; die in dem flüchtigen Genuß des Augenblicks nicht aufzugehn vermögen ! Da schlürfen sie , die Diplomaten , die Aristokraten , die ganze Seligkeit eines komfortablen Lebens , spielen , wie Mückenschwärme in der Abendsonne , während es in den Völkern rollt und grollt , wie Donner ferner Revolutionen , und ihre Blitze aufzucken am Horizont der Geschichte ! Ein gewandter Styl , eine glückliche Wendung , ein Federstrich , eine Laune hat über das Schicksal ganzer Nationen entschieden , deren blutige Heldenthaten nichts waren , als Tagelöhnerdienst im Sold der Diplomatie , welche Siege und Niederlagen , das credit und debet der Geschichte , in ihre offiziellen Contobücher eintrug ! Doch die Zeit wird und muß anders werden ; es sind nicht blos Gespenster , die in meinem Kopf herumpoltern ; es ist ein Geist , der draußen in den Völkern groß wird , eine neue Geschichte nervig und markig , die nicht mehr in den Salons der bevorzugten Stände die diplomatischen Polonaisen aufführt , um deren Gunst man nicht freit mit Glacé-Handschuhen und eleganten Phrasen ; nein , eine ungezogene , demokratische Geschichte mit der wilden Musik der Ça ira ' s , dem stürmischen Aufjauchzen einer lang unterdrückten Volkskraft . Die Kirche und Pfaffen der Restauration haben das Volk lange genug mit ihren Hungersuppen gespeist ! Panis et circenses - Brodt will das Volk ; die blutigen Spiele giebt es aus eigenen Mitteln dazu ! Das nennen sie : leben ! Aus einem Boudoir in das andere , aus einem Salon in den andern , tanzend über das Parquet mit gefirnißten Stiefeln , oder den Estricht fegend mit den Schleppen ihrer Kleider ! Eine Minute jagt athemlos der andern nach ; und so hetzen sie sich selbst durch das Leben ! Und mit wilder Gier häufen sie Amüsement auf Amüsement , nur die Stunden auszufüllen , und dennoch fühlen sie immer wieder , trostlos und geängstigt , die ewige , fürchterliche Leere . Und was ist aus den Frauen geworden ? Wir Burschenschafter glaubten an das Ideal der Jungfräulichkeit . Es war eine Reminiscens aus Tacitus oder aus dem katholischen Glauben des Mittelalters . Doch die Zeit der alten , germanischen Frauen ist vorübergegangen , wie die Zeit der Madonnen . Jede Zeit hat ihr eigenes Recht . Nicht in der Entsagung , sondern in der liebenden Hingabe finden wir die edle Weiblichkeit . Eine reflektirende Zeit , die in den Gedanken , in das Bewußtsein die Göttlichkeit setzt , kann keinen Respekt mehr haben vor paradiesischer Unschuld und Bewußtlosigkeit , die nur einem naiven Zeitalter eigen ist . Darum wäre es thöricht , von den Frauen solche utopische Gedankenarmuth zu fordern , oder wohl gar das weibliche Ideal in diesen schuldlosen Zustand zu setzen , der bei unseren Verhältnissen nur gemacht sein kann , eine affectirte Prüderie . Eine andere Schranke aber muß die Weiblichkeit wahren ; und wenn sie die Scylla der Prüderie vermeidet , nicht in die Charybdis der Prostitution gerathen . Prostitution aber ist die Hingabe der Liebe , in oder außer der Ehe , ist das Wegwerfen der eigenen Persönlichkeit ! Diese hoch zu halten , diese nur gegen den Preis der Liebe hinzugeben , dies schöne Maß zu bewahren - das ist in unserer Zeit des Weibes einzige Unschuld und Sittlichkeit . Nichts geht doch über eine harmonische Erscheinung ; der Triumph , den die Natur in ihren Schöpfungen feiert ! Wenn der Körper zum lebendigen Ausdruck der Seele geworden , jede seiner Bewegungen ihre Grazie athmet , und das Ebenmaß seiner Formen ein Abbild ist ihrer innern , maßvollen Schönheit : dann ist schon der Anblick eines solchen Wesens Göttergenuß , ein trunkenes Schwelgen in den ewigen Rhythmen der Welt ! Ich habe ein solches Weib gesehn , und ich bin andächtig geworden ! O es giebt einen schönen Katholicismus des Herzens , der mich zum Proselyten machen könnte ! Eine solche gnadenreiche Madonna in ihrer Glorie , eine fleischgewordene Offenbarung der ewigen Schönheit kann Wunder thun an mir ! Und sie befreit den Geist und knechtet ihn nicht ; denn Schönheit ist Freiheit . Leidenschaftlich , rücksichtslos folgt er ihrem Schritt , hängt sich an ihre Fersen ! Denn die Herren der Welt machen ihre Rechte geltend , und fordern die Schönheit als ihr Regal ! Mit dem unwiderstehlichen Zauber ihrer Macht , der die fluchwürdig erniedrigte Sclavenwelt mit den Schauern der Unterthänigkeit schüttelt , sprengen sie alle Riegel , die man vorsichtig dem Gewissen des Volkes vorschiebt , und sanktioniren das Verbrechen , indem sie es selber begehn ! Es liegt etwas Großes in der ungebundenen Schrankenlosigkeit eines nur sich selbst gehorchenden Lebens ! Doch wenn diese Größe ein Recht der Menschheit ist , so darf sie nicht ein Vorrecht Einzelner sein . So kann sie nur zerrütten , zerstören ; und ich werde ankämpfen gegen dies Monopol des Verbrechens bis zum letzten Athemzug ! Ein schöner Nachmittag ! Dies Weib ist Poesie ; ihr ganzes Wesen ein Gedicht ! Mir war ' s , als umschwebten sie all ' die herrlichen Geister der Vergangenheit , von den lieblichen Idyllen Griechenlands , über denen ein ewig heiterer Himmel ruht , wie das klare Auge eines Gottes , bis zu Petrarkas träumender Romantik , die an Vaucklüsens rauschendem Quell der Liebe unsterbliche Lieder singt ! Und dann wetterleuchtet ' s wieder auf in ihr von modernen Gedankenblitzen , aus dem Schoß einer zerrissenen , gährenden Zeit geboren , prophetisch die dunklen Tiefen der Zukunft erleuchtend ! Der Besitz eines solchen Weibes wäre der Schlüssel zu allen Mysterien des Lebens , zu allen Offenbarungen der Poesie . Ich habe nie geliebt ! Auch das ist nicht Liebe ! Liebe ist unruhig und voller Wünsche ; stets unzufrieden mit dem Nächsten , stets hinauslangend in die Ferne ! Von einer Stufe der Seligkeit strebt sie nach der höhern hinan ; und ihre Himmelsleiter ist unendlich ! Ich bin ruhig und zufrieden , glücklich , wenn ich vor roher Hand ein