Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben ! Heil ihr ! « rief ' s von allen Seiten , » Heil , sie ist frei ! « Die Schulbänke wurden in Ordnung gestellt , der Ausgang gelichtet , springend und jubelnd geleiteten sie die Gefangene zurück . Im Hintergrund flogen die Pergamentblätter der » Logica « als Freudenzeichen in die Höhe , selbst Notker Labeos Mundwinkel neigten sich zu einem gröblichen Lachen , und Frau Hadwig sprach : » Sie waren recht huldvoll , die jungen Herren ; wollet die Rute wieder in Verschlag tun , Herr Professor ! « An ein Weitererklären des Aristoteles war heut nicht mehr zu denken . Ob die Ausgelassenheit der Schüler nicht in nahem Zusammenhang mit ihrem Studium der Logik stand ? Der Ernst ist oftmals ein gar zu dürrer , blattloser , hohler Stamm , sonst hätt ' die Torheit nicht Raum , ihn üppig grün zu umranken ... Wie die Herzogin mit dem Abt den Hörsaal verlassen , sprach dieser : » Es übrigt noch , Euch des Klosters Bücherei zu zeigen , die Arzneikammer lernbegieriger Seelen , das Zeughaus für die Waffen des Wissens . « Aber Frau Hadwig war ermüdet , sie dankte . » Ich muß mein Wort halten « , sprach sie , » und die Schenkung an Eure Schulknaben urkundlich machen . Wollet die Handfeste aufsetzen lassen , daß wir sie mit Unterschrift und Sigill versehen . « Herr Cralo führte seinen Gast nach seinen Gemächern . Den Kreuzgang entlang wandelnd , kamen sie an einem Gelaß vorüber , des Türe war offen . An kahler Wand stand eine niedere Säule , von der in halber Mannshöhe eine Kette niederhing . Über dem Portal war in verblaßten Farben eine Gestalt gemalt , sie hielt in magern Fingern eine Rute . » Wen der Herr lieb hat , züchtigt er ; er stäupet einen jeglichen , den er zum Sohne annimmt « ( Hebr . XII , 6 ) , war in großen Buchstaben darunter geschrieben . Frau Hadwig warf dem Abt einen fragenden Blick zu . » Die Geißelkammer65 ! « sprach er . » Ist keiner der Brüder zur Zeit einer Strafe verfallen « , fragte sie , » es möcht ' ein lehrreich Beispiel sein ... « Da zuckte der böse Sindolt mit dem rechten Fuß , als wär ' er in einen Dorn getreten , rückte sein Ohr rückwärts , wie wenn von dort eine Stimme ihm riefe , sprach : » Ich komme sogleich « , und enteilte ins Dunkel des Ganges . Er wußte warum . Notker , der Stammler , hatte nach jähriger Arbeit die Abschreibung eines Psalterbuchs vollendet und es mit zierlich feinen Federzeichnungen geziert ; das hatte der neidische Sindolt nächtlicherweile zerschnitten und die Weinkanne drüber geschüttet . Drob war er zu dreimaliger Geißelstrafe verdammt , der letzten Vollzug stand noch aus : er kannte das Örtlein und die Bußwerkzeuge , die ihrem Rang nach an der Wand hingen , vom neunfältigen » Skorpion « herab bis zur einfachen » Wespe « . Der Abt drängte , daß sie vorüberkamen . Seine Prunkgemächer waren mit Blumen geschmückt . Frau Hadwig warf sich in den einfachen Lehnstuhl , auszuruhen vom Wechsel des Erschauten . Sie hatte in wenig Stunden viel erlebt . Es war noch eine halbe Stunde zum Abendimbiß . Wer zu dieser Frist einen Rundgang durch des Klosters Zellen gemacht , der hätte sich überzeugen mögen , wie kein einziger Bewohner des Stiftes unberührt vom Eindruck des vornehmen Besuchs geblieben . Auch die weltabgeschiedensten Gemüter fühlen , daß einer Frau Huldigung gebührt . Dem grauen Tutilo war ' s beim Empfang schwer aufs Herz gefallen , daß der linke Ärmel seiner Kutte mit einem Loch geschmückt war ; sonst wär ' s wohl bis zum nächsten hohen Festtag ungeflickt geblieben , aber itzt galt kein Verzug ; mit Nadel und Zwirn gewaffnet saß er auf dem Schragen und besserte den Schaden . Und weil er gerade im Zug war , legte er auch seinen Sandalen eine neue Sohle an und festigte sie mit Nägeln . Er summte eine Melodei , daß die Arbeit besser gedieh . Radolt , das Denkmännlein , ging mit gerunzelter Stirn auf seiner Zelle auf und nieder , vermeinend , es werde sich eine Gelegenheit ergeben , in frei ersonnener Rede des hohen Gastes Ruhm zu preisen . Den Eindruck unmittelbaren Ergusses zu erhöhen , studierte er sie vorher . Er wollte des Tacitus Spruch von den Germanen66 zugrund ' legen : » Sie glauben auch , daß den Frauen etwas Heiliges und Zukunftvoraussehendes inwohne , darum verschmähen sie niemals ihren Rat und fügen sich ihren Bescheiden . « Es war dies fast das einzige , was er aus Hörensagen von den Frauen wußte , aber er zwinkte mit den Eichhörnleinsaugen und war sicher , von dort unter etlichen bissigen Ausfällen auf seine Mitbrüder einen Übergang zum Lob der Herzogin zu finden . Leider blieb die Gelegenheit zur Anbringung einer Rede aus , weil er sie nicht zu finden verstand . In anderer Zelle saßen der Brüder sechs unter dem riesigen Elfenbeinkamm67 , der an eiserner Kette von der Decke herabhing , - Abt Hartmuths nützliche Stiftung - die vorgeschriebenen Gebete murmelnd , erwies einer dem andern den Dienst sorglicher Glättung des Haupthaares . Ward auch manch überwachsene Tonsur in jener Zeit zu strahlendem Glanze erneut . In der Küche aber ward unter Gerold , des Schaffners , Leitung eine Tätigkeit entwickelt , die nichts zu wünschen übrigließ . Jetzo läutete das Glöcklein , dessen Ton auch von den frömmsten Brüdern noch keiner unwillig gehört , der Ruf zur Abendmahlzeit . Abt Cralo geleitete die Herzogin ins Refektorium . Sieben Säulen teilten den luftigen Saal hälftig ab , an vierzehn Tischen standen , wie Heerscharen der streitenden Kirche , des Klosters Mitglieder , Priester und Diakonen ; sie erwiesen dem hohen Gast keine sonderliche Aufmerksamkeit . Das Amt des Vorlesers68 vor dem Imbiß stund