in dem blanken , wenig gebrauchten Teekesselchen seit geraumer Zeit , und noch meldete sich kein Besuch , weil es überhaupt noch zu früh war . Die gute Frau wurde ungeduldig ; sie fing an zu zweifeln , ob Reinhold wirklich kommen werde ; ich suchte sie zu beruhigen , und wir warteten wieder eine gute Weile . Endlich wurde sie Wartens satt und machte den Tee fertig ; wir tranken eine Tasse , aßen etwas weniges und harrten wieder , plauderten mit zerstreuten Worten und Gedanken , bis die ermüdete Frau über meiner Einsilbigkeit einnickte . So trat jetzt eine tiefe Stille ein , und nach einiger Zeit merkte ich an den sanften regelmäßigen Atemzügen , die ich vom Ofenwinkel her vernahm , daß auch Agnes schlummerte . Da ich selbst keineswegs genug geschlafen hatte , fielen mir die Augen ebenfalls zu , und ich schlief zur Gesellschaft mit , während die kleine Lampe das Zimmer schwach erleuchtete . Wir mochten ein Stündchen einträchtig geschlummert haben , als wir durch eine volltönige , aber sanfte Musik geweckt wurden und gleichzeitig das Fenster von rotem Glanze erhellt sahen . Die überraschte Witwe und ich eilten zum Fenster . Auf dem kleinen Platze standen acht Musizierende vor einigen Musikpulten , vier Knaben hielten brennende Fackeln empor , und am Eingange des Platzes gingen zwei Polizeimänner auf und ab , welche die rasch sich sammelnden Zuhörer in Ordnung hielten . Zu den Geigern hatte Reinhold noch einige Bläser mit Horn , Hoboen und Flöte angeworben ; er selbst saß auf einem Feldstühlchen und handhabte das Violoncell . » Jesus Maria ! was ist das ? « sagte die erstaunte Mutter Agnesens . » Zünden Sie Lichter an ! « erwiderte ich ; » das ist eben der Herr Reinhold mit seinen Freunden , der Ihrer Tochter eine Serenade bringt ! Ihr gilt die Musik , um ihr vor der Welt und dieser Stadt eine Ehre zu erweisen ! « Ich öffnete einen Flügel des Fensters , indessen die Frau nach ihren Staatsleuchtern eilte und die rosenroten Kerzen entflammte , welche jetzt trefflich zustatten kamen . Das Adagio aus einem ältern Italiener floß mit dem lauen frühzeitigen Lenzhauche gar prächtig herein . » Kind ! « flüsterte die Mutter dem aufhorchenden Mädchen zu , » wir haben ein Ständchen , wir haben ein Ständchen ! Komm , sieh nur hinaus ! « Ich hörte ihre Stimme zum ersten Mal so herzlich erfreut und wirklich beseelt zu dem Kinde reden , so erlösend wirkte der musikalische Vorgang auch auf sie , und Agnes wandte ihr bleiches Gesicht stumm nach dem Fenster . Dann erhob sie sich langsam und ging heran . Sowie sie aber die vielen Gesichter auf der Straße und unter allen Nachbarfenstern im Fackellichte erblickte , floh sie wieder nach ihrem Sitze , legte die gefalteten Hände in den Schoß und neigte das Haupt leise zur Seite , um keinen Ton der schönen Musik zu verlieren . So blieb sie , bis die drei Stücke , welche die Männer aufführten , zu Ende waren und die Musik mit einer melodisch heiteren , fast reigenartigen Wendung geschlossen hatte , die Musikanten aufbrachen und still hinweggingen , während das Volk auf der Gasse lauten Beifall klatschte . Auch die sauberen Kästchen und Futterale , in welchen sie ihre Instrumente trugen , erhöhten beim Publikum den Eindruck des Außergewöhnlichen und Vornehmen ; die Leute betrachteten , indem sie sich langsam zerstreuten , neugierig das merkwürdige Haus , und die am Fenster stehende Frau genoß alles bis zum letzten Momente ; selbst das Forttragen der Pulte dünkte ihr das Feierlichste und Großartigste , was sie erleben konnte . Als sie endlich das Fenster zumachte und sich umwandte , stand Reinhold in der Stube und begrüßte sie ehrerbietig , und ich nannte zugleich seinen Namen . Dann entschuldigte er sich wegen der Freiheit , die er sich genommen , eine so aufdringliche Störung zu bringen , welche sie der allgemeinen Karnevalsstimmung zu gut halten wolle ; und sie erwiderte ihm mit großen Komplimenten und Danksagungen , wobei sie in einen so glückselig singenden Ton geriet , daß es beinahe klang , wie wenn einer in Flageolettönen auf der Geige spielen würde . Plötzlich unterbrach sie sich , um die Tochter herbeizurufen , die ihr ungebührlich lang im Winkel zu säumen schien . Diese war aber unbemerkt hinausgeschlüpft und kam jetzt wieder herein . Sie hatte über ihr Morgenkleid , in welchem sie den Tag über getrauert , einen weißen Shawl geschlagen und die Enden auf den Rücken gebunden . Das schwarze Haar hatte sie einfach zusammengefaß und im Nacken in einen mächtigen Knoten geschlungen , alles in einer Minute und wahrscheinlich ohne in den Spiegel zu sehen . In Haltung und Gesichtsausdruck schien sie um zehn Jahre älter ; selbst die Mutter sah sie mit großen Augen an , wie wenn sie einen Geist erblickte . Aufrechten Ganges trat Agnes dem Gottesmacher entgegen , richtete mit ruhigem Ernste die Augen auf ihn und gab ihm die Hand . Wäre sie in Sammet und Seide gehüllt gewesen , so hätte sie den Blick Reinholds nicht so bannen können , wie sie jetzt mit ihrer einfachen Erscheinung tat , und ich selbst mußte sogleich denken Gott sei Dank , daß Lys fort ist und sie nicht mehr sieht , sonst ginge das Unheil von neuem an ! Reinhold aber betete mit stummer Anschauung sein eigenes Werk an ; denn , buchstäblich zu sagen , hatte er die geknickte Blume aufgerichtet , daß sie wieder leben konnte . Die Ehren , die er ihr gegeben , leuchteten so rein von ihrer Stirn und um die stillen dunklen Augensterne , daß er demütig betreten nicht zu Worten zu kommen wußte , auch als wir nun am Tische saßen und die Mutter neuen Tee machte . Es ging etwas verlegen und einsilbig zu , bis die Alte auf die rheinische Heimat des Gastes zu reden kam und ihn fragte , ob es