und Blättern glitzerten in seinen Strahlen ; Felix konnte auf seiner Uhr sehen , daß die Schloßglocke eine Viertelstunde zu spät geschlagen hatte . Die Lichter im Schloß waren erloschen ; nur in zwei der Fenster des hohen Parterres schimmerte durch die rothen Vorhänge der Schein einer Lampe . Es war Helenens Zimmer . Felix sah in regelmäßigen Zwischenräumen die undeutlichen Umrisse ihrer Gestalt hinter dem Vorhang - offenbar schritt sie im Zimmer auf und ab . Dann mußte sie sich wieder an das Clavier gesetzt haben , denn einzelne Töne , den Lauten des Vogels gleich , der im hellen Mondschein träumend sein Lied zu singen versucht , irrten durch den stillen Garten ; die Töne flossen zusammen zu Accorden und endlich strömte in vollen rauschenden Wogen Beethoven ' s herrliche Sonate pathétique , wie der Gesang eines Engels , der um Mitternacht mit ausgebreiteten Flügeln über die Erde schwebt , und alles Erdenleid und alle Erdenqual in seinem göttlichen Herzen sammelt und ausströmt in ein feierliches Lied voll unendlicher Schwermuth und himmlischer Süßigkeit . Felix empfand in diesem Augenblick , wo er , den Arm auf eine Urnensäule gelehnt , lauschend dastand , eine Art von Gewissensbiß darüber , daß er , der Wüstling , der Unreine , die Hand auszustrecken , die Augen zu erheben wagte zu ihr , der Keuschen , Reinen . Er nahm sich in diesem Augenblicke vor , ein anderes Leben zu beginnen , die Thorheiten abzustreifen , und er glaubte alles Ernstes , daß er nur zu wollen brauche , um zu können . Er hörte mit einer gewissen Andacht der Musik zu . Er war Kenner genug , um zu fühlen , daß die Sonate nicht schöner , nicht seelenvoller gespielt werden konnte , er sagte bei einzelnen Passagen leise bravo ! bravo ! als ob er sich in einem Concertsaale befände . Aber Helene und Beethoven , Tugend und Musik und was noch sonst Alles in diesen Minuten durch sein Hirn gezogen sein mochte - Alles war im Nu versunken , wie eine Fata Morgana , als sein Ohr jetzt den leisen Schritt eines Menschen vernahm . Der Schritt kam von einer anderen Seite , als Felix erwartete . Indessen die hübsche Luise mochte ja einen Umweg gemacht haben , um die breiteren , von dem Mondschein allzu hell beschienenen Gänge in der unmittelbaren Nähe des Schlosses zu vermeiden . Der Schritt kam näher und näher , und Felix , der auf den Einfall gerieth , sich ein wenig suchen zu lassen , drückte sich dicht in die Gebüsche . Wie groß aber war sein Erstaunen , als er statt der hübschen Luise Bruno an sich vorüberschleichen sah . Im ersten Augenblick mußte Felix über diese Enttäuschung lachen ; im nächsten aber schon fiel ihm ein , daß durch diese Dazwischenkunft sein Rendezvous mehr wie bedenklich werde , und daß es unter diesen Umständen wohl das Gerathenste sein möchte , sich in das Schloß zurückzustehlen . Wer weiß , wie lange sich der Junge hier herumtreiben wird ; am Ende ist er gar verliebt , oder er ist verrückt , oder beides , denn er sieht nach beidem aus ; oder er ist mondsüchtig und geht so ein paar Stunden hier spazieren . Der verdammte Bengel ! überall steht er im Wege ; ich hätte große Lust , ihm nächstens einige fühlbare Beweise meiner freundschaftlichen Gesinnung zu geben . Auf jeden Fall will ich ihm das Feld räumen . Jetzt kann man noch als verspäteter Liebhaber eines Mondscheinabends auftreten ; später geht das nicht mehr gut . Aber der Tante wollen wir doch von diesen nächtlichen Excursionen der Zöglinge des Herrn Stein erzählen . Felix hatte den Weg nach dem Schlosse fast zurückgelegt , ohne Bruno zu sehen , und schon hoffte er , daß der Knabe sich aus dem Garten entfernt habe und sein Rendezvous doch noch zu Stande kommen könne , als er , über einen kleinen offenen Platz schreitend , der halb vom Mondschein erhellt und halb im Schatten lag , Bruno auf einer Bank sitzen sah , die Augen nach Helenens Fenster gerichtet , aus denen noch immer die Tonwellen rauschten . Der Knabe schien so in andächtiges Zuhören verloren , daß er Felix erst bemerkte , als dieser schon ganz nahe war . Weshalb treibst Du Dich denn hier noch so spät umher ? sagte Felix , dessen Aerger sich mindestens in einigen unfreundlichen Worten Luft machen mußte ; ich werde es der Tante sagen . Bekümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten , sagte Bruno , der in der ersten Ueberraschung aufgesprungen war und ein paar Schritte auf den Platz gethan hatte , trotzig stehen bleibend , als er in dem Herankommenden den verhaßten Felix erkannte . Du bist ein naseweiser Bursche , sagte Felix . Und Du ein gemeiner Schurke , erwiederte Bruno . Der Dich für Deine Unverschämtheit züchtigen wird , sagte Felix , dem mit untereinandergeschlagenen Armen vor ihm stehenden Knaben einen Backenstreich versetzend . Bruno taumelte ein paar Schritte zurück ; Felix sah , nicht ohne leichten Schauder zu empfinden , wie die Augen des Knaben buchstäblich glühten ; dann brach ein dumpfer , röchelnder Schrei aus seiner Kehle - ein mächtiger Sprung , wie eines Leoparden , der sich auf seine Beute stürzt - und im nächsten Moment lag Felix am Boden und die starken Hände Bruno ' s schlossen sich wie eiserne Klammern um seine Kehle . Er rang wie ein Verzweifelter , den Knaben von sich abzuschütteln und wieder in die Höhe zu kommen , aber vergebens . So oft er sich auch mit dem Körper emporbäumte , so oft er Bruno von sich fortzudrücken versuchte , jedesmal fühlte er seine Anstrengungen von einer unwiderstehlichen Kraft paralysirt , und fester und fester schlossen sich die schlanken Finger um seinen Hals . Laß mich los , Bruno , stöhnte er . Befiehl Deine Seele Gott , denn Du mußt sterben , knirschte Bruno . Felix fühlte , wie seine