! « » Seit uns der Hans gestorben ist , kann und will ich nicht mehr beten , « versetzte der Arbeiter mit trotzigem Stirnrunzeln . » Ich habe ein Gelübde gethan am Grabe unseres Kindes , das ich halten muß , und dies erfordert blos trotzige Kraft , kein Gebet . Meine Seele schwimmt in einem Meer von Haß , sie lechzt und schreit nach Rache . Habe ich mich gerächt und somit meinen Haß gesühnt , dann will ich Gott um Verzeihung bitten und wieder ein stiller , frommer , demüthiger Mensch zu werden versuchen . Früher aber nicht , bei allen Strafen der Verdammniß ! « » Gott hat ihn schon gestraft , überlaß ihm auch die Rache , ihm ganz allein ! « » Ich kann nicht ! « » So wir vergeben ; wird auch uns vergeben werden ! « sagte Traugott . » Es mag edel und großmüthig sein , Vater , wenn ' s nur auch so recht einfach menschlich wäre ! « » Du hast Dein Herz verhärtet , darum fühlst Du nicht mehr rein und lauter . Bete , ach bete , mein Sohn , damit Du nicht in Anfechtung fällst und uns verloren gehst ! « » So Gott mir und den Meinigen Rettung sendet bis zum neuen Jahre , so will ich wieder beten , Vater ; wenn nicht , dann fahre dahin , Menschlichkeit , und der Böse rüste mich aus mit der Kraft , die ich bedarf zu meinem Werke ! « Martell riß die Pelzmütze von der Wand und zog seine ärmliche , mit zahllosen Flicken besetzte Winterjacke an . » Willst Du noch ausgehen so spät ? « sagte Lore , indem sie mit einer Stecknadel den kaum noch glimmenden Docht der Lampe ein wenig ausspreitete und aus einem zerbrochenen Töpfchen die letzten paar Oeltropfen darauf träufeln ließ . Heller schoß das Flämchen empor und beleuchtete die bekümmerten , bestürzten und vergrämten Gesichter der unglücklichen Familie . » Es wird mir zu eng und zu heiß in meinen vier Pfählen , « versetzte Martell mit der fürchterlichen Ironie , die ihm seit seines Knaben Tode zur andern Natur geworden war . » Ihr braucht nicht auf mich zu warten , « fügte er hinzu , » denn wenn mir der heilige Christ in den Weg läuft , wie ich vermuthe , so biet ' ich mich ihm zum Begleiter an , wandere mit ihm von Haus zu Haus und ergetze mich an Anderer Freuden . Darum gute Nacht , ihr Lieben . Auf ein frohes Wiedersehen morgen früh ! « Ohne der bittenden Blicke und Worte zu achten , womit Frau und Kinder den verzweifelten Vater zu halten suchten , stürzte Martell aus seiner frostigen öden Behausung , setzte mit großen Schritten durch den hohen Schnee und verlor sich auf der etwas betreteneren Fahrstraße in ' s Dorf . Wohin Martell auch seine Blicke richtete , nirgends gewahrte er ein Zeichen fröhlicher Weihnachtszeit . Still und traurig lagen die einzelnen Häuser im Schnee vergraben . Hie und da schimmerte Licht durch die geschlossenen Fensterladen , auch das Klappern einzelner Webstühle ließ sich da und dort vernehmen . Aus den Wohnungen alter Leute schollen dem haßerfüllten Martell Töne kirchlichen Gesanges entgegen . Die Armen in grauem Haar sangen Buß- , Bet- und Weihnachtslieder und vergaßen darüber ihren Kummer , ihre irdischen Leiden . Diese unbedingte Ergebung in ein kaum zu ertragendes Schicksal erbitterte Martell noch mehr . Er fand es feig , unmännlich , charakterlos , ja gemein , für die Qualen des Lebens Dem Dank zu sagen , der anscheinend nichts zu Erleichterung Nothleidender thut . Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelnd , schritt der arme Spinner über den knisternden Schnee bis an ' s Ende des Dorfes . Hier , wo es die Haide mit schattigem Arm umfing , lag ein Schenkhaus . Der Schein vieler Lichter glänzte Martell schon von weitem aus diesem entgegen , und als er näher kam , konnte er aus dem lebhaften Geräusch auf zahlreichen Besuch schließen . Zaudernd blieb Martell einige Secunden unfern des Hauses stehen . Seine linke Hand vergrub sich unwillkürlich in die Tasche seiner Beinkleider und suchte mit krampfhaft gebogenem Finger nach Geld . Allein die Tasche war leer . Kalter Schweiß trat auf die Stirn des verarmten Arbeiters , er stöhnte unter unaussprechlichen Qualen . Kummer und Hunger schlugen gemeinschaftlich ihre zerfleischenden Krallen in sein gequältes Herz . Er schwang in ohnmächtigem Zorn den Stock , sein Auge rollte , seine grimme Seele lechzte nach einem Opfer , das sie zermalmen könnte ! Hell glänzend , blauschwarz , unermeßlich sah der klare Winterhimmel auf ihn nieder mit seinen zahllosen funkelnden Sternen . Ihr Flimmern und Sprühen kam Martell vor , als wollten sie ihn verspotten , als lächelten sie schadenfroh über sein Elend , und ergrimmt wirbelte er den Knotenstock um sein Haupt und schleuderte ihn sausend in die Luft , während sich ein gräßlicher Fluch über seine bebenden Lippen drängte . Als der Stock klappernd wieder niederfiel und dabei seine aufwärts gekehrte Stirne hart streifte , kam er wieder zur Besinnung . Er schämte sich jetzt seiner sinnlosen Wuth , murmelte etwas von Verzeihung und trat in das Schenkhaus . Trauriges , fast unvermeidliches Loos der Armuth , die aller Hilfe bar sich von Gott und Menschen verlassen glauben muß und Vergessenheit ihres Elendes in wüster Betäubung sucht ! - Martell , einst so still , ordnungsliebend , häuslich , arbeitsam und zufrieden , war seit dem Tode seines einzigen Knaben ein anderer Mensch geworden . Es litt ihn nicht mehr im stillen Hause , unter den traurigen Gesichtern . So oft er konnte , floh er sein Haus , suchte Gesellschaft und ergab sich dem Trunke . Der letzte Pfennig wurde aufgespart , um das schleichende Gift des Branntweins in reichlichem Maße genießen , um sich in seinem narkotischen Dunst bis zur vollkommensten geistigen Dumpfheit betäuben zu können ! Sein armes Weib ,