betete lauter , aber noch mit zitternder Stimme . Recht , recht laut ! ... sagte Madame Delring und hatte die Hände gefaltet und schien der Vorbetenden wörtlich zu folgen . Als Treudchen zu Ende war und schwieg , sagte die tief in Gedanken Verlorene und wie von einem unendlichen Leid Gedrückte und als wenn sie noch wenig von all den Worten gehört hätte : Bete ! Nun wandte sich Treudchen erstaunt und bemerkte , daß die Augen ihrer Herrin feucht waren . Eine große und schwere Thräne rollte eben von den Wangen der nicht schönen , aber höchst würdevollen und durch Haltung und Wuchs einnehmenden Frau . Da ergriff es denn Treudchen wie mit geisterhafter Ermuthigung . Alles , was ihr von ihrer Firmelung und ersten Beichte und ersten Communion her an wohlgefügten Sprüchen und Versen in Erinnerung geblieben war , sprach sie jetzt ungeordnet durcheinander und mit lauter Stimme . Sah sie sich um und fand , daß die Mitbetende ganz mit Entäußerung ihres Standes wie eine Schwester , wie eine Mutter ihr folgte , so begann sie aufs neue und betete inbrünstig den Himmel auf die Erde herab . Alle nur möglichen Sünden , Eitelkeit , Hoffart , Unglaube , Geiz , Falschheit , wurden , weil die einmal in den Gebeten so formulirt sind , von ihr auch bekannt . Auch die einzelnen Fürsprecher unter den Heiligen wurden namentlich aufgerufen , sodaß jeder auch gerade den Fehler dargebracht bekam , auf den er gleichsam das Vorrecht hatte , daß ihn Gott gerade nur durch seine Vermittelung vergab ... der Gottesmutter dabei ganz zu geschweigen , die zuletzt wie mit ihrer Zauberhand Schloß und Riegel am Schatz der Gnaden sprengte und das Kind Jesu auf ihrem Arm nur immer so hineinlangen ließ und Juwelen und Blumen und alle himmlischen Freuden der Vergebung auf die vor ihnen Knieenden niederwerfen . Erschöpft schwieg endlich Treudchen in ihrem sie wunderbar überkommenen Priesteramte , das sie vollzog , als hätte sie eine Ahnung von dem Streit der » gemischten Ehen « ... Madame Delring erhob sich , indem das junge Mädchen aufsprang und ihr dabei behülflich war . Daß Treudchen das kostbare und schwere Metallbild wieder auf den Altar unter die Epheulaube setzte , schien sich ihr jetzt von selbst zu verstehen . Es wurde auch von Madame Delring nichts dagegen eingewandt , als was die Schwere betraf ... Treudchen brachte es vollkommen und wie triumphirend zu Stande . Madame Delring sammelte sich jetzt von ihrer Aufregung . Sie verbarg ihr feuchtes Taschentuch von köstlich duftenden Spitzen . Sie sah sich um , klingelte zweimal und bestellte mit gelassener Stimme ihr Frühstück ... Sie wußte , daß ihr Gatte schon unten im Comptoir war . Mein Bruder ist ja verreist ? fragte sie dann beklommen , sich auf den Divan zum Frühstück setzend ... Treudchen sprach ein verlegenes : Ja ! Sie kehrte dabei zum Ordnen der Nebenzimmer in diese zurück ... Die Thüren standen offen . Du wirst zu deinen Geschwistern gehen wollen ! sagte Madame Delring . Ich wollte darum bitten ... Und in die Messe ! Wie oft hörst du sie ? Außer Sonntags ! Treudchen sollte sagen : Alle drei Tage ! Aber sie konnte jetzt nicht , vielleicht niemals lügen ... Nur Sonntags ! sagte sie . Immer , wenn du ausgehst , komm ' erst zu mir und frage , ob ich Bestellungen habe ! Ja , gnädige Frau ! Was ist die Uhr ? Halb neun ! Um neun kannst du gehen ! ... Die Empfindungen Treudchens , als sie dann ging und bis neun in ihrem Zimmer allein blieb , ließen sich nur mit denen einer freudig sich dahingebenden und sieggekrönten Aufopferung vergleichen . Sie fühlte , wie man für jemanden sterben könnte , nur um ihn vom Uebel zu erlösen . Die Gottesmutter war die Siegerin geblieben ! Es war ihr so leicht , so himmlisch beschwingt , daß sie dem ganzen Hause hätte zurufen mögen : Ich habe eine abtrünnige Seele gewonnen ! Um neun Uhr kehrte sie dann zurück , um sich , wie sie sollte , ihrer Herrschaft noch einmal vorzustellen ... Sie hatte nachgedacht , ob sie die so wieder in Gedanken verlorene und noch tief betrübt scheinende Frau nicht durch die Mittheilung des in der Nacht geschehenen Mordes unterhalten sollte und von dem Glück sprechen , daß sie nicht in diesem grauenhaften Hause , sondern hier bei ihr leben könnte ; doch überlegte sie , und mit Zustimmung der andern Dienstboten , die Trepp auf Trepp ab liefen , daß Eröffnungen dieser Art bei dem Zustande der Gebieterin nur von ihrer Familie kommen müßten . Wie Treudchen wieder in die vordern Zimmer eintrat , lag Madame Delring auf dem Kanapee ihres kleinen Boudoirs ... von rechts und links waren noch die Thüren offen und brachten das Licht , das durch das noch immer verhangene Fenster nicht einfallen konnte ... Sie stützte träumerisch das Haupt und hatte in der andern Hand ihr kleines Kinderhemdchen ... Willst du ausgehen ? sagte sie gelassen , als hätte sie das Besprochene schon vergessen ... Treudchen trat näher ... sie hatte ihren schwarzen Hut auf und fürchtete fast , nicht genug einem Dienstboten ähnlich zu sehen . Freundlich aber zog Madame Delring sie näher ... Sie lobte den Hut , band ihn jedoch dem hocherröthenden Mädchen ab , weil sie meinte , er säße nicht genug im Nacken ... Nun deutete sie auf den Fußschemel von vorhin und ließ Treudchen vor ihr niederknieen , um ihr selbst den Hut aufzusetzen ... Dann begann sie noch an Treudchen ' s Haar zu ordnen ... Wie schön dein Haar ist ! sagte sie sanft und löste einige der Flechten und hielt sie lange in der Hand , fast ihre Schwere wiegend und dann gegen das Licht haltend ... Wie Gold glänzt es ! ... fuhr sie fort . Nun band sie die Flechten anders ... Halt nur still ! sagte sie . Ich selbst