die ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte . Ihre Lippen fanden sich . Alice wußte jetzt genug , um länger zu widerstreben . In dem Rausche der Leidenschaft , in den sie den schönen Mann versetzte , legte sich seine Seele völlig klar ihren Augen dar und war noch eine Falte übrig gewesen , so hatte sich diese unter der liebkosenden Hand der schönen verführerischen Frau schiegsam geglättet . Es schlug 5 Uhr , als sich Alice aus den Armen des Fürsten emporraffte . - Lebe wohl , Geliebte - in Berlin sehn wir uns wieder . Zweites Buch I Es war ein unfreundlicher Märzabend . Auf den Straßen Berlins lag ein dichter Nebel , den zu durchdringen die zahlreichen Gasflammen sich vergebens anstrengten . Mit raschen Schritten und tief in Mäntel gehüllt oder unter schützenden Regenschirmen sich bergend eilten die geschäftigen Bewohner der preußischen Residenz auf dem feuchtglänzenden Trottoir an einander vorüber . Auf dem Thurme der Nikolaikirche in der Poststraße schlug es 8 Uhr . Zahlreich strömten aus den Tabaksfabriken der Königsstadt die Arbeiter und Arbeiterinnen , um sich nach ihren Familien in den Vorstädten zu begeben . Nicht wie die Schnitter und Schnitterinnen auf dem Lande unter fröhlichem Scherz und munterem Gelächter , wenn sie dem mit Garben hochbeladenen Wagen folgend am Abend nach vollbrachtem Tagewerk ins Dorf ziehen : - lautlos und finster schlichen sie dahin , und nur eine Hoffnung beflügelte ihre Schritte , im Schlaf das Bewußtsein ihres qualvollen Daseins los zu werden . - Und wohl ihnen , wenn dies Bewußtsein in ihnen noch lebendig war , aber bei den meisten war statt dessen eine stumpfe Indifferenz vorhanden , die sie gegen Trost und Hoffnung , wie gegen den Schmerz und die Entbehrung gleicherweise unempfindlich machte . Unter den jungen Mädchen , welche aus dem hellerleuchteten Laden des Fabrikanten P .. in der Königsstraße heraustraten , wäre dem aufmerksamen Beobachter vielleicht nur eins aufgefallen , in dessen Gesicht sich noch das Gefühl der Herabwürdigung abspiegelte ; und doch war gerade dieses eine der ältesten Cigarrenwicklerinnen der Fabrik . Sie hieß Anna und war 16 Jahre alt . Um sich besser gegen den allmälig zum Regen gewordenen Nebel zu schützen , hatte sie ein dunkelbraunes , grobwollenes Tuch um den Kopf und Hals geschlungen , so daß man nur ihre dunkelblauen Augen , aus denen eine in diesem Alter selten verständige Resignation sprach , so wie ihre feingeschnittene Nase erkennen konnte , so richtete sie , abgesondert vom großen Haufen , einsam ihren Weg nach einer der düstern nordöstlich gelegenen Vorstädte . Es war heute Zahltag gewesen : sie brachte den Lohn für die Arbeit einer ganzen Woche mit nach Hause . Sie rechnete nach , wie viel jede Stunde , die sie in der Fabrik angestrengt gearbeitet , ihr eingetragen habe und brachte endlich heraus , daß es im Durchschnitt fünf Pfennige ausmache . Fünf Pfennige für eine ganze lange Stunde - das war freilich wenig , um eine ganze Familie damit zu ernähren . Denn Anna mußte außer ihren Eltern noch fünf Geschwister , vor denen das jüngste noch an der Mutter Brust war , unterstützen . Zwar hatte sie noch einen ältern Bruder - Rudolph , oder wie er gewöhnlich genannt wurde : Ralph - ein fleißiger und geschickter Maschinenbauer . Aber der war seit einiger Zeit ein ganz anderer Mensch geworden : früher heiter und lebensfroh , jetzt düster und in sich gekehrt . Ihr Vater , der alte Naumann , war ein geschickter Tischler , da er jedoch schon lange keine Arbeit mehr erhielt und die Noth groß war , so hatte er sein Arbeitszeug verkaufen müssen und flocht jetzt Körbe . Aber das brachte auch wenig oder nichts ein . Der Winter war sehr hart gewesen , sie hatten die Miethe nicht bezahlt und es war vorauszusehen , daß der Wirth des Familienhauses - sie wohnten in einem Familienhause im Voigtlande - ihnen im Kurzen , wie man zu sagen pflegt , den Stuhl vor die Thüre setzen würde . Bei der Klasse von Menschen , zu denen die Naumannsche Familie gehörte , ist es etwas sich ganz von selbst Verstehendes , daß die Kinder , sobald sie die Jahre erreicht haben , wo die Sprößlinge » anständiger Leute « anfangen , das Gymnasium oder die höhere Töchterschule zu besuchen , ihre Schuld an die Familie durch Arbeit abtragen . Darin liegt nicht etwa ein sentimentaler Anstrich von Edelmuth , oder Aufopferungsfähigkeit , oder Elternliebe - im Allerentferntesten nicht ; sondern die Kinder sind in dieser Sphäre der Gesellschaft ein Kapital , dessen Herstellung bis zu dem Punkte , wo es seine Zinsen trägt , » gekostet « hat und nun von diesem Punkte an nicht nur durch sich selbst existiren , sondern auch einen Ueberschuß zur Amortisation der Beschaffungskosten abwerfen muß . - Es war deshalb der guten Anna auch nie in den Sinn gekommen , aus ihrer arbeitsamen und entsagungsreichen Lebensart das erhebende Bewußtsein einer sie ehrenden Handlungsweise zu schöpfen , ein Bewußtsein , das sie vielleicht gestärkt und ermuthigt hätte : Diese Reflexion lag ihr durchaus fern , sie sah darin nichts weiter als ihre » Bestimmung « , der sie nicht entgehen könne . Zwar stieg wohl zuweilen , wenn sie ihre kleinen , aber von der beißenden Lauge , worin sie die Tabaksblätter wusch , zerfressenen , harten Hände betrachtete , in ihr die Frage auf : warum denn gerade sie und so viele andere ihrer Mitarbeiterinnen zu dieser beschwerlichen und wenig lohnenden Arbeit » bestimmt « seien , während es so viele junge Mädchen giebt , die ihren Tag damit hinbringen , sich zu putzen und ins Theater zu fahren - aber solche Vergleichungen kamen erstens sehr selten und gingen auch , da sie sich keine Antwort darauf zu geben wußte , spurlos vorüber . Als sie heute ihre Rechnung überschlug , wurde wieder jene Frage in ihr wach und eine Bitterkeit , wie sie sie bis jetzt noch nicht gefühlt