ankündigten . Man zweifelte nicht mehr , daß sie ein Frauenzimmer von Stande sei , ausgestattet mit allen liebenswürdigen Geschicklichkeiten . Zuerst war ihr Spiel aufgeweckt und glänzend ; dann ging sie zu ernsten Tönen über , zu Tönen einer tiefen Trauer , die man zugleich in ihren Augen erblickte . Sie netzten sich mit Tränen , ihr Gesicht verwandelte sich , ihre Finger hielten an ; aber auf einmal überraschte sie jedermann , indem sie ein mutwilliges Lied , mit der schönsten Stimme von der Welt , lustig und lächerlich vorbrachte . Da man in der Folge Ursache hatte zu glauben , daß diese burleske Romanze sie etwas näher angehe , so verzeiht man mir wohl , wenn ich sie hier einschalte . Woher im Mantel so geschwinde , Da kaum der Tag in Osten graut ? Hat wohl der Freund beim scharfen Winde Auf einer Wallfahrt sich erbaut ? Wer hat ihm seinen Hut genommen ? Mag er mit Willen barfuß gehn ? Wie ist er in den Wald gekommen Auf den beschneiten , wilden Höhn ? Gar wunderlich von warmer Stätte Wo er sich bessern Spaß versprach , Und wenn er nicht den Mantel hätte Wie gräßlich wäre seine Schmach ! So hat ihn jener Schalk betrogen Und ihm das Bündel abgepackt : Der arme Freund ist ausgezogen , Beinah wie Adam bloß und nackt . Warum auch ging er solche Wege Nach jenem Apfel voll Gefahr , Der freilich schön im Mühlgehege Wie sonst im Paradiese war ! Er wird den Scherz nicht leicht erneuen ; Er drückte schnell sich aus dem Haus , Und bricht auf einmal nun im Freien In bittre , laute Klagen aus : » Ich las in ihren Feuerblicken Doch keine Silbe von Verrat ! Sie schien mit mir sich zu entzücken Und sann auf solche schwarze Tat ! Konnt ich in ihren Armen träumen , Wie meuchlerisch der Busen schlug ? Sie hieß den raschen Amor säumen , Und günstig war er uns genug . Sich meiner Liebe zu erfreuen , Der Nacht , die nie ein Ende nahm , Und erst die Mutter anzuschreien Jetzt eben , als der Morgen kam ! Da drang ein Dutzend Anverwandten Herein , ein wahrer Menschenstrom ! Da kamen Brüder , guckten Tanten , Da stand ein Vetter und ein Ohm ! Das war ein Toben , war ein Wüten ! Ein jeder schien ein andres Tier . Da forderten sie Kranz und Blüten Mit gräßlichem Geschrei von mir . Was dringt ihr alle wie von Sinnen Auf den unschuld ' gen Jüngling ein ! Denn solche Schätze zu gewinnen , Da muß man viel behender sein . Weiß Amor seinem schönen Spiele Doch immer zeitig nachzugehn : Er läßt fürwahr nicht in der Mühle Die Blumen sechzehn Jahre stehn . - Da raubten sie das Kleiderbündel Und wollten auch den Mantel noch . Wie nur so viel verflucht Gesindel Im engen Hause sich verkroch ! Da sprang ich auf und tobt ' und fluchte , Gewiß , durch alle durchzugehn . Ich sah noch einmal die Verruchte , Und ach ! sie war noch immer schön . Sie alle wichen meinem Grimme , Doch flog noch manches wilde Wort ; So macht ' ich mich mit Donnerstimme Noch endlich aus der Höhle fort . Man soll euch Mädchen auf dem Lande Wie Mädchen aus den Städten fliehn ! So lasset doch den Fraun von Stande Die Lust , die Diener auszuziehn ! Doch seid ihr auch von den Geübten Und kennt ihr keine zarte Pflicht , So ändert immer die Geliebten , Doch sie verraten müßt ihr nicht . « So singt er in der Winterstunde , Wo nicht ein armes Hälmchen grünt . Ich lache seiner tiefen Wunde , Denn wirklich ist sie wohlverdient ; So geh ' es jedem , der am Tage Sein edles Liebchen frech belügt Und nachts , mit allzu kühner Wage , Zu Amors falscher Mühle kriecht . Wohl war es bedenklich , daß sie sich auf eine solche Weise vergessen konnte , und dieser Ausfall mochte für ein Anzeichen eines Kopfes gelten , der sich nicht immer gleich war . » Aber « , sagte mir Herr von Revanne , » auch wir vergaßen alle Betrachtungen , die wir hätten machen können , ich weiß nicht , wie es zuging . Uns mußte die unaussprechliche Anmut , womit sie diese Possen vorbrachte , bestochen haben . Sie spielte neckisch , aber mit Einsicht . Ihre Finger gehorchten ihr vollkommen , und ihre Stimme war wirklich bezaubernd . Da sie geendigt hatte , erschien sie so gesetzt wie vorher , und wir glaubten , sie habe nur den Augenblick der Verdauung erheitern wollen . Bald darauf bat sie um die Erlaubnis , ihren Weg wieder anzutreten ; aber auf meinen Wink sagte meine Schwester : wenn sie nicht zu eilen hätte und die Bewirtung ihr nicht mißfiele , so würde es uns ein Fest sein , sie mehrere Tage bei uns zu sehen . Ich dachte ihr eine Beschäftigung anzubieten , da sie sich ' s einmal gefallen ließ zu bleiben . Doch diesen ersten Tag und den folgenden führten wir sie nur umher . Sie verleugnete sich nicht einen Augenblick : sie war die Vernunft , mit aller Anmut begabt . Ihr Geist war fein und treffend , ihr Gedächtnis so wohl ausgeziert und ihr Gemüt so schön , daß sie gar oft unsere Bewunderung erregte und alle unsere Aufmerksamkeit festhielt . Dabei kannte sie die Gesetze eines guten Betragens und übte sie gegen einen jeden von uns , nicht weniger gegen einige Freunde , die uns besuchten , so vollkommen aus , daß wir nicht mehr wußten , wie wir jene Sonderbarkeiten mit einer solchen Erziehung vereinigen sollten . Ich wagte wirklich nicht mehr , ihr Dienstvorschläge für mein Haus zu tun . Meine Schwester , der sie angenehm war , hielt es gleichfalls für Pflicht , das Zartgefühl der Unbekannten zu schonen .