Kräfte ihn verließen , während die seines Gegners mit jedem Augenblick zu wachsen schienen . Todesangst ergriff ihn . Er wollte um Hülfe rufen , aber kein Laut entrang sich seinen bebenden Lippen ; er fühlte ein dumpfes Sausen in den Ohren , das immer lauter und lauter wurde ; vor seinen Augen wurde es Nacht , durch die Millionen kleiner Sterne schossen - wüste Gedanken jagten wie vor dem Sturmwind treibende Wolken durch sein Gehirn - plötzlich , als ihn der letzte Schimmer von Bewußtsein zu verlassen drohte , fühlte er , wie die entsetzliche Last von seiner Brust verschwand - und als er endlich die Kraft fand , sich vom Boden zu erheben und um sich zu blicken , war er allein . Der Mond schien hell vom tiefblauen Himmel ; das Licht in Helenens Zimmer war erloschen ; die Musik war verstummt . Felix hätte glauben können , den Kampf mit Bruno geträumt zu haben , wenn nicht die heftigen Schmerzen , die er an mehr als an einer Stelle des Körpers fühlte , seine über und über mit Sand bedeckten Kleider und der rings umher aufgewühlte Boden ihm zur Genüge bewiesen hätten , daß dies Alles nur zu wirklich gewesen war . Mit einem von Wuth erfüllten Herzen schleppte er sich in das Schloß , wie ein Wolf , der die Hürde beschleichen wollte , aber von einer edlen Dogge zerzaust und zerbissen in den Wald zurückhinkt . Dreiundfünfzigstes Capitel Die Baronin hatte noch an demselben Abend den Brief Helenens vermißt . Diese Entdeckung erfüllte sie mit nicht geringer Unruhe . Wie leicht konnte der Brief in fremde , das heißt : in Hände fallen , die ihn Helenen wieder auslieferten , und wie viel hatte sie sich dann dem stolzen , unbeugsamen Mädchen gegenüber vergeben ! Jeder Vortheil , den sie durch die genaue Kenntniß von dem Gemüthszustand ihrer Tochter über diese errungen , und den sie durch Anspielungen , Drohungen so geschickt auszubeuten gedacht hatte , war unwiederbringlich verloren . Es war fatal , äußerst fatal ! Die Baronin erinnerte sich ganz genau , den Brief in die Tasche ihres Kleides gesteckt zu haben , als Felix den Gang herauf kam . Wahrscheinlicherweise hatte sie ihn also an der Kapelle verloren . Sie erinnerte sich , daß sie während der Unterredung mit ihrem Neffen einmal das Taschentuch gezogen hatte , um die Beleidigte mit noch größerer Würde zu spielen . Indessen war es heute Abend zu spät , noch Nachforschungen anzustellen ; sie mußte es sich gefallen lassen , eine beinahe schlaflose Nacht zuzubringen und den Morgen mit einem heftigen Kopfweh herandämmern zu sehen . Sie ging alsbald in den Garten nach der Kapelle . Der Brief war nicht da ; auch nicht in dem Buchengange , oder in der Laube . Im höchsten Maße verdrießlich über diesen bösen Zufall kehrte die Baronin in ' s Schloß zurück . Dort erwarteten sie andere Unannehmlichkeiten . Oswald schickte herunter , um zu melden , daß Bruno sich nach einer schlechten Nach sehr unwohl fühle , und daß er bitte , man möge einen reitenden Boten zu Doctor Braun senden . Auch ließ er bitten , Malte für heute unten zu behalten , da er , bis der Doctor käme , Bruno nicht gern allein lassen möchte . Die Baronin ließ zurücksagen : sie hoffe , daß es mit Bruno ' s Unwohlsein nicht viel auf sich habe und daß die in dem Unterricht eintretende Pause nicht zu lange dauern werde . Uebrigens würde heute im Laufe des Vormittags noch so wie so in die Stadt geschickt . Ein paar Stunden später ließ Felix sich entschuldigen , wenn er heute nicht zum Frühstück komme ; er fühle sich nicht ganz wohl ; gedenke indessen , an der Mittagstafel zu erscheinen . Felix verspürte in der That noch einige unangenehme Folgen seines Kampfes mit Bruno . Zuerst und vor allem die brennende Scham , einem Knaben unterlegen zu sein , vielleicht nur einem Zufall , einer plötzlichen Anwandlung von Großmuth sein Leben zu verdanken zu haben . Sein ganzer Leichtsinn gehörte dazu , ihm über diesen unangenehmen Gedanken wegzuhelfen . Er suchte sich einzureden - und nach und nach gelang es ihm auch - die Sache sei so ernsthaft nicht gewesen , und wenn er nicht , als Bruno sich so unerwartet über ihn stürzte , ausgeglitten wäre , und wenn dann sein » verdammter Rheumatismus « ihm nicht die Arme gelähmt hätte , würde er ja » den Jungen abgeschüttelt haben , wie eine Fliege , ihm eine tüchtige Tracht Schläge obendrein gegeben haben . « Daß vorläufig er die Schläge bekommen und daß die Fliege fest zuzupacken verstand , das bewiesen die blauen Flecken , die er auf der Brust , am Halse , an den Armen aus dem Kampfe als sicheres Zeichen der Niederlage davongetragen hatte . Der Vielgewandte gerieth in einiges Staunen , als er seinen Herrn in einem Zustande sah , der nur zu sehr an die selige Cadettenzeit erinnerte , wo Franzbranntwein und aqua Gourlardi zu den nothwendigsten Toiletterequisiten gehörten . Der Vielgewandte bewies , daß er die Kunst , Beulen und blaue Flecke zu behandeln , eben so wenig verlernt habe , als sein Herr das Talent eingebüßt hatte , sich solche zu holen , und schon gegen Mittag sah er sich in einem salonfähigen Zustande . Dennoch zweifelte er , ob er bei der Tafel erscheinen solle oder nicht . Der Gedanke , Bruno gegenüberzutreten , des Knaben dunkle Augen voll Hohn und Schadenfreude auf sich ruhen zu sehen , vielleicht gar in Oswald ' s Blicken wahrzunehmen , daß er von den Ereignissen der verwichenen Nacht vollkommen unterrichtet sei , war ihm äußerst peinlich . Es fiel ihm daher ordentlich eine Last vom Herzen , als Jean berichtete , die Tafel werde heute sehr klein sein , denn Junker Bruno und der Herr Doctor würden nicht erscheinen . So warf er denn noch einen Blick in den Spiegel