mit dem Herzen , welches dunkel fühlt , daß die Religion mit der dem Leben zugekehrten Vorschrift der Liebe die Menschen aneinander bindet oder binden sollte . Daß sie nach vollbrachter Religionsübung sich mit ihrer Religion abfinden und dieselbe in den menschlichen Verkehr nicht mitbringen , können sie einander von beiden Seiten mit gleichem Recht vorwerfen ; nur wird , die gleiche Innigkeit des Bekenntnisses bei den einzelnen vorausgesetzt , die Abfindung bei dem strengeren Bekenntnisse schwerer sein . Und doch finden sich hüben wie drüben bis zu einer gewissen Grenze alle ab : denn wer befolgt die Vorschrift des Evangeliums , alles zu verkaufen , was er hat , und es den Armen zu geben , oder nie für den kommenden Tag zu sorgen ? Wer Rechtsverbindlichkeiten eingegangen hat , wer Weib und Kind ernähren muß , wird , wenn er auch noch so kirchlich religiös gesinnt ist , sich mehr oder minder deutlich gestehen , daß er solche Vorschriften als unerfüllbar betrachte . Dann bleibt zwar allerdings noch immer ein sehr großer Unterschied zwischen ihm und einer Gaunerin , die das Geld zu einer Wallfahrt stiehlt , oder , wie eine andere ihres Ordens , ein berühmtes Marienbild von gestohlenem Zeuge kleiden , oder gar , wie gleichfalls vorgekommen ist , für das Gelingen eines Einbruches eine Messe lesen läßt ; aber die Nichtanwendung wie die nichtswürdige Anwendung von Religionsvorschriften auf das Leben ist immer eine Abfindung , mit welcher man bekennt , daß die Religion das Leben nicht ganz zu leiten vermöge . Woher soll ihm aber eine ganze Leitung kommen , solang es an einem Rechte fehlt , das jedem seinen Platz am Tische des Lehens sichert ? Die Religion hat noch selten einen christlichen Staat oder Fürsten abgehalten , um eines wirklichen oder vermeintlichen Rechtes willen einem anderen Menschen- oder Christenreiche den Krieg zu erklären und selbst mit Grausamkeit zu führen , ja nach erfochtenem Sieg über blutigen Leichen und rauchenden Wohnstätten dem Herrn der Heerscharen , den dieselbe Religion auch den Vater der Liebe nennt , einen schrecklichen Lobgesang anzustimmen . Auf ein Recht aber glaubte auch die Tochter eines heimatlosen Stammes sich berufen zu können , die über den Gräbern ihrer geschlachteten Verwandten im Kriege mit der Gesellschaft aufgewachsen war und diesen Krieg mit dem gleichen Hasse führte , mit welchem ein Naturvolk seine Wälder und Gebirge unter Raub und Mord gegen die Waffen und Gesetze des eingeborenen oder eingedrungenen Beherrschers zu behaupten sucht . Gerade hierin aber lag zwischen ihr und dem nicht von Kindesbeinen an , sondern erst in späteren Jahren ausgestoßenen Sohne des herrschenden Volkes ein Gegensatz , der immer eine Kluft zwischen ihnen offen erhalten mußte . Zehnmal mochte er ihr in den Stunden der Leidenschaft beistimmen , daß die Gesellschaft , die er verlassen , aus lauter Spitzbuben , Heuchlern oder Tröpfen bestehe : immer wieder sagte ihm seine unbestechliche Erinnerung , daß er auch ehrliche , gradsinnige und verständige Leute darin gefunden habe und daß das nächste Opfer ihrer Raubzüge zu diesen gehören könne . Und diese lichten Erinnerungen und Eindrücke verbanden sich bei ihm mit einer Religion , die ihn in dem friedlich-frommen Kreise seiner Mutter mit dem unvertilgbaren Bewußtsein erfüllt hatte , daß , wenn auch in der Bibel und von ihren besten Helden gestohlen , geraubt und gemordet werde , daß , wenn auch eine christliche Obrigkeit sich für die Führung ihres Racheschwertes auf die Bibel berufe , doch der wahrhaft gute Mensch einen Abscheu davor haben müsse , das Eigentum seines Nächsten anzutasten oder , unter welchem Vorwande es auch sei , sein Blut zu vergießen . Aber die innere Erkenntnis des Menschen hat ohne eine Unterstützung von außen nicht so leicht die Gewalt , sein äußeres Leben augenblicklich umzugestalten , schon deshalb nicht , weil seinen schönsten und edelsten Empfindungen immer wieder die menschliche Schwachheit sich anhängt und weil er die besten Vorsätze sehr oft in Stunden äußerer Not und Bedrängnis faßt , so daß , wenn diese vorüber sind , das frohe Gefühl des Glückswechsels ihm auch den guten Vorsatz nur als ein Erzeugnis der schwachen Stunde erscheinen läßt . Hiefür liefert gerade die Geschichte der Offenburger Verhaftung , wie sie Schwan ohne den religiösen Zwischenvorgang zu den Akten gegeben hat , einen so deutlichen Beleg , daß dieselbe , die auch sonst merkwürdige Züge darbietet , hier nicht übergangen werden darf . Nach verschiedenen Abenteuern mit eigennützigen Polizeimännern und nachlässigen Obrigkeiten , welche sich den Schutz der ihnen anvertrauten bürgerlichen Gesellschaft so schlecht angelegen sein ließen , daß diejenigen , die dem Markgrafen von Baden ihre etwaigen Gefangenen um Geld verkauften , noch weitaus zu den besseren gehörten , hatte das Paar den Unstern , auf dem Jahrmarkte zu Offenburg in seinen Geschäften durch die Wachsamkeit dortiger Bürger gestört zu werden , wie denn überhaupt in allen ähnlichen Geschichten jener Zeit die Gaunerherrlichkeit immer erst da ein Ende hat , wo mutige und aufopfernde Bürger , oft schmählich im Stich gelassen , der Obrigkeit zu Hilfe kommen . Dem Räuber gelang es in eine Kapelle zu entspringen , seine beiden Terzrohre , wie der Sprachgebrauch der Zeit sie nannte , unter dem Hochaltar zu verbergen und seine Barschaft von drei Karolins dem Chorrektor , der mit mehreren Geistlichen sogleich herbeieilte , in die Hand zu drücken . Der Chorrektor versprach , ihn nicht eher auszuliefern , als bis er vom Magistrat einen Salvuskondukt in so bündiger Form ausgewirkt habe , daß man ihm weder an das Leben gehen , noch ein Glied verletzen , sondern , wenn er je eine Todesstrafe verwirkt , ihn wieder hierher in die Kirche stellen müsse ; für Schläge könne er ihm freilich nicht stehen . Der Stadtmeister der katholischen Reichsstadt lag nebst einigen anderen Personen soeben in der gleichen Kirche seiner Andacht ob und sah die Unterhandlung zwischen dem Geistlichen und dem verdächtigen Flüchtling mit an . Als nun die Kirche denselben mit dem weiteren Versprechen , daß er das anvertraute Geld nach seiner