sie nicht fort — man konnte in dem Pensionat wohl denken , daß sie bei ihrem Vater blieb und so speisten sie mit einander zum ersten Mal nach so langer Zeit , aber es war Leuthold , als sei es eine Henkersmahlzeit . Nach Tische ging er zur Vorsteherin des Institutes und trug dieser die Bitte vor , ihm Gretchen für einige Wochen auf eine < < Vergnügungsreise > > mitzugeben , was ohne Anstand bewilligt wurde . Nur meinte die Vorsteherin , sie wisse nicht , wie sie es sämmtlich ohne Gretchen so lange aushalten sollten . „ Sehen Sie , “ sagte die liebenswürdige Frau , „ dieses Kind ist eines der Wenigen , die uns für unsere Mühe belohnen . Wenn ich sie einst verlieren muß , so geht ein Stück meines Herzens mit . “ „ O , wie verdien ’ ich das ! “ rief Gretchen und warf sich tief beschämt an die Brust ihrer Gönnerin . Leuthold kämpfte schwer . Sollte er dies Kind aus dem Erdreich reißen , wo es so feste , gesunde Wurzeln geschlagen , wo es gedieh im Sonnenschein des Friedens und Wohlwollens ? Und doch , sollte er es hier lassen , um es für immer zu verlieren ? War er einmal vom Gesetz verfolgt in Amerika , so konnte er seine Tochter nicht nachkommen lassen , seinen Aufenthalt nicht verraten . Sie war sein Kind , er hatte das heiligste Recht auf sie und konnte sie , seit er sie wiedergesehen , weniger entbehren als je . — Sie sollte sein Schicksal teilen . Während er noch im Sprechzimmer war , kam auch die alte Dame herein , die sich den ganzen Tag im Institut aufhielt , und war natürlich höchst erfreut , ihren Reisegefährten wiederzusehen . Sie bedauerte nur , daß Leuthold nicht denselben Abend fuhr , sie hätten den Weg so hübsch zusammen machen können . Die Vorsteherin lud ihn zum Tee ein , was er nicht ablehnen konnte , und er empfahl sich , um mit Gretchen einen Spaziergang zu machen . Des Mädchens Jubel kannte keine Grenzen , als sie ganz allein am Arme des Papas in die Welt wandern durfte . Es war wirklich , als blicke sie manchmal prüfend zum Himmel empor , ob sie auch nicht etwa oben anstieße . Es ist seltsam , wie uns oft eine Äußerlichkeit zum Maßstabe für Glück oder Unglück wird : Gretchen konnte den ganzen Umfang ihres Glücks erst ermessen , indem sie am Arme des Vaters dahinschritt und allen Menschen zulächeln durfte : „ Seht , das ist mein Vater ! “ Sie hatte auch ihren neuen Hut aufgesetzt und ihre Sonntagskleider angezogen — sie wollte ihrem Papa gefallen und ihm vor den Leuten Ehre machen . Beides gelang ihr vollkommen . Sie war reizend . Leuthold betrachtete sie mit zunehmender Bewunderung , sein geschäftiger Geist fing bereits wieder an , zarte Fäden der Hoffnung aus ihren braunen Haaren und üppigen Wimpern zu spinnen . Diesem Engel stand die Welt offen , sollte er nicht auch einen geächteten Vater mit hindurch führen können ? Wer konnte diesen halb lachenden , halb weinenden Gazellenaugen , diesen schwellenden Lippen widerstehen , wenn sie für den Vater flehten ? Wie sie so neben ihm herging , die elastische Gestalt , sich leicht an seinem Arme wiegend , wie ein zum ersten Mal angeschirrtes Füllen , und ihm vorplauderte mit aller Anmut eines natürlich entwickelten , jugendlichen Geistes und eines innigen Gemüts , da fing auch er an zu lächeln und aufzuleben — er war , wenn auch der elendeste Mensch , doch ein beneidenswerter Vater ! Da unterbrach Gretchen sein Sinnen : „ Vater , “ sagte sie leise , „ Du hast es nie gerne gehabt , wenn ich als Kind von der Mutter sprach . Aber , ich möchte doch wissen , was denn eigentlich , seit sie den Kellner heiratete , aus ihr geworden ist ? Darf ich Dich heute einmal danach fragen ? “ „ Ich kann Dir mit dem besten Willen keine andere Auskunft geben , als daß sie von Marburg fortzog , nachdem ihr Vater starb . Damals sandte sie die bei der Scheidung für diesen Fall bedungene Summe der Beisteuer zu Deiner Erziehung an mich und von da an duldete ihr roher Gatte keinerlei Briefwechsel zwischen ihr und mir . Er schickte mir jeden Brief , in dem ich versuchte , unsere Angelegenheiten genauer zu ordnen , unerbrochen zurück . So erfuhr ich nur noch durch dritte Hand , sie habe Marburg für immer verlassen . Wo sie nun lebt , weiß ich nicht . “ Gretchen schüttelte das Köpfchen und schwieg . „ Nicht wahr , Vater , ich sehe Dir ähnlich ? “ fragte sie fast ängstlich — sie wollte dieser ungetreuen Mutter in nichts gleichen . „ Du hast ihre Schönheit , jedoch verfeinert und veredelt , und meine Art zu denken und zu fühlen . “ Gretchen schmiegte sich an ihn : „ Ach , möchte ich Dir immer ähnlicher werden ! “ „ Gott verhüt ’ s. “ dachte Leuthold bei sich mit vollster Selbsterkenntnis und schlug den Rückweg ein . Hätte er auch auf seinem Lebenswege so umkehren können ! — Der Abend bei der Vorsteherin verging ihm langsamer als die Stunden mit Gretchen allein , obgleich sie ihm Proben ihres Könnens und Wissens ablegte , die ihn hocherfreuten . Besonders überraschten ihn ihre künstlerischen Talente , ihr Zeichnen und Malen . Sie hatte nicht übertrieben , als sie ihm geschrieben , sie verstehe Alles , womit ein Mädchen sein Brot verdienen könne . In dieser Hinsicht war Leuthold beruhigt . Und als er sich Nachts spät zur Ruhe begab , da überkam ihn eine Art von Zuversicht , die er lange nicht mehr empfunden und die ihn in festen Schlummer wiegte . Am andern Morgen hörte Gretchen zu ihrem Erstaunen , daß der gütige Vater ihr das Meer zu zeigen gedenke . —