' ich wol das Richtige gedacht haben . Meine Angst war zu groß . « Als er am andern Tage eine Promenade vorschlug , antwortete sie : » Das haben Sie verscherzt ! ich habe das Vertrauen zu Ihnen verloren . Sie lassen mich einsam auf der sumpfigen Wiese . « Er gelobte und flehte . Aber Faustine ging nicht mehr . Ihre Abreise rückte ganz nah heran , und sie verbarg nicht , wie sehr sie sich darüber freute . Clemens war wie vernichtet . Am letzten Abend , als sie zufällig allein waren , faßte er Muth und fragte : » Wüßte ich nur , ob Sie ohne Verdruß an mich denken ! « Auf Faustinens Lippe schwebte ein Lächeln , das soviel bedeutete , als : ich denke ja gar nicht an Dich . Sie sagte gleichgültig : » Sie haben mir gar nichts Leides gethan . « » Doch ! jenen Abend auf der Waldwiese .... « - » Das sollt ' ich übel genommen haben ? nein , guter Clemens , beruhigen Sie sich . Wir scheiden wie wir uns fanden - als gute Freunde . « » Und thun die nichts für einander ? « » Schwerlich ! « rief sie heiter . » Freunde thun schon wenig genug für einander - aber gute Freunde wünschen sich glückliche Reise , und damit Basta ! « » Würden Sie mir nicht erlauben Ihnen zu schreiben ? « » Da ich schwerlich Zeit haben würde , Ihnen zu antworten , so mein ' ich , daß Sie von dieser Erlaubniß keinen Gebrauch machen möchten . « » Sie sind von einer eisigen , übermenschlichen Kälte ! Fünf Wochen haben Sie hier gelebt , so freundlich , so liebenswürdig , daß es eine Wonne war , mit Ihnen zu verkehren , Sie zu sehen , sich von Ihnen anstrahlen zu lassen - und nun gehen Sie , als wäre Alles Spaß oder gar nicht gewesen . « » Ich gehe mit derselben freundlichen , theilnehmenden Gesinnung , die ich beim Kommen hatte . Kummer über meine Abreise zu affectiren würde gewiß lächerlich sein . Ich bin sehr gern hier gewesen , zwischen guten Menschen , aber ich gehe auch gern ; denn heimisch bin und werde ich hier nicht . « » Und wann werd ' ich Sie wiedersehen ? « » Müssen Sie mich denn durchaus wiedersehen ? « » Durchaus ! « sagte er fest . » O Gott , nur sehen ! das können Sie mir doch gönnen ? « » Wenn es Ihnen zu etwas hilft , Sie fördert - gern ! wenn nicht - ungern ! Ueberlegen Sie sich das . « » Sie sind schauerlich , Faustine ! « » Hab ' ich denn Unrecht ? - Kommen Sie , wir wollen Schach spielen . « Sie spielten ; doch Clemens so unaufmerksam , daß Faustine ihm seine Königin nehmen konnte . » Die Königin ist fort , das Spiel ist aus , « sagte er und verließ das Zimmer . Der allgemeine Abschied am nächsten Morgen war herzlich und kurz . Einen besondern nahm Clemens nicht . Faustine kam zu Andlau mit jubelvoller Freudigkeit . » Nun will ich wieder leben , « sagte sie . » Ich muß zum Leben einen weiten Horizont , einen hohen Standpunkt , eine schöne Aussicht , eine reine Atmosphäre haben - Alles haben , was ich auf hohen Bergen finde , und was Deine Nähe , Dein Umgang , Dein Wesen mir geben . Ohne Dich wandle ich im Thal umher , immer den Ausgang suchend , immer auf die Berge verlangend , durstend nach Luft , nach Freiheit , nach Dir , Anastas ! « Strahlendes Glück lag auf ihrem schönen Antlitz , aber sie weinte . Sie schloß Andlau mit jener Kraft in die Arme , welche den Mann schauern macht , weil er darin die Herrschaft der Seele über den Körper wahrnimmt . Er ist von Kindheit auf gewöhnt , dessen Kräfte zu üben , er führt die Waffen , er theilt die Wellen , er bändigt die Pferde ; Ernst und Scherz , eiserne Nothwendigkeit und fröhliche Erholung machen ihn stark . Neigung , Gewohnheit , Erziehung machen heutzutage aus der Frau ein gebrechliches Wesen ; aber man stelle sie mit einer Leidenschaft dem Manne gegenüber , und er wird zittern - so wie man beim Erdbeben zittert . Andlau suchte immer Faustinens wetterleuchtendes Wesen zu beruhigen . Sie war zauberhaft schön mitten in den Stürmen der Empfindung , so wie im Grunde alle Menschen nur dann schön sind , wenn sie sich in ihrem eigenthümlichen Element bewegen ; allein er liebte sie so sehr , daß er weniger Freude darüber hatte , sie in ihrer Herrlichkeit zu sehen , als er Furcht empfand , daß die häufige Wiederkehr oder die Dauer solcher Momente das irdische Leben aufzehren könnten . Die Liebe sorgt stets um das Geliebte , obgleich ihre Sorge fast immer so überflüssig wie Andlaus Furcht ist . Kein Fisch ist gestorben , weil man ihn ins Wasser gelassen hat . Der Himmel und ich - pflegte Faustine zu sagen - wir müssen uns ausdonnern ; das ist unsre Natur , und ihr Leute mit euern Blitzableitern langweilt uns sehr . » Warum weinst Du denn jetzt , Ini ? « fragte Andlau ; » ehe Du bei mir warst , hattest Du doch einen Grund - aber jetzt ? .... « - » Pedant ! « rief sie ; » soll ich mich etwa nach Regeln freuen ? Wenn Jubel , Küsse , Liebkosungen nicht ausreichen , so kommen Thränen und Klagen an die Reihe . Jenes ist Glück im Sonnenlichte , dieses im Mondschein . Auf die Beleuchtung kommt ' s ja nicht an , wenn ' s nur überhaupt etwas zu beleuchten giebt . « » Aber Thränen erinnern doch an Schmerz , und ich möchte gern , daß Du bei mir ohne Schmerz