und ohne ein Wort hinzuzufügen , adressirte er sie an den Grafen . Dieser ließ durch öffentliche Blätter bekannt machen , daß er durch einen Irrthum eine Banknote von funfzig Thalern zugeschickt erhalten , und forderte zu einer Erklärung darüber auf . Die Erklärung blieb aus , er gab später eine gleiche Summe an die Armencasse der Stadt . Thalheim versah wieder pünktlich sein Lehramt am Institut . Aber wie verändert fanden ihn die Pensionärinnen , als er wieder in ihrer Mitte erschien ! Die stille , edle Heiterkeit , welche sonst oft über sein ganzes Wesen gehaucht war , und den hohen Ernst seines Antlitzes milderte , war spurlos davon verschwunden . Gram und Sorgen schienen immer tiefere Furchen in seine Stirn zu graben . Er brachte keine Freudigkeit mehr mit zu seinem Geschäft , denn alle Freudigkeit seines Herzens war verschwunden . Amalie hatte ihm gestanden , daß sie ihn hintergangen , daß sie ihn nie geliebt hatte . Der letzte Sonnenblick war mit dem kalten Wettersturm dieses einzigen Wortes für immer aus seinem ehelichen Leben verschwunden ; diese ganze Ehe war für ihn selbst zu einer entsetzlichen Lüge geworden ; und wie sollte er eine solche Lüge ruhig ertragen , dessen ganzes Reden und Handeln Wahrheit war ? - Amalie war stiller , in sich gekehrter , sie behandelte den Gatten mit mehr Zartgefühl und Sanftmuth , als früher - aber das verhängnißvolle Wort war doch gesprochen worden , es konnte nicht wieder zurückgenommen werden . Thalheims Milde gegen sie war unveränderlich , wie früher - aber er näherte sich ihr mit keinem zärtlichen Wort , keinem innigen Blick mehr , er schlang nie mehr , wie sonst , seinen Arm um sie , er drückte keinen Kuß mehr auf ihre Lippen . Von Jaromir , von jener Stunde war zwischen ihnen niemals mehr die Rede , und doch stand die Erinnerung an sie immer lebendig vor Beiden , und also auch immer zwischen Beiden . Thalheims Entschluß war gefaßt . Er hatte ihn lange geprüft und erwogen , nun stand er unerschütterlich fest . - Freiherr von Waldow und Graf Osten suchten für ihre beiden Söhne einen Lehrer , welcher dieselben zugleich als Mentor auf Reisen begleiten könne . Er hatte sich dazu gemeldet , und war mit Freuden angenommen worden . Der Gehalt , den man ihm zusicherte , war bedeutender , als sein bisheriger . Er hatte diesen Schritt gethan , weil er fühlte , er könne nicht mehr an der Seite seiner Gattin leben , er mußte fort von ihr , andere Luft , andere Menschen um sich haben . Er liebte seine Gattin - auch noch jetzt , wo er wußte , daß dieses Gefühl nie eine ähnliche Erwiderung gefunden . Ihre Fehler und Schwächen , die er nicht zu verkennen vermogt hatte , nahm er nicht für individuelle , er entschuldigte sie mit der Schwäche des ganzen weiblichen Geschlechtes . Amalie war sein nach Recht und Gesetz , nach dem Ausspruch und Segen der Kirche , sein durch jahrelange Gewohnheit des innigsten Miteinanderlebens , und er liebte sie als sein trautes Weib - aber von jenem Augenblicke an , als sie ihm die ganze Wahrheit ihrer Gefühle gestanden hatte , ward dieses Verhältniß für ihn zu einer ungeheuern Lüge - er konnte sie nicht mehr vor Gott als die Seine betrachten , und daß er es noch vor den Menschen mußte , war ihm peinlich . Deshalb suchte er eine Stelle , welche ihm Gelegenheit bot , sich von ihr zu trennen , ohne daß deshalb ihre Umgebung ihr ganzes Verhältniß durchschauen konnte . Auch ihn hatten Sorgen und Arbeit kränklich gemacht , der Arzt rieth zu einer Reise . Thalheim hatte dazu keine Mittel , wenn er nicht diese Reise selbst mit seinem Beruf als Lehrer oder mit irgend einem Amt verbinden konnte - er ergriff also die Gelegenheit , die jungen vornehmen Leute zu begleiten , und kehrte dann neugestärkt zu seiner Gattin zurück . Von diesem Standpunkt aus konnte seine Umgebung die Veränderung seiner Verhältnisse betrachten , obwohl nebenbei auch nicht gehindert werden konnte , daß andere Gerüchte darüber im Publikum umliefen . Während er nun noch daheim weilte , und Amalie , welche wieder kräftig genug war , in den Zimmern umherzugehen , der neben ihr wohnenden Blumenfabrikantin den ersten Besuch gemacht hatte , und bei dieser unverholen klagte über die tägliche häusliche Noth , kam die Sängerin Bella auch herab , um für sich selbst einen Blumenschmuck auszuwählen . Henriette Krauß war geschwätzig und gutmüthig zugleich , und erzählte Bella im Nebenzimmer , wie krank Amalie gewesen , und in welche Noth sie dadurch gekommen , und bat zugleich um eine Unterstützung für sie . Bella war leicht gerührt und immer überaus wohlthätig , sobald ihr dies keine große Mühe machte . Ihre Wohlthaten ertheilte sie immer auf eine einfache , vertrauliche und deshalb ungewöhnliche Weise . Sie schrieb einfach an Amalie : » Die Glücksgüter auf der Erde sind ungleich vertheilt . Indem ich mir einen Abend das Vergnügen mache , öffentlich zu singen , verdiene ich zuweilen Hunderte . - Andere vermögen dies bei angestrengter Arbeit in Jahren nicht . Ich halte es also für meine Pflicht , wenigstens im Kleinen für eine Ausgleichung dieser Ungleichheiten zu sorgen , und da ich gehört habe , daß Sie minder glücklich sind , als ich , bitte ich , die beifolgende Kleinigkeit von meinem Ueberfluß anzunehmen . Lassen Sie aber von dem , was zwei Frauen unter sich ausmachen , keinen Mann etwas wissen , der männliche Stolz hat für mich oft etwas Beleidigendes . Wenn Sie mein Anerbieten nicht annehmen , kommt es in minder gute Hände , und das sollte mir leid thun . Bella . « Mit diesen aufrichtigen Worten erhielt Amalie am andern Tag eine kleine Summe in Geld , welche durch die ungezwungene Art , mit der sie geboten ward , ihr doppelt willkommen war . Sie erfüllte den Wunsch der