ihr führte . Ihr spöttischer Witz , der mit vormals so reitzend schien , dünkte mich diesen Abend beleidigend ; bald waren wir in einer sehr unfreundschaftlichen Stimmung , und versöhnten uns nur auf Kosten meiner Ruhe und meiner Gesundheit . Diese hatte seit einiger Zeit merklich gelitten , und ich konnte mir nicht verbergen , daß das etwas zu lebhafte Temperament der Marquise die Ursach davon war . Die Anmerkungen meiner Bekannten , - Heinrichs thränenvolles Auge , wenn ich nach einer leichten Geistesanstrengung mich erschöpft und muthlos fühlte - ach das Alles machte mich freylich für Augenblicke aufmerksam ; aber dann rissen mich wieder Sinnlichkeit und Gewohnheit dahin , und bald fing ich an , an mir selbst zu verzweifeln . - Ich war verlohren , wenn mich der Zufall nicht rettete . Zwölftes Kapitel Eines Tages , als ich früher wie gewöhnlich zur Marquise ging , fand ich sie nicht zu Hause , aber ihre Zimmer offen . Es hatte mich Niemand von ihren Leuten bemerkt , und ich beschäftigte mich , einige neue Schriften , die ich in ihrem Kabinette fand , zu durchblättern , als ein Wagen vor dem Hause hielt . Sie war es selbst . Ich beschloß , mich ganz still in dem Kabinette zu verhalten , um sie nachher angenehm zu überraschen . Die Thüre war nur angelehnt , und ich konnte das ganze daran stoßende Zimmer beobachten . Sie erkundigte sich im Hereintreten : ob ich da gewesen sey ? - » Nein ! « - sagte die Kammerjungfer . » Nun , gleichviel ! « - antwortete die Marquise - » laß mir Anton herauf kommen . « » Gleichviel ! « murmelte ich zähnknirschend , und schon hatte ich die Hand an der Thüre , als ein Geräusch mich wieder zu mir selbst brachte . Es war der geliebte Anton . Ein langes , keuchendes Gerippe , in der Livree der Marquise . Man schleppte ihn in die Mitte des Zimmers , wo er wie eine leblose Masse auf das Sopha niederfiel . Aber sobald sich die Marquise ihm näherte , flog eine Fieberröthe über seine eingefallnen Wangen , und in seinen erstorbnen Augen loderte plötzlich eine wüthende Gluth . Sie sagte ihm : daß sie seinetwegen mit einem Arzte gesprochen , und alle Hoffnung zu seiner Besserung habe . Jetzt wollte sie seine Hand ergreifen , aber mit Abscheu stieß er sie von sich . » Lassen Sie mich ! « - schrie er - » Sie allein haben mich in dies unabsehbare Elend gestürzt ! - ich verfluche Sie und alle ihre Aerzte ! « - » Was soll ich hier ? - wollen Sie sich an meiner Marter weiden ? - Bey Gott , ich schwöre Ihnen ! « - - Hier schloß die Wuth ihm den Mund , und er sank ohnmächtig auf das Sopha zurück . Die Marquise rief ihre Leute , der Unglückliche ward fortgeschleppt , und da sie selbst ihm folgte , so nutzte ich den Augenblick , um dieser Hölle zu entfliehen . Eine Minute wollte die Rache mich zurückhalten ; aber der Abscheu überwand , und ich stürzte über die Straße , als ob alle Geister des Abgrundes mich verfolgten . Heinrich hatte mich kommen sehen , und eilte mir erschrocken entgegen . » Was ist es ! « - rief er - » um Gottes Willen , was ist es ? « - Mit einem Strohm von Thränen sank ich in seine Arme . » Rette mich ! rette mich ! « - rief ich , » großer , edler Mensch ! verstoß mich nicht von deinem Herzen ! « » Ich dich verstoßen ! - antwortete er - » nimmermehr ! - Komm , erzähle mir , was dich so heftig erschüttert . « - Und da ich ihm Alles gesagt hatte , rief er begeistert : » Willkommen ! willkommen ! mir und der Tugend ! Jetzt ist ein Rückfall unmöglich ! jetzt bist du für ewig gewonnen ! « - Fünftes Buch Erstes Kapitel Jetzt bedurfte es keiner Ueberredung , um mich von Neapel zu entfernen , und schon am folgenden Tage waren wir auf dem Wege nach Rom , wo wir uns gleichwohl , der Vorschrift des Arztes zufolge , nur kurze Zeit verweilen durften . Er hatte mir gerathen , durch die Schweiz zu gehen , und den Winter im südlichen Frankreich zuzubringen ; und ich war auch um so mehr geneigt , dieser Vorschrift zu folgen , da ich durch Heinrich , welcher mit Sophie im fortwährenden Briefwechsel stand , wußte : daß sich dieselbe seit mehrern Monaten in Avignon aufhielt . Ihr und Mariens Bild wurden jetzt die herrschenden meiner Seele und oft so in einander verschmolzen , daß sie mir zuletzt nur ein Wesen auszumachen schienen . Ich wollte mich der Tugend widmen ; aber meine Phantasie bedurfte einer menschlichen Gestalt , sie zu umhüllen , und indem Sophie mir für die Tugend selbst galt , schmückte ich sie mit allen jugendlichen Reitzen Mariens . Italien hatte ich nur durchgejagt , jetzt würde die Sehnsucht nach Avignon mich wahrscheinlich verleitet haben , die Schweiz eben so zu durcheilen , wenn es mir meine zerrüttete Gesundheit nicht unmöglich gemacht hätte . Ich mußte in Chamouny ein Häuschen miethen , und meine Reise nach Avignon wenigstens um einen Monat verschieben . Wer war froher , als Heinrich ! - » Nur hier wirst du genesen ! « - rief er - » nur hier wirst du den Adel der Menschheit begreifen ! « - Aber ach ! was ihn mit Muth und Freude erfüllte , erregte mir nur Schauder , und wenn ich die schroffen Felsen hinanblickte , so dünkte mich , sie würden über mir zusammenstürzen . Oft wollte ich es wagen mich durch die Aussicht von ihren Gipfeln zu erheitern ; aber schon auf der Hälfte des Weges sank ich kraftlos zu Boden , und wir mußten nach Genf eilen ,