ihn machte , denn er konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben . Freude war es nicht , was er empfand . Die Dinge müssen zur rechten Zeit kommen , um uns angenehm zu sein ! rief er endlich im Selbstgespräche aus , während er sich von seinem Platze am Schreibtische erhob und den Brief aus den Händen legte . Wäre dem Freiherrn ein solches Schreiben , ein solches Eingeständniß und eine solche Aufforderung zur Versöhnung bald nach dem Zerwürfniß dargeboten worden , so würde er sie ohne alle Frage bereitwillig und mit Freuden aufgenommen haben und damals sehr zufrieden gewesen sein , in dem alten , gewohnten Geleise mit so viel Zugeständnissen und Nachsichten , wie jedes Familienleben sie erheischt , weiter fortzugehen . Aber das Zusammenleben innerhalb der Familie hat , weil es kein sittlich frei gewähltes , sondern ein zufällig bestimmtes ist , als erstes Bedingniß die ununterbrochene Dauer , die duldsam machende und den Blick beschränkende Gewalt der langen Gewohnheit für sich nöthig . Werden diese vermittelnden Elemente einmal zerstört , ist der Zauber gebrochen , der uns über Charakterverschiedenheit , ungleiche Lebensansichten und Ueberzeugungen , der uns über Alles dasjenige leicht fortsehen machte , was uns an den uns angeborenen Menschen störte und von ihnen im Grunde trennte , so ist auch die Schranke aufgehoben , welche alle Theile innerhalb eines gewissen Gleichmaßes zusammen und einzelne derselben eben deßhalb in ihrer freien und völligen Entwicklung - im Guten wie im Schlimmen - zurückgehalten hatte . Jeder nimmt dann frei den Weg , den er bedarf , bildet sich persönlicher , eigenartiger aus ; macht man später einmal wieder den Versuch , das Ungleichartige in die alten Bande und Verhältnisse zurückzuführen , so ist dies eigentlich in Wahrheit niemals möglich , und der alte Ausspruch , daß man über seinen Zorn die Sonne nicht untergehen lassen solle , beweist sich als eine tiefe Weisheit , wofern man überhaupt eine Herstellung der früheren Verbindungen ersehnt . Alle Eingeständnisse und Zugeständnisse , welche Graf Berka seinem Schwiegersohne und alten Freunde in diesem Versöhnungsbriefe machte , hatten für den Freiherrn nur etwas Peinigendes . Er war der Berka ' schen Familie nun einmal entwöhnt . Es hatte in derselben bei großen Vorzügen , die er auch jetzt noch anerkannte , immer eine gewisse Familienbeschränktheit geherrscht ; man hatte dem Ergehen und Thun des Einzelnen eine viel zu große Bedeutung beigelegt und damit geringfügige Ereignisse zum Gegenstande weitläufiger Besprechungen und unverdienter Theilnahme gemacht . Das war ihm auffällig erschienen , so lange er außerhalb der Familie gestanden hatte , war ihm als Angelika ' s Verlobter ein wenig lästig gewesen , und er hatte sich aus dieser übertriebenen Familienliebe später die Züge in Angelika ' s Charakter erklärt , die er als Empfindsamkeit und als zu große Ansprüche an die Leistungen und Empfindungen der Anderen zu bekämpfen für nöthig gehalten . Jetzt - er fuhr sich unmuthig mit der Hand über die Stirn - jetzt kam diese Versöhnung ihm sehr ungelegen , und zurückweisen konnte , durfte er sie nicht , wollte er nicht gegen Angelika , die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte , sie zu wünschen , ein Unrecht begehen , wollte er der Kranken nicht einen ihr erwünschten Trost entziehen . Und selbst um der Meinung seiner Umgangsgenossen willen mußte er die dargebotene Hand seines Schwiegervaters freundlich zu ergreifen scheinen ! Aber je länger er darüber nachsann , um so schwerer und unwillkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung . Er wußte , wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin und ihre Ansprüche und Gewohnheiten mit denen der Berka ' schen Familie zusammenstimmten . Es kam ihm daneben nicht willkommen , die Berka ' s so nahe in seine Verhältnisse blicken zu lassen . Er konnte sich denken , mit welchen Augen sie den Kirchenbau betrachteten , welche Fragen der Graf , der in der eigenen Bewirthschaftung seiner Güter große Befriedigung fand und glänzende Erfolge erzielte , wegen der Ausschlagung der Wälder und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richten würde . Es beunruhigte ihn , daß seine Schwiegereltern gerüchtweise von seinen augenblicklichen Geldverlegenheiten , von dem Verkaufe des Hauses erfahren haben könnten , und vor Allem dachte er mit Schrecken daran , wie sie die Tochter , die er einst so blühend und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten , jetzt wiederfinden mußten . Er nahm den Brief noch einmal auf , aber er konnte sich nicht überwinden , ihn noch einmal zu lesen , und ihn auf den Tisch schleudernd , rief er ärgerlich : Ich wollte , sie hätten mich mit ihrer späten Versöhnlichkeit verschont ! Trotzdem mußte er zu einem Entschlusse kommen , und rasch , wie man etwas Lästiges abzuthun sucht , warf er mit fester Hand die folgenden Zeilen auf das Papier : » Empfangen Sie , theurer Freund , meinen nachträglichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstage , den wir doppelt zu segnen haben , da er Sie zu einer für uns so erwünschten Einsicht und Entschließung geführt hat . Ich nehme die Versöhnung , welche Sie mir bieten , ohne alles weitere Erörtern an , und meine Frau wird glücklich sein , ihren verehrten Eltern die Hand küssen und ihren Segen wieder empfangen zu können . - Leider war ich genöthigt , da Geschäfte mich hieher riefen , sie unter der Obhut des Caplans noch in der Stadt zurückzulassen . Ein Brustübel , dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres Sohnes zeigten und in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar machten , hat sich plötzlich entschieden ausgebildet und sie vor wenig Wochen mir zu rauben gedroht . Auf dem Wege der Genesung , ist sie der größten Schonung bedürftig , und ich bin eben deßhalb noch nicht im Stande , Ihnen , theurer Graf , und der Gräfin , die ich meiner aufrichtigen Ergebenheit zu versichern bitte , anzugeben , wie und wann ich meiner Frau die Mittheilung Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise wir unser Wiedersehen mit Ihnen