mehreremale genannt , und dennoch war sie es nicht . Gabriele scheute nur das Unrecht , und war in ihrem Gemüthe bei aller ihrer Furchtsamkeit fest genug , um sich durch keine Ueberredung von dem abwenden zu lassen , was sie für das Rechte anerkannte , sobald sie aber ihren Irrthum einsah , war auch niemand bereitwilliger , ihn abzulegen , und Ernestos welterfahrnem , klarem Sinne gelang es immer , sie zum Beßern zu leiten . Eines Morgens traf sie dieser in sehr lebhaftem Gespräch mit ihrer Kammerjungfer . Er fürchtete , in einer wichtigen Toilettenangelegenheit zu stören , und wollte eben bescheiden sich zurückziehn , als er zu seiner großen Verwunderung entdeckte , daß die Rede von nichts geringerem sey , als von Alexanders des Großen Zug nach Indien . » Um Gotteswillen , was hat die kleine , hübsche Annette mit dem großen krummhälsigen Alexander zu thun ? « fragte Ernesto , so wie er mit Gabrielen allein war . Lächelnd erzählte ihm diese , wie sie das Mädchen bei allen Stunden ihres eignen Unterrichts habe im Zimmer mit seiner Handarbeit bleiben heißen , und wie es anfangs aus Langerweile , endlich mit wirklicher Theilnahme , eifrig zugehört und vieles gelernt und behalten habe . In freien Stunden machte es sich Gabriele jetzt zum angenehmen Geschäft , die oberflächlichen Bruchstücke , welche Annette , oft nur halb gehört , auffaßte , in ihrem Köpfchen zu ordnen , und sie gründlicher zu unterrichten . Jugendliche Freude am Lehren des eben Erlernten mochten an diesem Unternehmen wohl vielen Theil haben , mehr aber noch der Wunsch , dem artigen Mädchen nützlich zu seyn , das mit großer Liebe an seiner jungen Gebieterin hing , und sich dabei als eine äußerst gelehrige Schülerin bewies . » Sie glauben da etwas recht Vortreffliches zu stiften , liebe Gabriele , « sprach Ernesto zu seiner jungen Freundin , » ich aber fürchte , Sie bereiten dem armen Mädchen eine traurige Zukunft . Lassen Sie sich freundlich von mir warnen und an Annettens einstige Bestimmung errinnern . Wahrscheinlich wird sie die Frau eines Handwerkers , wenn es hoch kommt eines Krämers oder eines untergeordneten Beamten ; höheres darf sie nicht erwarten , und heirathen wird sie doch wollen , denn das will jedes Mädchen . Und nun denken Sie sich Annetten mit der geistigen Bildung , die Sie ihr zu geben im Begriff stehen , ein Paar Kinder um sie her , eine große Wäsche im Hause , und auf dem Heerde das Mittagsmahl für ihren Mann und vielleicht für noch ein Dutzend Gehülfen bei seinem Gewerbe ! « » Und warum sollte ich sie mir so nicht denken können ? « unterbrach ihn ziemlich lebhaft Gabriele ; » warum sollte diese geistige Bildung sie in der Uebung ihrer Pflicht hindern ? Sagt man mir doch , es stünden oft die geistreichsten Männer in Aemtern , welche ihrem Genius gerade entgegen streben , ohne daß weder ihre Pflicht noch ihr Talent darunter leiden . « » Sie vergessen , oder vielmehr Sie wissen noch nicht , liebe Gabriele , wie viel günstiger das Loos der Männer als das der Frauen fiel , « erwiederte Ernesto ; » wie viel Freiheit Jenen außer dem Hause bleibt , und wie schneckenartig diese das ihrige immer mit sich herumtragen müssen , wenn Reichthum sie nicht von den drückendsten Banden befreit . Sie kennen den Mittelstand nicht , « fuhr er fort ; » Ihr vornehmen Leute kennt ihn überhaupt alle nicht ; bittre Armuth , das höchste Elend , so wie alle Extreme kann Eure Fantasie Euch allenfalls malen , Mitleid führt Euch auch wohl ein paarmal in Eurem Leben in Hütten , aus denen Ihr mit einer Hand voll Eures überflüssigen Goldes alle Noth verbannt , aber das beschränkte Wesen von Menschen , welche einen sogenannten kleinen Haushalt führen müssen , bleibt Euch ewig verborgen . Ich aber kenne es , denn Künstler und Handwerker sind einander im Leben näher verwandt , als unser Hochmuth es eingestehen will . Schütteln Sie nicht so vornehm das Köpfchen , liebe Gabriele , es bleibt dennoch wahr , beide haben gleiche Hülfsmittel und oft gleiche Noth . Von dieser bezwungen , sinkt der Künstler in unsern Tagen nicht selten zum Handwerker herab , dafür aber erstanden auch in frühern Zeiten viele große Meister aus der engen Werkstatt des Handwerkers . « » Aber gerade den Mittelstand dachte ich mir immer als den glücklichsten , « wandte Gabriele , das Gespräch wieder zurücklenkend , ein . » Mann und Frau , jeder auf seine Weise , bringen den Tag im emsigen Bemühen für das Wohl der Ihrigen zu . Die Ruhestunden führen sie Abends wieder zusammen , sie erzählen einander die Geschichte ihres wohlgelungenen Tagewerks , und vergessen alle Mühe des Lebens beim gemeinschaftlichen Lesen eines Buchs , das ihren Geist aus dem Werkeltags-Staub wieder erhebt . Bei Musik , im geistreich erheiternden Gespräch , beim Zauber der Poesie , schwinden ihnen die Feierstunden , und jedes geht am folgenden Morgen frisch und fröhlich an die Arbeit und freut sich den ganzen Tag über auf den Abend . « » Sie malen da ein Bild , das Ihrer Fantasie alle Ehre macht , « sprach lächelnd Ernesto ; » leider aber ist es im wirklichen Leben ganz anders . Wenn Sie die höhere Klasse des Mittelstandes meinen , zu welcher der reiche , angesehne , große Kaufmann , der wohlhabende , auf den ersten Stellen stehende Beamte gehören , so haben sie Recht , dort ist es zuweilen so , und könnte es immer seyn . Aber zu den niedrigern Klassen , in welchen Annette einst leben wird , paßt dieses nicht . Können Sie sich wirklich einen Schneider oder Tischler denken , der das Leben führte , welches sie eben geschildert haben ? und setzen sie selbst den Fall , daß Annette einen untergeordneten Beamten oder einen Landprediger heirathete . Was diese Männer auf Universitäten an geistiger Bildung