eilen , und Sophie sah nur zu wohl , daß es Franz in einer Stunde , wo Tausende ihr Leben auf ' s Spiel setzten , nicht zu Hause litt , und trug es deshalb still , als er erklärte , Melitta begleiten zu wollen . Der alte Baumann und Bemperlein , der ebenfalls anwesend war , sollten bei Sophie bleiben und sich ihrer und der Kinder annehmen . Melitta und Franz hatten einen mühseligen Weg , bis sie endlich nach mehrstündiger Wanderung auf den größten Umwegen und oft mit Gefahr des Lebens ihr Ziel erreichten . Das Wiedersehen mit der Geliebten entschädigte Oldenburg tausendmal für Alles , was er ihrethalben gelitten hatte . Melitta umarmte und küßte ihn unter Thränen in Brauns Gegenwart , sie hing sich an seinen Arm , sie konnte sich nicht trennen von dem , dem sie nicht mehr am Leben zu finden gefürchtet hatte , und den sie jetzt , von Pulver geschwärzt , in der ganzen Glorie seiner stolzen Mannheit wiedersah , bis er ihr in ' s Ohr flüsterte , daß im Akazien-Hotel Oswald auf den Tod verwundet liege . Da hatte Melitta ihren Arm aus seinem Arm gezogen und hatte - ernst und bleich , aber nicht bestürzt - gesagt , daß sie den Kranken pflegen wolle , wie es ihre Pflicht sei . Seitdem war ein Tag und eine Nacht vergangen - eine Ewigkeit für Die , welche am Lager des von Höllenqualen Gefolterten wachten , der sich jetzt in seiner Raserei im Bette aufbäumte , so daß es Schmenckels ganzer Kraft bedurfte , ihn zu halten , und ein anderes Mal in sich überstürzender Hast die Bilder schilderte , die sich in wahnsinniger Fülle durch sein überreiztes Gehirn drängten . So hatte er , der sonst so Verschwiegene , das Geheimniß seiner Geburt enthüllt und damit Niemand so sehr überrascht , als die gute Frau Hauptmann , die sich lange nach ihrer Marie gesehnt und nun den Sohn Mariens endlich gefunden hatte , nur , um ihn sterben zu sehen . Die alte Dame schwebte wie ein guter Geist lautlos durch das Zimmer , und wenn sie gerade im Augenblicke nicht beschäftigt war , sah man , wie sie die Hände faltete und betete , daß ihr der Sohn der geliebten Tochter erhalten bleiben möge . Aber dazu war schon seit dem ersten Augenblick keine Hoffnung mehr gewesen . Franz hatte sofort erklärt , daß Oswald sterben müsse , daß er einen , höchstens zwei Tage noch leben könne . Es sei nicht wahrscheinlich , daß er vor dem Tode noch einmal zum Bewußtsein erwache . Melitta sah diesem Augenblick , wenn er ja eintreten sollte , mit Wehmuth entgegen . Sie wußte jetzt , daß sie Oswald nur noch als einen unglücklichen Bruder liebe . Oswald hatte in seinen Phantasien ihren Namen nicht einmal über die Lippen gebracht ; er hatte immer nur von einer lieben , schönen Frau gesprochen , gegen die er arg gesündigt habe , und die ihm , was er an ihr gefrevelt , nicht verzeihen könne . Die Erinnerung daran hatte dem Unglücklichen Thränen ausgepreßt ; und Melitta hatte ihm die Thränen von den Wagen gewischt und nur immer gewünscht , sie könnte ihm sagen , daß sie ihm längst verziehen habe . Da seufzte der Verwundete so tief , daß Oldenburg sich schnell im Fenster umwandte und an das Bett trat , an welchem Melitta saß . Aber das Seufzen war kein Schmerzenslaut gewesen , nur der letzte tiefe Athemzug einer Brust , von der die Last des Lebens für immer genommen ist . Dreiundfünfzigstes Capitel Und wieder ist die leuchtende Frühlingssonne zweimal aufgegangen , wieder trägt die ungeheure Stadt ein festliches Kleid ; aber die Farbe des Kleides ist die der Trauer , denn das Fest , das sie feiern , ist ein Todtenfest . Schwarze Fahnen wehen von den Thürmen und den Zinnen des Schlosses , Trauerflore sieht man überall aus den Fenstern hangen , mit Trauerfloren sind die Hüte der Frauen , sind die Hüte der Männer , sind die Arme der Unzähligen alle umwunden , die nach dem herrlichen Platz in dem Herzen der Stadt wallen , wo zwischen den im Mittagssonnenschein gebadeten Tempeln auf einer Estrade die Särge Derer stehen , die in der Schreckensnacht fielen - einhundertsiebenundachtzig Todte - darunter Frauen und Kinder - unschuldige Blumen , die dem grausen Schnitter , als er die Garben mähte , aus denen die Saat der Freiheit geerntet werden sollte , unter die erbarmungslose Sense kamen . Und selbst damit ist die blutige Ernte noch nicht vollendet . Noch liegen in den Hospitälern , in den Häusern überall in der Stadt Schwerverwundete , von denen noch Mancher den goldenen Tag der Freiheit nimmer schauen wird . Und nun beginnen von allen Thürmen in feierlichen Klängen die Glocken zu läuten , - dieselben Glocken , die in der Barricadennacht den Schlachtruf heulten . Die kirchliche Handlung ist vollendet . Der Zug setzt sich in Bewegung . Ein Zug wie ihn die Stadt nimmer sah , wie er vielleicht einzig ist in der Welt Geschichten . Da schweben die gelben , von reichen Kränzen umwundenen Särge in unabsehbarer Reihe auf den Schultern der Bürger hin durch die blaue Frühlingsluft und zwanzigtausend Menschen jeden Alters und Standes geben ihnen das Geleit . An jedem Sarge ist ein Zettel mit dem Namen des Todten . Namenlose Namen ! Wer war Oswald Stein ? wer war Eberhard Wolfgang Berger ? Was thut der Name ? Was thut es , was sie im Leben waren ? was sie im Leben thaten und litten , fehlten und sündigten , strebten und irrten ? Der Tod für die Freiheit krönt alles Streben , sühnt alle Schuld . Das fühlen , das sagen die Hunderttausende , die , rechts und links in gedrängten Reihen am Wege stehend , den Zug an sich vorüberziehen lassen , und vor jedem Sarge die Häupter ehrfurchtsvoll entblößen . Und so geht der