wenn ich an Sie schreib , dann weiß ich , daß ich eine Heimat habe ; es ist die Zeit , daß die Leut Feldgötter im Weinberg aufstellen , um die Sperlinge von den Trauben zu scheuchen ; heut morgen konnt ich nicht begreifen , was für ein wunderbarer Besuch sich so früh im Weingarten aufhalte , der mir durch den dicken Nebel schimmerte ; ich dachte erst , es wär der Teufel , denn er hat einen scharlachroten Rock und schwarze Unterkleider und goldpapierne Mütze ; und am Abend in der Dämmerung fürchtete ich mich dran vorbeizugehen und zwar so sehr , daß ich wieder umkehrte und nicht bis ans Wasser ging , wie ich jeden Abend tue ; und wie ich wieder im Zimmer war , da dachte ich , wenn mich jemand Liebes dort hinbestellt hätte , so würd ich wohl nichts von Furcht gespürt haben ; ich ging also noch einmal und glücklich an dem Lumpengespenst vorbei , denn dort wartet ja wohl etwas Liebes auf mich ; die stille weit verbreitete Ruhe über dem breiten Rhein , über den brütenden Weinbergen , wem vergleiche ich die wohl als dem stillen ruhigen Abend , in dem mein Andenken ihm einen freundlichen Besuch macht und er sich ' s gefallen läßt , daß das Schifflein mit meinen kindischen Gedanken bei ihm anlande . Was ich in so einsamer Abendstunde , wo die Dämmerung mit der Nacht tauscht , denke , das kann Sie sich am besten vorstellen , da wir es tausendmal miteinander besprochen haben , und haben so viel Ergötzen dabei gehabt . Wenn wir miteinander zu ihm gereist kämen , das denk ich mir immer noch aus . - Damals hatte ich ihn noch nicht gesehen , wie Sie meiner heißen Sehnsucht die Zeit damit vertrieb , daß Sie mir seine freudige Überraschung malte und unser Erscheinen unter tausenderlei Veränderungen ; - jetzt kenne ich ihn und weiß , wie er lächelt und den Ton seiner Stimme , wie die so ruhig ist und doch voll Liebe , und seine Ausrufungen , wie die so aus dem tiefen Herzen anschwellen , wie der Ton im Gesang ; und wie er so freundlich beschwichtigt und bejaht , was man im Herzensdrang unordentlich herausstürmt ; - wie ich im vorigen Jahr so unverhofft wieder mit ihm zusammentraf , da war ich so außer mir und wollte sprechen und konnte mich nicht zurechtfinden ; da legt er mir die Hand auf den Mund und sagt : » Sprech mit den Augen , ich versteh alles ; « und wie er sah , daß die voll Tränen standen , so drückt er mir die Augen zu und sagte : » Ruhe , Ruhe , die bekommt uns beiden am besten ; « - ja , liebe Mutter , die Ruhe war gleich über mich hingegossen , ich hatte ja alles , wonach ich seit Jahren mich einzig gesehnt habe . - O Mutter , ich dank es Ihr ewig , daß Sie mir den Freund in die Welt geboren , - wo sollt ich ihn sonst finden ! Lach Sie nicht darüber , und denk Sie doch , daß ich ihn geliebt hab , eh ich das Geringste von ihm gewußt , und hätt Sie ihn nicht geboren , wo er dann geblieben wär , das ist doch die Frage , die Sie nicht beantworten kann . Über die Günderode ist mir am Rhein unmöglich zu schreiben , ich bin nicht so empfindlich , aber ich bin hier am Platz nicht weit genug von dem Gegenstand ab , um ihn ganz zu übersehen ; - gestern war ich da unten , wo sie lag ; die Weiden sind so gewachsen , daß sie den Ort ganz zudecken , und wie ich mir so dachte , wie sie voll Verzweiflung hier herlief und so rasch das gewaltige Messer sich in die Brust stieß , und wie das tagelang in ihr gekocht hatte , und ich , die so nah mit ihr stand , jetzt an demselben Ort , gehe hin und her an demselben Ufer , in süßem Überlegen meines Glückes , und alles und das Geringste , was mir begegnet , scheint mir mit zu dem Reichtum meiner Seligkeit zu gehören ; da bin ich wohl nicht geeignet , jetzt alles zu ordnen und den einfachen Faden unseres Freundelebens , von dem ich doch nur alles anspinnen könnte , zu verfolgen . - Nein , es kränkt mich und ich mache ihr Vorwürfe , wie ich ihr damals in Träumen machte , daß sie die schöne Erde verlassen hat ; sie hätt noch lernen müssen , daß die Natur Geist und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines Geschickes annimmt , und daß Lebensverheißungen in den Lüften uns umwehen ; ja , sie hat ' s bös mit mir gemacht , sie ist mir geflüchtet , grade wie ich mit ihr teilen wollte alle Genüsse . Sie war so zaghaft ; eine junge Stiftsdame , die sich fürchtete , das Tischgebet laut herzusagen ; sie sagte mir oft , daß sie sich fürchtete , weil die Reihe an ihr war ; sie wollte vor den Stiftsdamen das Benedicite nicht laut hersagen ; unser Zusammenleben war schön , es war die erste Epoche , in der ich mich gewahr ward ; - sie hatte mich zuerst aufgesucht in Offenbach , sie nahm mich bei der Hand und forderte , ich solle sie in der Stadt besuchen ; nachher waren wir alle Tage beisammen , bei ihr lernte ich die ersten Bücher mit Verstand lesen , sie wollte mich Geschichte lehren , sie merkte aber bald , daß ich zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt war , als daß mich die Vergangenheit hätte lange fesseln können ; - wie gern ging ich zu ihr ! Ich konnte sie keinen Tag mehr missen , ich lief alle Nachmittag zu ihr ; wenn ich an die Tür des