lang herum . Über ihr Verhältnis zu ihrer Religion sagt der akademische Geschichtschreiber dieses Räubers und dieser Räuberin : » Niemand betete pflichtlicher das Paternoster . Niemand besuchte die Wallfahrten so fleißig oder wohnte den Prozessionen so häufig bei . Schwan hat versichert , daß sie auf eine einzige solche heilige Feierlichkeit mehr als dreißig Gulden aufgewandt , daß sie aber auch öfters das Geld dazu vorher gestohlen habe . « Übereinstimmend hiermit sagt ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts , der über die Gauner schrieb und sich durch seine Sprache als Protestanten zu erkennen gibt , die Religion , zu der sich diese Menschenklasse bekenne , sei in der Regel die katholische , man dürfe immer hundert Katholiken auf einen oder zweien Lutheraner , Reformierte oder Juden rechnen ; diese Minderheiten bilden die Ausnahme und seien allemal Überläufer aus dem Bürgerstande ; die Religionswissenschaft der Mehrheit bestehe in einigen auswendig gelernten Formeln , in Legenden , in ungestalteten Ideen von Wallfahrten , Messelesen , Rosenkranzbeten u. dgl. , und mehr , fügt er mit protestantischer Härte hinzu , brauchen sie als Gauner auch nicht zu wissen , denn die Religion würde ihnen , wenn sie sie dem Wesen nach kenneten , nur beschwerlich sein . Die katholische Kirche , die sich die allgemeine nennt und es zu werden strebt , macht dem Menschen den Eintritt in ihre allezeit offenen Tempel leichter und legt ihm kein so schweres Opfer auf wie ihre Schwesterkirche . Da sie alles unter ihre Flügel versammeln will , so muß sie wie eine gütige nachsichtige Mutter verfahren , die dem Kinde je nach dem Maße seiner Gaben nicht das Schwerste zumutet , sondern sich mit der Andeutung des guten Willens begnügt . Daher erklärt es sich , daß ihre opferfreudigen Sendboten unter den kindlichen Völkern einer jüngeren Welt , wie bei den aus Indien nach Europa eingewanderten Zigeunern , welche großenteils den Grundstock der Heimatlosen des vorigen Jahrhunderts abgegeben haben , im Pflanzen und Ernten glücklicher gewesen sind als ihre Nebenbuhler von der anderen Kirche . Diese strengere Mutter weist die bloß äußerliche Andeutung zurück , sie duldet es nicht , daß der Mensch an seiner Statt Gott einen guten Mann sein lasse , sondern legt ihm selbst , unter Verheißung des göttlichen Beistandes zwar , die Riesenarbeit auf , sich die Geheimnisse des Glaubens anzueignen und das eigene Ich zu überwinden . Da sie selbst die Größe dieser Forderung sich nicht verbergen kann , so sagt sie , es sei nur Auserwählten möglich , dieselbe zu erfüllen , während sie zugleich , da sie so wenig wie die andere Kirche ihren Kreis zu beschränken gemeint ist , hiedurch in den Widerspruch gerät , auch Nichtauserwählten ihr Joch auferlegen zu wollen . Hiezu kommt noch , daß ihr seit mehr als hundert Jahren gerade unter ihren begabtesten Söhnen Gegner aufgestanden sind , die , statt sich als Auserwählte zu zeigen , den Grund des Glaubens mit der Schneide der Prüfung und Verneinung aufgewühlt und ihre unbegabteren Brüder beunruhigt haben , so daß die Kirche selbst , im Kampf mit ihnen , so wie andererseits mit ihrer älteren Schwester genötigt worden ist , um den Glauben zu streiten , das heißt , die Breite , Höhe und Tiefe der Gottheit auszumessen , was zwar den Weltkindern freistehen mag , der Kirche aber durch ihre heiligen Urkunden nicht empfohlen ist . So weisen denn beide Kirchen an ihren Bekennern Schattenseiten auf , welche die Gefahren der einen wie der anderen anzeigen : dort Leichtsinn , hier Verwirrung . Beide aber , die nachsichtige wie die strenge Mutter , geben dem Menschen für das Leben die gleiche Vorschrift : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ; und wenn diese Lehre befolgt würde , wenn mit diesem Beispiel die Lehrenden selbst und unter ihnen die heißesten Eiferer für ihre Kirche und ihren Glauben zuerst vorangingen , so wäre unter den Flügeln der einen wie der anderen dem Menschen eine gute Wohnstätte bereitet . Daß auf der einen wie auf der anderen Seite von dieser Liebe nicht gar viel zu spüren ist , das ist wohl zunächst die Schuld des einzelnen Menschen , noch weit mehr aber die Schuld und Not des ganzen Kreises , aus dem er stammt und in dem er lebt . Die Liebe , ob sie schmeicheln oder züchtigen mag , ist ein Weib und kann nicht dem Haushalte vorstehen , der neben der Mutter des Mannes , des Vaters bedarf ; und wenn das Volk , das in so vielen stolzen Söhnen sich rühmt , das zweite auserwählte der Weltgeschichte zu sein , wenn dieses Volk am Ziele seiner harten Arbeit und Mühsal die Gesetzestafeln findet , welche den zerrütteten Haushalt der Völkerwelt von neuem ordnen , jedem einzelnen Kinde des Hauses sein Lebensrecht und seine Lebenspflicht in ungezwungenem menschlichen Maße zuwägen , dann ist der Vater zu der Mutter gefunden , dann werden Recht und Liebe nebeneinander , eins das andere beschränkend , beschirmend , verklärend , in dem neuerbauten Hause walten . Die schwarze Christine tat sich auf ihre pflichtmäßigen Religionsübungen nicht weniger zu gut als die ehrbare Protestantin , welche sonntäglich zur Kirche geht , um die Predigt zu hören , vielleicht auch in der andächtigen Gemeinde gesehen zu werden , und das mit einem gewissen Recht : denn unter den Leuten , welche nicht durch die Schulen der Philosophen , sondern bloß durch ihre Konfessionsschule , unmittelbar oder mittelbar , gegangen sind , gilt es für eine Brandmarkung , keine Religion zu haben , weil diese eben das unverstandene , aber eben darum desto mehr mit der Ahnung festgehaltene Wahrzeichen ist , daß man einem Menschen im Verkehr mit seinesgleichen trauen könne . Sooft sie auch sich selbst und andere schon mit diesem Wahrzeichen getäuscht haben , sie halten immer wieder daran fest , nicht mit dem Verstande , der die geheimnisvolle Kammer der Glaubensschätze als Prunkgemach für hohe Feste das ganze Jahr verschlossen läßt und vorsichtig seinen Geschäften nachgeht , sondern