremden mit großer Freude zu erfüllen . Er war hoch und stark , ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren . Sein Antlitz , soweit es der schon nächtlich gedunkelte Abend erkennen ließ , war voll , geröthet , beides fast im Uebermaß . Die Art und Farbe der Augen ließ sich vor dem Schirm einer leichten Sommermütze , die er trug , nicht erkennen . Auch seine übrige Tracht war von leichtem , hellem Sommerstoffe , bis zu Gamaschen hinunter , die er trug . Das Halstuch war mit einem Ring zusammengebunden , dessen weiße Steine wunderbar funkelten . Eine schwere goldene Kette hing über die offene Brust hinweg über ein sauber gefälteltes Hemd . Von der grünen Waldeseinsamkeit stachen die weißen Glacéhandschuhe ab , die auch dieser Fremde wie Oskar Binder trug und trotz seines Knieens und seiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte . Noch ehe Lucinde sich in diesen seltsamen Anblick gefunden , wurde sie von dem fremden Manne angeredet . Es war in einer fremden Sprache , die aber einige deutsche Laute untermischt hatte , und das so richtige und volltönende , wie wenn ihm jene doch nicht recht geläufig war . Die sich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden überraschte Lucinden jetzt so , daß sie sich erhob und einige Worte sprach : Wer sind Sie ? Wo bin ich ? In diesem Augenblicke kamen aber auch schon aus dem Walde einige Leute und brachten einen großen Tragsessel . Ein älterer , schwarzgekleideter Mann führte sie und näherte sich mit Anweisung der Stelle , wohin sie ihm mit dem Sessel folgen sollten . Da er Lucinden schon aufgestanden und jetzt wie auf der Flucht fand , rief er ihr entgegen : Mein junges Kind ! Fürchten Sie sich nicht ! Sie sehen hier nur die Sorge des Herrn Kammerherrn ! Wir waren im Begriff , Sie auf diesem Stuhl in meine Wohnung zu bringen ! Lucinde war sich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu gut bewußt ; wie hätte sie von den Männern , statt Aufklärungen zu geben , welche verlangen können ! Sie müssen ermüdet sein ! Setzen Sie sich ! Diese Leute sind stark genug , Sie den Weg , der nicht zu kurz ist , in meine Wohnung zu tragen ! So sprach wiederholt der Neuhinzugekommene , ein hagerer , langer Mann , von gelassenem Wesen . Sie mußte nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorfgeistlichen vermuthen . Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgestanden und hielt sich immer nur in einiger Entfernung , faltete die Hände und betrachtete Lucinden wie ein Wunder , das sie in dieser Umgebung , in ihrem wilden und doch eleganten Aufzuge allerdings auch war . Ermüdet und schwach bis zum Umsinken , ließ sie sich die Dienstleistungen der Leute gefallen , duldete , daß man sie auf den Sessel hob , diesen dann kräftig erfaßte und sie so aus dem jetzt schon vom Monde beschienenen und von Leuchtkäfern und schwärmenden Phalänen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald zurücktrug . Die Träger sprachen nichts als was zur Verständigung des bessern Handhabens des Stuhles gehörte ; auch die beiden andern , der Kammerherr und der , den sie für einen Geistlichen hielt , folgten schweigend . Lucinde , so dahingetragen den schmalen düstern Waldweg , glaubte noch immer zu träumen , und doch war alles Wirklichkeit . Diese geisterhaften Lichter , die der Mond zwischen die hohen Stämme warf , waren zu natürliche . Aber das Gefühl , einer Gefahr entgegenzugehen , konnte hier nicht aufkommen . Die beiden Männer blieben zwar in lebhaftem