der Straße . » Lieb Vaterland magst ruhig sein , - Fest steht und treu die Wacht am Rhein . « Es griff wie Krallen in Roberts Herz . Alles war für ihn verloren . Wenn er diese Schiffe sah , diese Matrosen , wenn er ihr fröhliches Singen hörte , dann glaubte er nicht länger leben zu können , ohne wahnsinnig zu werden . An die Mauer gelehnt , umtobt von den Schauern des Regens und dem Sausen des Sturms , blickte er über den Hafen . Wo war all sein Stolz geblieben ? Jetzt wußte er es . Was ihn in aller Not gehalten und ihn so mutig und zuversichtlich gemacht hatte , das war immer die Überzeugung gewesen , mit einem einzigen guten Wort sein Vergehen wieder gutmachen und seine Eltern versöhnen zu können . Heute dagegen hatte er Vater und Mutter für immer verloren , heute war er aus dem Elternhause fortgewiesen worden , ein heimatloser Bettler . Der ganze Schmerz des Alleinseins ergriff sein junges Herz . Den Kopf in die Hand gelegt , bemühte er sich , die Tränen zurückzuhalten , die der Schmerz und die getäuschte Hoffnung von drei langen Jahren unwiderstehlich heraufgelockt hatten . Ein Schatten kreuzte die Straße . Aus dem Dunkel des nächsten Torweges trat eine Gestalt im langen , altmodischen Gehrock , den derben Stock in der Hand , das graue Haar vom Regen an die Schläfen gepreßt , das bleiche Gesicht voll Gram und Angst . Langsam näherte sich der Alte dem weinenden jungen Menschen , - und kaum vernehmbar klang es durch das Brausen des Windes : » Robert ! - « Er taumelte auf , er glaubte , daß sich die Erde drehe , daß er träumen müsse oder daß ihn ein Spuk auf offener Straße quäle . Beide Arme vorgestreckt , starrte er in das Gesicht des vor ihm Stehenden . Kein Laut kam über seine Lippen . Da fragte der Alte noch einmal . » Robert , willst du mir nicht antworten ? « Das klang so ernst , so traurig , das rührte das verzweifelte Herz des Sohnes , daß es bebte unter diesem Eindruck . » Vater ! « flüsterte er gequält , » Vater - du hast mich einen Dieb genannt ! « Der Alte zog ihn an der Hand zur nächsten Gaslaterne . » Robert « , sagte er , » schau mich an und sag mir die Wahrheit . Hast du die Schmucksachen deiner Mutter - von dem Geld will ich nicht einmal reden - wirklich nicht genommen ? « Robert war kreidebleich , seine Lippen zuckten krampfhaft . Fast unfähig zu sprechen , hob er die Rechte zum Himmel . » Bei dem Gott , an den wir beide glauben « , stammelte er kaum hörbar , » ich habe es nicht getan und nichts davon gewußt . « Der Alte sah ihn an , lange , unbeweglich und , wie es schien , erlöst von schwerem Druck . » Das kann mein Sohn nicht lügen « , antwortete er endlich . » Robert - willst du jetzt deine Bitte von heute morgen noch einmal wiederholen ? Willst du - « Robert ließ ihn nicht ausreden . Mit beiden Armen seinen Hals umschlingend , warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes . » Vater « , quoll es von seinen Lippen , » lieber Vater , vergib mir , ich bitte dich tausend - tausendmal . « Auch die Stimme des eigensinnigen , alten Meisters war seltsam weich geworden . » Es ist gut « , erwiderte er , » alles gut . Komm nur rasch , daß wir die Mutter beruhigen , sie war ja fast außer sich heute morgen und nannte mich einen Rabenvater , der sein Kind in den Tod treiben wolle . Komm , wir müssen uns beeilen , damit wir eine Droschke bekommen . « Robert atmete wie neu belebt . » Vater « , sagte er , » das geht nicht , ich muß vorher mit Georg sprechen , muß ihn fragen - « Der Alte schüttelte den Kopf . » Ich kann dir alles das genau erzählen , Robert , er aber könnte es nicht mehr . - Laß uns laufen , mein Junge . « Robert gehorchte , und als wenige Schritte weiter beim Hafentor eine Droschke gefunden war , gingen die beiden erst in ein Wirtshaus , um sich zu stärken . Als das Fuhrwerk mit ihnen durch Altona denselben Weg wieder zurückrollte , den Robert unter so ganz anderen Umständen eben erst gekommen war , da erzählte Meister Kroll seinem atemlos lauschenden Sohn , daß am heutigen Morgen der ehemalige Seiler einen Fluchtversuch gemacht habe , indem er versuchte , ein im Hafen liegendes französisches Handelsschiff zu erreichen , und daß er dabei gefaßt und tödlich verwundet worden sei . » Der Bursche verlangte sterbend nach dir , mein Sohn « , schloß der Alte seinen Bericht , » er wollte durchaus , daß du ihm verzeihst , ehe er diese Welt verlassen müsse , und ist endlich ohne Frieden und Versöhnung hinübergegangen . Gott sei seiner armen Seele gnädig . « Robert war von dieser Nachricht tief erschüttert , es fiel ihm schwer , sich in die so plötzlich veränderten Verhältnisse hineinzufinden . Dann aber fragte er den Vater , woher er diese Einzelheiten habe , und Meister Kroll nannte ihm den Wirt zum » Richtigen Ankergrund « als seinen Gewährsmann . » Es ist auch der Polizei ein Päckchen zugestellt worden « , sagte er , » das der Sterbende für dich bestimmte und dem Aufzeichnungen beiliegen , die er kurz vor seinem Tode noch diktierte . Jetzt aber , mein Junge , - laß uns von dir sprechen « , schloß er , » und was du für deine Zukunft geplant hast . Ich will den Seemann in dir anerkennen , da du doch zum Schneider ganz und gar verdorben zu sein