Freigebung bei dem Pfarrer eines benachbarten Ortes wieder abholen könne , der weltlichen Obrigkeit übergeben hatte , so wollte diese mit aller Gewalt wissen , was er dem Geistlichen zugestellt habe . Drei Tage hintereinander erhielt er jedesmal vierzig Streiche , bekannte aber nichts , ungeachtet er nach seiner Erzählung unleidliche Schmerzen auszustehen hatte , und in der Nacht des vierten Tages gelang es ihm , die Riegelwand von Backstein durchzubrechen und sich am Leintuche herabzulassen , worauf er bei dem bezeichneten Pfarrer seine drei Karolins wieder abholte . Die Kirche hatte im Kampfe mit dem Staat ihr Recht um jeden Preis behauptet und eher einem Räuber , dessen Eigenschaft sie kaum bezweifeln konnte , durchgeholfen , als sich ihr Asylrecht verletzen lassen . Nach diesem Hergang darf man sich jedoch nicht wundern , wenn Christine über die Geschichte der dreitägigen Buße vor einem mit Speiß gemalten Kruzifix , welche ihm jeden Tag durch die Aussicht , morgen wieder vierzig Schläge zu erhalten , geschärft worden war , den vierten Tag aber mit einem Ausbruch geendigt hatte , in ein höhnisches Gelächter ausbrach und die lutherischen Anwandlungen um so unpassender fand , als ihre eigene Kirche ihn soeben zu nicht geringem Danke verpflichtet hatte . Dennoch ließen diese Anwandlungen nicht von ihm ab , und jetzt wird es begreiflich , wie sie in Vaihingen so plötzlich zum Durchbruch kommen konnten . Zugleich aber lernt man auch deutlicher zwischen den Zeilen des Vaihinger Protokolls lesen , wenn man sich den Auftritt von dem Sohne des Oberamtmannes erzählen läßt . » Den zweiten Tag « , sagte er , » erschien Schwan wieder . Der Beamte schlug nun den entgegengesetzten Weg ein . Er wiederholte ihm zwar noch einmal , daß er ihn für einen ausgemachten Bösewicht halte ; aber nun forderte er ihn nicht mehr durch Drohungen , sondern durch Darstellung der schrecklichen Folgen des Lasters , durch Schilderung des Glücks eines ruhigen Gewissens , durch Bezeugung seiner herzlichen Teilnehmung an seinem Schicksal und durch Verspruch , ihm dasselbe durch alles , was nur in seiner Gewalt stehe , zu mildern , auf ; kurz , er versuchte nun durch Religion und teilnehmende Güte sein Herz zu rühren . Der Versuch gelang . Der trotzige Blick milderte sich sichtbarlich , Traurigkeit trat an die Stelle der Wut , eine Träne floß in dem wilden Auge . Ich habe meinen Mann gefunden , rief er gerührt , ich bitte Sie , lassen Sie diese Leute hinausgehen , und ich will Ihnen alles gestehen . Der Oberamtmann , um diese Rührung nicht zu stören , ließ alle nicht ganz notwendigen Personen hinausgehen , und in diesem Augenblick stammelte Schwan mit bebendem Munde : Hören Sie in einem Wort alle meine Verbrechen : ich bin der Sonnenwirtle . « Hisce praemissis ist das Bekenntnis des Räubers nicht mehr so sehr überraschend , wie es in dem Protokoll des Oberamtmanns überrascht und wie dieser selbst , der freilich im Protokoll dies wenig merken läßt , nebst Stadt und Land davon überrascht gewesen ist . Hätte er sein Inquisitionsschema , wie er es in das Protokoll schrieb , angewendet , so würde er wohl lange auf diese überfließende Offenheit haben warten dürfen ; denn dieses Schema , das auch den redlichsten Beamten ohne seine Schuld zu einer gewissen Unwahrheit zwingt , ist dem Volke so fremd wie die römische Advokatur es seinen zungenausreißenden Vorfahren war . Dem Manne , der den Menschen und den Oberamtmann mit so gutem Erfolge für sein Protokoll zu vereinigen wußte , soll hieraus kein Vorwurf gemacht werden : er hat seinerzeit einen wichtigen Dienst geleistet , und sein Gefangener selbst hat ihm die Abkürzung einer Laufbahn voll Schmach und innerer Verachtung , deren Maß immer voller geworden wäre , in der ganzen Aufrichtigkeit seines Herzens gedankt . Mit diesem Bekenntnis nun , das gleich in den ersten Worten den Stab über sein verwüstetes Leben brach , halte er sich nicht bloß in die Hand der Obrigkeit , sondern auch in die Hand seiner Kirche ergeben , welche ihre Diener sandte , um dieses Leben zu einem bußfertigen und seligen Ende zuzubereiten . Ohne Zweifel haben dieselben nach der Sitte der Zeit ausführliche Beschreibungen dieses geistlichen Prozesses veröffentlicht ; aber unter den vielen Schwarten von hochfürstlichen Geburts- , Hochzeits- und Leichenfeierlichkeiten in dem öffentlichen Bücherschatze , den der Herzog später anlegte , als er für ein gleichfalls verfehltes Leben Ersatz in der Erziehung der Jugend suchte , haben jene Schriften keinen Platz gefunden , und das Lebensbild , aus welchem nicht ein Zug hätte verlorengehen sollen , muß auch auf dieser Seite halbvollendet bleiben . Doch hat einer der beiden Geistlichen dem Sohne des Oberamtmanns einzelne Züge aus jenem Bekehrungsgange mitgeteilt , welche uns in der Erzählung desselben aufbehalten sind . Bei seinem ersten Besuche begann dieser Geistliche von dem Zorne Gottes zu reden , der diejenigen verfolge , welche die Mittel der Gnade zu lange verschmäht , von einer traurigen Ewigkeit und von den Schwierigkeiten einer aufrichtigen Besserung nach einem so ruchlosen Leben . Hiemit hatte er zwar untadelhaft nach seinem Schema gearbeitet , wie der Oberamtmann nach dem seinigen ein regelrechtes Protokoll zuschreiben wußte ; aber seine Bemühung fand den entgegengesetzten Erfolg . Der Räuber rief ihm aufgebracht entgegen , ob er nur gekommen sei , ihn zu quälen ? Der Geistliche bequemte sich , in die Schule des Oberamtmanns , der diesen harten Stoff besser zu kneten verstand , zu gehen , und stellte sich nun dem stolzen Verbrecher als ein Bote des Friedens dar , der dem reuigen Sünder im Namen Gottes - welcher ihm geboten habe , ihn in seinem Namen sogar darum zu bitten - Gnade antrug ; dann ging er zum Gebet über , flehte Gott um Vergebung ihrer beiden Sünden an und dankte ihm für die Langmut , die er diesem seinem verirrten Schafe bewiesen habe . Jetzt war die rechte Saite angeschlagen : der Verbrecher war bewegt von dem Gedanken an die Langmut