hätt ' er jetzt ihn neu erweckt - wie innig , schmerzlich sogar , war sein Sehnen , sie möge milde ihm die reine unbefleckte Hand reichen , um aus seinem bisher so profanen Leben ihn in ein besseres , seiner würdigeres , hinüber zu ziehen . Was hätt ' er nicht darum gegeben , jenen feindselig erkältenden Eindruck wieder verlöschen zu können , den er einst so froh war , in ihrem Herzen erregt zu haben . Doch - wer vermag das Rad der Zeit zurück zu wälzen , und Geschehenes ungeschehen zu machen ? Noch verließ ihn die Hoffnung , sie zu gewinnen , nicht , denn nach den ersten Momenten unmuthiger Aufwallung flüsterte seine Eitelkeit Worte des Trostes in den Sturm seiner Seele . Sie zürnet Dir - Gott sei Dank ! - Du bist ihr nicht gleichgültig , jubelte er , als er bedachte , daß sie , die Feingebildete , unmöglich mit Verletzung aller Höflichkeit so heftig von ihm geschieden seyn würde , wenn ihr Gemüth nicht im lebhaftesten Kampfe zwischen Stolz und Neigung begriffen gewesen wäre . Da er es nicht für gerathen hielt , heute noch den Versuch , sie zu sprechen , zu erneuern , so bemühte er sich wenigstens , etwas näheres über ihre hiesigen Verhältnisse zu erfahren . Man erzählte ihm , daß sie erst ganz kürzlich mit der * sischen Gesandtin hier angekommen sei . Sie habe in Italien ihre Bekanntschaft gemacht , und sei von ihrer Mutter auf dem Sterbebette dem Schutz und der Fürsorge derselben empfohlen worden . Diese habe nach dem Tode der Frau von Willfried mit inniger Liebe das theuere ihr anvertraute Pfand bei sich aufgenommen , und Erna mit sich nach Frankreich geführt , wo ihr Gemahl früher , ehe er hieher versetzt worden , einem diplomatischen Posten vorgestanden . Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Paris habe das veränderliche Loos seines Standes ihm hier seinen Platz als Gesandter angewiesen , und Erna , die sich so innig zu dieser Familie zähle , als sei sie durch Bande des Bluts mit ihr verwandt , sei ihr auch hieher gefolgt . Man rühmte sehr den anmuthigen Ton dieses Hauses , und rieth Alexandern , sich doch ja recht bald dort einführen zu lassen , da man stets einen auserwählten kleinen Cirkel und die angenehmste Unterhaltung dort finde . Um den Pfeil , mit welchem Erna ' s Schönheit ihn verwundet hatte , ihm durch ihren steten Anblick noch tiefer ins Herz zu drücken , wieß ihm der Zufall seinen Platz bei der Abendtafel ihr gerade gegenüber an . Wie brannte er vor Verlangen , nur einem jener Blicke zu begegnen , der wie einst , als er ein solches Glück noch nicht zu schätzen wußte , ihm ihr vom süßen Zauber der Liebe bewegtes Gemüth verrathen hatte . Aber umsonst . Sie schien der Erinnerung jener Zeit so ganz entfremdet zu seyn , so völlig seine Bekanntschaft und das noch vor wenig Momenten Vorgefallene vergessen zu haben , daß ihr Auge so untheilnehmend und fremd über ihn hinwegstreifte , als sei er gar nicht da - wenigstens nicht für sie . Und doch gewährte es ihm einen schmerzlichen Genuß , sie unablässig zu beobachten . Die Unschuld und Unbefangenheit eines Kindes mit scharfem Verstand und der feinsten Geistesbildung verbunden , die größte Anspruchslosigkeit bei dem entschiedensten Recht zu Ansprüchen , stellte in ihrer Person ein seltenes , aber unwiderstehliches Gemisch von Liebenswürdigkeit dar , das kaum ihrer siegenden Reize bedurft hätte , um jedes Herz magnetisch anzuziehen . Heiter , wie ein Frühlingstag , und sich der Fröhlichkeit des Augenblicks kindlich hingebend unterhielt sie sich mit ihren Nachbaren , und wer sie in diesem Austausch des Scherzes und der geselligen Mittheilungen sah , konnte schwerlich ahnen , daß ihr Geist in der Schule ernster Erfahrungen gereift , ihr Gefühl im Prüfungsfeuer tiefen Schmerzes geläutert sei . VIII Mismuthig , mit sich selbst entzweit , und doch sein ganzes Wesen durch einen neuen , kräftigeren Impuls aufgeregt , kam Alexander nach Hause , und verträumte noch manche Stunde in Erna ' s Andenken , ehe der Schlummer sein müdes Auge schloß . Hätte er seiner Neigung nachgeben mögen , so würde er am folgenden Tag schon versucht haben , Zutritt im Hause des Gesandten zu erhalten , das , ohne jemals große Feste zu geben , sich jeden Abend gastlich den Besuchen gebildeter und befreundeter Menschen öffnete . Aber nach der Art , wie Erna ihn aufgenommen , schien es ihm zu kühn , ihr in ihrer eigenen Wohnung zu nahen , ehe nicht ein zweites , milderes Zusammentreffen am dritten Orte ihn dazu ermuntern würde . Denn auch nur den leisesten Schein einer Zudringlichkeit auf sich zu laden , war seinem Stolze unerträglich , selbst hier wo es Beschwichtigung der innern , ewig nagenden Unruh und Linderung der Sehnsucht galt , die an seinem Herzen zehrte . Erna ' s Erscheinung wirkte indessen in seiner Seele fort , indem sie ihn immer mit sich beschäftigend , von seinem gewohnten Thun und Treiben abzog . Nie hatte er einsamer und zurückgezogener gelebt . Ganze Tage brachte er , sich selbst genug , in seinem Zimmer zu , über die tiefe Bedeutung ihres Charakters , die reiche Entfaltung ihrer schönen Anlagen nachzudenken . So lebendig , als sei sie es wirklich , erblickte er dann im Spiegel seiner Phantasie ihre schlank aufstrebende , hohe , und doch in dem reizendsten Ebenmaas so sanft gerundete Form , und das seelenvolle Gesicht , das in seinen Zügen einen so himmlischen Ausdruck offenbarte . Dann lag die ganze Welt versunken und vergessen hinter ihm , und nur ein einziges , unendliches Gefühl sagte ihm , daß er lebe , aber nur um zu wünschen und zu hoffen , was doch so fern , in so unerreichbarer Höhe schimmerte , wie der Mond , der seinen reinen Strahl zur dunkeln Nacht herab senkt . Noch hatte nichts im Leben seinen Charakter zur