legte , um ein Couvert zu betrachten , dessen Handschrift ihn in eine lebhafte Ueberraschung versetzte . Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und doch war sie ihm vertraut genug . Mit einer Hast , die gegen seine sonstige Gemessenheit sehr abstach , erbrach er das Siegel , auf dem mit festem Drucke das gräflich Berka ' sche Wappen ausgeprägt war , um den Brief zu lesen , den ersten Brief , welchen sein Schwiegervater seit dem Familienzerwürfniß an ihn richtete . » Ich bin lange mit mir zu Rathe gegangen , « schrieb der Graf , » ob ich Ihnen schreiben , oder mich auf den Weg machen sollte , Sie aufzusuchen ; und nun ich mich zu dem ersteren entschlossen , da ich Sie nicht zu überraschen und durch die Gewalt des Augenblickes zu bestimmen wünschte , weiß ich kaum noch , mit welchem Namen ich Sie nennen soll . Wo sich nach einer langen , ungetrübten Lebensgemeinschaft , die man von beiden Seiten als einen Vorzug zu schätzen wußte , ein Bruch aufthut , der durch viele Jahre offen bleibt , verändert die Zeit , die uns in unserem eigensten Wesen umgestaltet , auch nothwendig die beiderseitigen Verhältnisse , und kein Erfahrener kann an die Möglichkeit glauben , das alte Band und die früheren Zustände wieder zu finden oder wieder herzustellen . Trotzdem mag es zwischen uns , wo die nächsten und heiligsten Bande des Blutes ihre Ansprüche geltend machen , vielleicht gelingen , sich in neuer Weise und auf neuem Boden zu vereinigen , und ich biete Ihnen die Hand , lieber Arten , um diesen Versuch zu machen . Ich verhehle Ihnen nicht , daß ein bestimmtes Ereigniß mir den nächsten Anlaß zu diesem Briefe gegeben und den Entschluß , Ihnen eine Versöhnung vorzuschlagen , in mir zur Reife gebracht hat . Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag begangen , und vorwärts blickend auf die Jahre , die mir noch gegönnt sein können , zurückschauend auf den Weg , den ich gegangen bin , wird Alles einheitlicher , sieht Alles sich milder und weniger ungewöhnlich an . Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können glaubte , den Abfall von der Lehre , in der sie mit uns vereinigt war , und ihren Uebertritt zur römischen Kirche , das habe ich als eine Thatsache hinnehmen lernen , wofern sie ihr Glück und ihren Frieden in ihrem neuen Bekenntnisse findet . » In meines Vaters Hause sind viel Kämmerlein « , - mag sie weilen , wo ihr die Sonne am wärmsten scheint . Sie ist um ihret- , nicht um meinetwillen in der Welt ; sie ist uns eine gute Tochter gewesen , sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gattin geworden . Glaubte sie dazu der kirchlichen Gemeinschaft mit Ihnen nöthig zu haben , so that sie vielleicht wohl , dieselbe zu suchen , und Gott wird ihr mit seinem Troste nahe geblieben sein , in welcher Form sie sich auch zu ihm gewendet hat , sofern nur ihr Streben ein Gott wohlgefälliges gewesen ist . Ich habe unsere Angelika , ich habe meine Tochter schwer vermißt , als ich gestern ein Decennium meines Lebens abschloß , und auch Angelika ' s Gedanken werden bei mir gewesen sein . Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut , mit der wir sie von uns gewiesen , unser täglicher Segenswunsch hat das Verdammungs-Urtheil längst entkräftet , das wir einst gegen sie gefällt , und ihr eigenes Mutterherz wird sie gelehrt haben , daß die Elternliebe zwar beleidigt , aber nicht zerstört werden , daß sie irren , aber auch bereuen kann . Man sagt mir , Angelika sei krank , Sie hätten sie nach der Stadt gebracht , einen der dortigen Aerzte zu Rathe zu ziehen . Hat sie nicht verlangt , uns zu sehen ? Hat sie nicht daran gedacht , uns Kunde von sich zu geben ? Und wollen Sie uns dieselbe zukommen lassen , wenn Sie dieses Schreiben empfangen haben werden ? Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge um sie . Unsere Glaubensstrenge hat den Bruch veranlaßt , der uns , mein theurer Arten , so lange von unserem Kinde und von Ihnen , mein alter , werther Freund , entfernt gehalten hat . An uns , die wir die Trennung verschuldeten , ist es daher , eben so offen und unumwunden die Versöhnung zu versuchen ; und mich dünkt , diese Erklärung kann und muß allen Ihren Anforderungen und Bedenken Genüge thun . Es ist ein Freund , der von Ihnen die alte Freundschaft , es sind Eltern , die von Ihnen ihre Tochter wieder zu erhalten wünschen , Großeltern , die sich danach sehnen , Ihrem Renatus die segnende Hand auf das Haupt zu legen . wir haben Angelika ' s Sohn noch nicht gesehen . Meinem ältesten Sohn ist nach zwei Töchtern vor wenig Wochen der Erbe geboren , der ihm und meinem Hause fehlte . Wir haben ihn an meinem Geburtstage taufen lassen , die ganze Familie ist bei mir versammelt . Wollen Sie kommen , den Kreis vollzählig zu machen , in dem wir Sie entbehren ? Oder verlangen Sie es , fordert es Ihr Gefühl , erheischt es Angelika ' s Befinden , daß wir Sie in Ihrer Heimath suchen kommen ? - Ich überlasse Ihnen die Entscheidung . Für unsere Tochter füge ich von mir und ihrer Mutter nichts hinzu . Es gibt Dinge , die über das Wort erhaben , weil sie selbstverständlich sind . Unsere besten Wünsche , unsere Liebe , unser Segen sind mit ihr und mit Ihnen Allen ! Und so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusammenstehen , wie wir einst zusammenstanden , als Verwandte und Freunde in Neigung und in anerkennender Achtung . « Der Freiherr las den Brief noch einmal , nachdem er ihn beendet hatte , und es wäre schwer gewesen , aus seinen Mienen die Wirkung zu erkennen , welche er auf