» Das Grab meiner Mutter will ich sehen ! « rief er dann hastig , zu Emmy gewendet - » Ste . Roche will ich sehen ! - Großer Gott , diesen Namen trage ich ! « Er verstummte ; - dann fuhr er wieder auf : » Doch Ludwig bleibt mein Bruder - mein unschuldiger Bruder ! Ha , Emmy , den werde ich schützen und retten , der soll nicht entehrt und dem Auge der Welt zum Hohn werden - hörst Du , Emmy ? Meine Mutter , « rief er die Hände zum Himmel hebend - » ich will den Bruder schützen und die damit ehren , die Deinen Sohn geschützt und geliebt hat ! Emmy , « fuhr er fort - » morgen bringe ich Dir meinen Bruder , Du wirst ihm selbst Alles , Alles sagen , wie mir . « » Ha , dem Bastarde ? « rief Emmy - » dem , der Dich verdrängte von Deinem angestammten Platze ? « » Schweig ! « rief Reginald , mit der Heftigkeit des ersten Schmerzes - » und wage nicht , ihn noch ein Mal so zu nennen ! Mein Bruder ist Ludwig ; - er soll so rechtlich geboren sein , wie ich selbst , und nur theilen will ich mit ihm ! « Emmy verblödete einen Augenblick mit geheimer Lust vor der heftigen Entschlossenheit des jungen Mannes . Es war ihr schon recht , daß er selbst ihr Trotz bot , und sie erlebte von dem Zöglinge gern , was sie von Niemandem duldete . » Die Dokumente , das Blatt des Kirchenbuches über die Vermählung meiner Eltern und meinen Taufschein , den hebe mir auf . Ich muß Ste . Roche sehen - ihr Grab - ihr Grab ! O , ich habe Nichts früher auf dieser Welt zu thun ! - Erst ihr Grab , « rief er - » und dann das trostlose Leben ! « Plötzlich siegte die Wehmuth ; er brach in Thränen aus , und sie , die selbst keine mehr zu ihrer Erleichterung weinen konnte , sah in tiefem , ernstem Schweigen zu , wie sein junges , zertrümmertes Herz sich abarbeitete . Sie freute sich dabei seines ganzen Wesens - wie ihn der Schmerz nicht entkräftet hatte , und wie er den Vater nicht ein einziges Mal genannt . Endlich sprang er auf , er schüttelte die nassen Locken aus dem Gesichte und nahete der alten Freundin : » Geh zurück nach Ste . Roche , Emmy , und erwarte mich morgen dort ; - ich komme mit meinem Bruder Ludwig - ich werde ihn vorbereiten ; denn er hört das besser von mir ; und über ihrem Grabe werden wir das Weitere beschließen . Ich verspreche Dir dabei , daß ich der Marschallin und Allen , die es ihr verrathen könnten , verbergen werde , wohin wir gehen ; - ihr werde ich keine Einmischung gestatten , darüber sei sicher . « Es war die höchste Zeit , daß man sich trennte , wenn Reginald Ardoise noch erreichen wollte , ohne Verdacht zu erregen ; aber trotz seines schnellen Aufbruches war die Zeit unter den traurigen Mittheilungen doch rasch verflossen , und Reginald erreichte erst das Forsthaus , nachdem , wie uns bekannt , seine Abwesenheit von Allen bemerkt worden war . - Was wir hier in seiner Folge ruhig nach einander erzählten , trat in vielen Zwischensätzen mit dem reichen Gefühlswechsel in beiden Jünglingen , wie er nothwendig in dieser Mittheilung begriffen sein mußte , hervor ; - aber in Beiden siegte die rein getheilte Freude , Brüder zu sein ; und so fest , so sicher waren sie sich , daß Keiner dem Anderen eine Versicherung gab , Beide durch ihre Liebe geschützt , die nur noch erhöhter , noch gerechtfertigter schien durch die neuen Bande . Die Außenwelt erinnerte sie erst wieder an sich , als sie zum Pferdewechsel die Gastfreundschaft des Klosters Tabor in Anspruch nahmen . Der Himmel war nicht allein von dem nahenden Abend umdüstert - ein Gewitter hing mit schweren , bleifarbenen Wolken-Gebirgen über ihren Häuptern . Dringend luden die Mönche die jungen Männer zum Verweilen ein , ihnen den Weg durch die Wälder von Ste . Roche in der Nacht fast unwegsam schildernd ; vergeblich waren diese Abmahnungen , Reginald wies sie alle zurück , mit dem düsteren und heftigen Ungestüme , den seine Erregung mit sich führte . Der gutmüthige Prior konnte endlich nichts thun , als ihren Wagen mit einigem Proviante zu füllen und die besten Pferde und den kundigsten Wegweiser hinzuzufügen . Doch begriffen sie bald selbst die angedrohten Schwierigkeiten , als sie den Wald erreicht hatten . So lange die Blitze ihren Weg erhellten , zeigte sich der Wegweiser nützlich , und der Wagen bewegte sich langsam vorwärts ; aber sie hörten auf , ohne daß der Mond durch die schwarzen Wolken dringen konnte , und jetzt stürzte der Regen in Strömen herab . Der Weg ward zum Gießbache , Fackeln und Windlichter erloschen , und die Pferde an den Zügeln führend , bewegten die Leute den Wagen nur unter großen Schwierigkeiten vorwärts . Wie langsam und beschwerlich ihre Reise unter solchen Umständen vor sich gehen mußte , ist leicht zu übersehen . Oft ließen sie halten , oft kehrten sie um , wenn sie in völlig unwegsame Bahn gerathen waren ; und es glich mehr einem Wunder , daß sie endlich das Ende des Waldes erreichten , als einem erwarteten Resultat ihrer oft so vergeblichen Anstrengungen . Mitternacht war indessen vorüber , als sie die gelichteteren Stellen des Waldes , die das Schloß Ste . Roche erkennen ließen , erreichten . Der Regen hatte aufgehört ; aber der Sturm wälzte sich heulend und mit furchtbarer Gewalt über den zitternden Boden . Die jungen Leute hatten den Wagen verlassen , sie wollten sich selbst den Eingang zum Schlosse suchen ; denn ihre Diener hatten mit den erschöpften Pferden zu thun ,