Das habe ich vorhin wieder so klar und deutlich gesehen . - Ja , ja , für eine treulos Verlassene möchtest du alle Tage gelten , aber nicht für eine alte Jungfer . O Welt ! o Welt ! « Madame Wundel hatte sich so in den Eifer hineingesprochen , daß sie unmöglich auf ihrem Stuhle ruhig sitzen bleiben konnte . Sie stand deßhalb auf , machte ein paar Gänge dutch ' s Zimmer und sagte dann , als ob sie froh wäre , etwas zu finden , woran sie ihren Unmuth auslassen könnte : » Werft mir die dummen Kartoffeln vom Tisch und das fade Wasser ! Da hast du den Schlüssel , hol ' den Kuchen heraus , der im Schranke steht , und ein paar Gläser . « » Und keinen Wein dazu ? « fragte mürrisch die Tochter , indem sie sich zum Abgehen anschickte . » Nein , du brauchst keinen Wein zu bringen ; aber schüre das Feuer , damit wir ein behagliches Zimmer bekommen . Ich habe jetzt dem unangenehmen Kerl zulieb genug gefroren . Dann kannst du auch Wasser zum Kochen aufsetzen ; die Madame Becker wird nachher auf einen Augenblick kommen und Extrakt mitbringen , da wollen wir uns einen ordentlichen Punsch machen . « » So - die kommt ? « fragte Emilie mit einem eigenthümlichen Gesichtsausdruck . - » Und wollt ihr allein sein ? - Ist man vielleicht im Wege oder kann man da bleiben ? « » Wie du so einfältig fragen kannst ! « sagte die Mutter ; » du kannst freilich dableiben , aber es wäre mir nicht lieb , wenn unterdessen Louise - damit meinte sie die jüngere Tochter - nach Hause käme . « » Da kannst du unbesorgt sein , die kommt heute nicht vor elf Uhr nach Haus ; die weiß doch noch irgendwo hinzugehen , wo sie sich amusiren kann . « - Damit schritt sie zur Thüre hinaus . Man hörte sie mit ihren Schlüsseln draußen rasseln , auch Gläser klirren , dann schürte sie das Feuer im Ofen , der kurze Zeit darauf eine behagliche Wärme ausströmte . Madame Wundel hatte unterdessen höchst eigenhändig die Kartoffeln in die Küche hinaus geworfen , das Wasser entfernt und statt des groben Tischtuchs ein feineres ausgebreitet , kurz dem ganzen Zimmer in weniger Zeit ein behagliches Ansehen gegeben . Als nun vollends Emilie wieder herein kam , einen großen mürben Kuchen auf den Tisch stellte , etwas getrocknete Früchte und einige Gläser , da sah das Ganze recht festlich aus , würdig des Besuchs , der erwartet wurde und den man auch bald nachher die Treppen herauf kommen hörte . Madame Becker - sie war es - ging ziemlich langsam , denn das Treppensteigen wurde ihr bei vorgerücktem Alter und ankommender Körperfülle etwas sauer . Sie hustete schon auf dem zweiten Absatz der Treppe , auf dem dritten pustete sie gewaltig , und als sie endlich vor der Wohnung der Madame Wundel ankam , brachte sie nur mühsam einen guten Abend hervor und ließ sich sogleich auf einen Stuhl nieder , den man ihr hinstellte . » Aber Ihr wohnt recht hoch , Wundel , « sprach sie nach tiefem Athemholen und nachdem sie sich eine Zeit lang umgeschaut . » Recht hoch , aber anständig - saubere Zimmer . « » So , so , « entgegnete die Wittwe . » Man kann nicht Alles mit einander verbinden ; will man in unsern Verhältnissen im zweiten oder dritten Stock wohnen , so muß man sich mit ein paar kleinen finstern Löchern ohne Aussicht und Luft begnügen , und da ist ' s mir hier oben lieber . « » Das finde ich begreiflich , « erwiderte Madame Becker . » Ihr habt kein Geschäft , es laufen nicht viele Leute zu Euch ; aber ich muß nun leider einmal im ersten Stock wohnen ; wißt Ihr , man kann Manchem nicht zumuthen , daß er viele Treppen hinaufsteigt . « » Ah ! das ist natürlich , « sagte Madame Wundel mit wichtiger Miene ; » bei Eurer ausgebreiteten Bekanntschaft . - Aber kommt , legt Euer Umschlagtuch ab ; es muß Euch ja zu warm werden - « » Ich habe nur einen Augenblick ausschnaufen wollen , « entgegnete Madame Becker , während sie eine dicke Nadel aus ihrem Halstuch herauszog und dasselbe nun der Fräulein Emilie Wundel überließ , die es sorgfältig auf einen Stuhl legte . Nachdem diese Hülle gefallen war , erblickte man das freundliche Glänzen einer Bouteille , welche die Frau in einer Hand trug . Unter dem Arm hatte sie ein kleines Paketchen , das sie behielt , wogegen sie die Flasche der Wittwe mit einem angenehmen Lächeln überreichte . » Er ist gut , « sagte sie , » ächter Düsseldorfer ; laßt uns nur nicht zu viel Wasser dazu nehmen ; ich liebe einen starken Punsch . « Mit diesen Worten hatte sie sich so breit und behaglich wie möglich an den Tisch gesetzt ; sie stützte den Kopf auf die Hände und sah der Madame Wundel , die sich ihr gegenüber niederließ , freundlich lächelnd in die Augen . Ihr Paketchen hatte sie vor sich niedergelegt . » Wir haben uns lange nicht mehr gesehen , « fuhr sie nach einer Pause fort , » und ich hatte mir schon oft vorgenommen , Euch einmal heimzusuchen , konnte aber nie dazu kommen , und so dachte ich denn heute : es ist dies ein ruhiger stiller Abend und recht geschickt , sich nach einer guten Freundin umzusehen . « » Wofür ich Euch sehr dankbar bin , « erwiderte Madame Wundel . » So ein Weihnachtsabend ist recht langweilig und man weiß nicht , wie man ihn herum bringen soll . « Emilie hatte das warme Wasser gebracht , goß es in die Gläser auf den Punsch-Extrakt , worauf sich ein angenehmer Geruch in dem Zimmer verbreitete , dann schnitt sie