und sieht so stier und geisterhaft auf das Schattenspiel der Aeste am Fenster , dessen blinde Scheiben der hämische Winter hohneckend mit dem Pflanzenwuchs heißer Länder so üppig verziert hat ? - Sollte sie an ihren verstorbenen Knaben denken , der draußen in der Haide schlummert , dessen Grabstätte sie kaum finden wird unter den hochaufgewehten Schneehügeln ? Und gilt diesem entrissenen Kinde etwa auch das dumpfe Stöhnen Martells , der am leeren Tische sitzt und seinen wüsten Kopf unbeweglich in beide Hände stützt ? Horch ! Traugott , der alte gottgläubige Vater spricht . Neben seinem Spinnrade ist er niedergesunken auf die unebene , schmutzige Diele . Der Wiederschein des Mondes und ein zitternder Strahl des flimmernden Lämpchens liegt auf seinem runzelvollen , eingefallenen Gesicht . Mit einem Seufzer erhebt der Greis die Hände und spricht : » Sechs Uhr ! Das ist die Stunde , wo sie allerorten in Haide und auf Fluren die Christnacht einläuten mit denselben Glocken , die mein kindliches Ohr von nunmehr sieben und siebenzig Jahren zum ersten Male vernahm . Gnädiger , gütiger , allbarmherziger Gott , sieben und siebenzig Jahre . Wird es der letzte Geburtstag sein , den ich begehe ? An dem ich dankend im Gebet meine Hand zu Dir erhebe , mein Vater und Heiland ? O Du hast es gewiß gut mit mir vorgehabt , daß Du mich ließest geboren werden am Tage , wo Dein eingeborener Sohn zum Wohl und Heil der Menschheit auf Erden erschien ! Nimm dafür meinen Dank , Allbarmherziger , und wenn es Dir gefällt und zu meinem Frieden dient , so laß mich bald eingehen in die Wohnungen der Gerechten , die bei Dir sind und bleiben ewiglich ! - Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre , und wenn es hoch kommt , achtzig , und wenn es köstlich gewesen ist , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! « Während Traugott so im Gebet sein Herz beruhigte , erhob Martell langsam seinen Kopf , heftete seine düstern brennenden Augen fest auf den alten Mann und horchte genau auf dessen Worte . » Mühe und Arbeit , « wiederholte der unglückliche Spinner , » Mühe und Arbeit und Verzweiflung in jeder Minute ! Ja , ja , die Bibel hat Recht , aus Mühe und Arbeit besteht unser Leben und köstlich ist ' s , wenn es immer blos daraus besteht , kommt noch etwas mehr dazu , so wird es sehr häßlich und widerwärtig , und es ist dann schon vom Uebel , wenn es vierzig Jahre dauert ! Meinst Du nicht auch , Lore ? « Die arme Frau antwortete nur durch einen unsäglich wehmüthigen Blick , der sanft bittend auf dem convulsivisch zuckenden Antlitze Martells haftete . Dieser jedoch achtete nicht darauf , sondern fuhr fort , indem er seinen Platz verließ und die enge Stube kreuz und quer nach allen Richtungen durchschritt : » Es leuchtet mir stündlich mehr ein , daß die Armuth den Menschen schlecht , grausam , ja zum Cannibalen machen kann , wenn er nicht immer an das Wort des Heilandes denkt : Selig sind die Armen , denn das Himmelreich ist ihr . - Ach das Himmelreich ! « fuhr der Spinner mit bebender Stimme fort . » Wer von uns wünscht nicht je eher je lieber unter seiner Sonnendecke auszuruhen , ohne Schuld auszuruhen vom Jammer dieser Welt ? Aber wie hinüberschlummern ohne Fehl ? Wie aus dem Leben scheiden , ohne zuvor mit einem einzigen sündhaften Wort oder Gedanken das ewige Heil verscherzt zu haben ? - Das ist das Loos des Armen , das sind seine Freuden am heiligen Weihnachtsabend ! « » Ja , Lore , « rief er mit grimmiger Miene seinem Weibe zu , indem er vor ihr stehen blieb . » Du kannst es glauben , daß mich , den Hungernden , heut ein Gedanke nicht rasten und nicht ruhen läßt , vor dem ich selbst mich entsetze ! « » Geduld , Geduld , Armer , es wird besser werden , « tröstete Lore . » Besser ? Vielleicht . Bewahre mich nur Gott vor den bösen Träumen , in denen ich mich immer und immer als - Menschenfresser sehe ! - Nun , ' s ist ein krankhafter Gedanke . « » Ein Gedanke , der mich frieren macht , « flüsterte Lore dem Gatten zu . » Ein entsetzlicher Scherz ! « » So scherzt die Verzweiflung , « sagte Martell trocken und setzte seine Wanderung durch die kälter werdende Stube fort , denn das Reisigfeuer war längst niedergebrannt und die letzte Kohle davon dem Erlöschen nahe . » Morgen ist Christtag , « fuhr der unglückliche Arbeiter fort , und dem Anscheine nach gibt es starken Frost . Unser Holzvorrath ist zu Ende , unser Beutel so leer wie unsere Magen . Erst in acht Tagen haben wir auf einige Pfennige zu hoffen . Bis dahin müssen wir hungern und frieren , wenn wir ' s aushalten und nicht etwa darüber sterben , was beiläufig sehr gescheidt von uns wäre . - Was mich nun betrifft , so bekenne ich unverholen , das ich für diesmal gar keine Stimmung habe , dies hochheilige Fest , das der Welt einen Heiland und Erlöser schenkte , wie die Bibel sagt , hungernd und frierend zu verleben . Mich sehnt wieder einmal nach menschlicher Existenz oder nach schleuniger gänzlicher Auflösung und darum spreche ich mit Festigkeit : Brod oder Tod ! Weißt Du Rath , Lore ? » Vertraue auf ihn , Martell ! « » Auf ihn ? Auf den , der oben über den Wolken die Welt beherrscht , lenkt und regiert ? - Ich weiß nicht , Lore , ob er mich nicht verstoßen und versäumen wird , wenn ich selbst nicht Kraft genug habe , mich ihm zu nähern ! Dazu braucht man Zeit und ich habe keine Zeit zu verlieren . « » Wenn Du beten wolltest , Martell