Das eigentliche Ziel seiner Reise wollte er ihr erst auf dem Schiffe entdecken . Sie fuhren mit dem nächsten Zuge bis Hamburg , wo sie gegen Abend ankamen . Leuthold fand es am Geratensten , in einem großen Gasthaus abzusteigen , wo der Einzelne nicht so beachtet wurde wie in einem kleinen . Er wählte eines der prachtvollen Hotels am Jungfernstieg , der belebtesten Straße Hamburgs . Gretchen jubelte laut auf , als sich das nordische Venedig vor ihren unerfahrenen Blicken entfaltete . Da breitete es sich hin , das mächtige Alsterbassin , umrahmt von Hunderten strahlender Flammen , abgeschlossen durch den bunterleuchteten Alsterpavillon und mitten durch die leichtgekräuselte Flut zog der Mond eine endlose silberne Straße . Wie Schatten in der Laterna magica108 glitten die Gondeln darüber her und hin und von dem Lusttempel am jenseitigen Ufer trug der frische Seewind die Klänge rauschender Musik herüber . Wasser- , Licht- und Schallwellen fluteten in vollendeter Harmonie an Gretchens Auge und Ohr und wiegten sie in einen Taumel von Entzücken ein . Sie glaubte Nixen auftauchen zu sehen , die am Tage Handel und Wandel auf dem belebten Strom in die Tiefe verscheucht haben mochten ; sie umschwammen zutraulich die hindernden und sangen ihnen sehnsüchtige Lieder vor . Und wenn sie dann wieder den Blick dem Ufer zuwandte , wo Pallast sich an Pallast reihte , wo eine wogende Schar von Spaziergängern und rasselnden Equipagen sich drängte , ein Bild der Wirklichkeit gegenüber dem träumerischen Eindruck des Bassins — aber der Wirklichkeit in ihrer glänzendsten , stolzesten Gestalt , da glaubte die jugendliche Seele , die Welt sei ein Zaubergarten und ihr Vater der Magier , der darin gebiete , und er habe sie jetzt geholt , um seine Herrlichkeiten zu genießen . Sie warf sich an seine Brust und küßte seine Hände , und wußte ihm nicht mit Worten zu danken für alle die fremdartige , niegeahnte Wonne ! Da hielt der Wagen vor einem der schönsten Hotels des Jungfernstiegs . Der Portier rannte zur Glocke , das Personal stürzte herbei . Ein Oberkellner nahte mit dem seiner Würde angemessenen Schritt und erwartete unter der Tür die Ankommenden . Leuthold hatte Gretchen herausgeholfen und dem Hausknecht das Gepäck übergeben . Jetzt erst beim Ersteigen der Stufen richtete er den Blick auf den wohlfrisierten Stellvertreter des Wirtes . Er stutzte — jener gleichfalls . Sie kamen sich Beide bekannt vor — einige Sekunden des Besinnens — jetzt wußten sie ' s , Jeder vom Andern , wer sie waren . Leuthold mußte sich an Gretchen halten , um nicht zu straucheln : es war der Oberkellner aus seines Schwiegervaters Gasthaus , der Mann Berthas ! Sie wechselten einen kurzen , feindlichen Gruß . Dann rief der Oberkellner in dem unbefangensten Tone : „ Louis , führen Sie Herrn Doktor Gleißert mit Fräulein Tochter auf Nummer zwei- und dreiundvierzig . “ Es kam Leuthold vor , als lächelte der Angerufene bei Nennung seines Namens , als tausche er einen bedeutsamen Blick mit dem Vorgesetzten . Doch war dies wohl nur eine Vorspiegelung seiner geängstigten Phantasie . Er überlegte , ob es nicht besser sei , in ein anderes Hotel zu gehen . Doch mußte das wie eine Flucht ausgelegt werden , und erkannt war er ja doch schon ; wenn ihn der Oberkellner verfolgen wollte , wußte er ihn in jeder Herberge Hamburgs zu finden . Der Gefürchtete zog sich mit einer höhnischen Verbeugung zurück und Leuthold stieg hinter dem Führer vier Treppen hinan . „ Haben Sie denn kein Zimmer im unteren Stocke ? “ fragte er . „ Bedaure sehr , “ sagte der Gefragte lächelnd , „ ist Alles besetzt ! Sie haben ja da oben eine weit schönere Aussicht über das Alsterbassin . “ Leuthold schwieg . Es war ihm , als sei er in eine Falle geraten . Mußte er auch in der großen Stadt gerade das Haus wählen , wo ihm der schlimmste Feind lebte ! Wie war dieser Mensch hierher gekommen ? Louis , der Zimmerkellner , öffnete ein elegantes Gemach mit der Aussicht auf das Bassin , und Gretchen konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken , als sie von solcher Höhe herab die ganze Herrlichkeit mit einem Blick überschaute . Sie meinte geradezu , sie sei im Himmel . Louis zündete die Kerzen an und harrte weiterer Befehle . “ „ Seit wann ist Herr Meyer Oberkellner bei Ihnen ? “ fragte Leuthold nebenbei . „ Seit einem Jahre etwa , “ erklärte Louis , die Serviette durch die Hände ziehend . „ Er ist mit dem Besitzer dieses Hauses verwandt und nachdem derselbe seinen einzigen Sohn verlor , ließ er Herrn Meyer kommen , damit das Geschäft doch nicht in fremde Hände falle . 24 „ So — da wird also Herr Meyer einmal sein Nachfolger ? “ „ Zu dienen , ja wohl ! “ Leuthold ging auf dem weichen Teppich hin und wieder . „ Speisen die Herrschaften zu Abend ? “ „ Ja ! “ „ Wollen Sie sich in den Speisesaal bemühen ? “ „ Ich möchte die vier Treppen nicht noch einmal steigen . Servieren Sie gefälligst hier oben . “ „ Sehr wohl — ich werde sogleich die Karte bringen . “ „ Eh — hören Sie — “ „ Befehlen ? “ „ Bringen Sie mir doch auch ein paar Zeitungen mit herauf — wollen Sie ? “ „ Sehr wohl ! “ Als Louis die Tür hinter sich geschlossen , wandte sich Gretchen , die bisher mit gefalteten Händen am Fenster gestanden , zu Leuthold um . „ Vater , “ sagte sie , „ ich bin wie berauscht von Allem , was ich sehe . So glücklich war ich in meinem Leben noch nie . Aber in aller Zerstreuung und Freude vergesse ich doch keinen Augenblick , wem ich es zu danken habe . “ Und sie kniete auf den Teppich nieder und legte das Köpfchen auf Leutholds Knie , der sich