als er aufging , sah sie sich selber verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild . Sie schwieg in sich selber gleichsam wie vor Gott , aber ihr Herz , ihr ganzes Leben war bewegt . Die Ähnlichkeit war so auffallend , daß Julienne sie bat , nie der gebeugten Mutter zu erscheinen . Idoine war zwar länger , schärfer gezeichnet und weniger rosenfarb als Liane in ihrer Blütenzeit ; aber die letzte blasse Stunde , worin diese neben ihr erschien , machte die bleiche Gestalt länger und das Angesicht edler und zog die blumige jungfräuliche Verhüllung vom scharfen Umriß weg . Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu , wie ihre Freundin Linda ordentlich in kindlicher Liebe überfloß gegen seine fast väterliche . Beide Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden , warmen und zarten Moralität , welche einem Auge ( z.B. dem des Fürsten ) wunderbar erscheinen mußte , das oft Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen , womit er wurmstichige , anbrüchige Herzen - halb eingepfarret in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle - , scheue , weiche , empfindsame Sünder , innerlich-bodenlose Phantasten , z.B. Roquairols , gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte . Der Fürst dachte dann : » Er denkt gerade wie ich « ; aber Gaspard macht ' es mit ihm ebenso . Auch die wankende , blasse Julienne schlich endlich herein , um ihn zu sehen . Man umging , so weit man konnte , ihrentwegen das offne Grab der Freundin ; aber sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich . Der Ritter - welcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrasesbuch des Nichts , besondere Rede-Eisblumen angeschafft hatte , dergleichen waren : » es geht , so gut es kann « oder » man muß es erwarten « oder » es wird sich wohl geben « - bediente sich der letzten Redeblume und versetzte : » Es wird sich wohl geben . « Als er nach Hause kam , hatte sich nichts gegeben , sondern hoch war die Flut des Übels gestiegen . Der Jüngling lag nieder angekleidet auf dem Bette - unvermögend mehr zu gehen - brennend - irre redend - und doch bei jedem Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend . Bis hieher hatte sein kräftiges , festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles , was Lianen nicht betraf , fest zu behalten gewußt ; aber allmählich ging die ganze Masse in die Gärung des Fiebers über . Vergeblich waffnete sich sein Vater einmal , da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat , mit dem ganzen Sturm und Donner seiner Persönlichkeit ; » gib mir den Frieden « , betete Albano sanft weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht . Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater allein und sagte , er wisse ein unfehlbares Mittel . Gaspard bezeugte seine Neugierde . » Die Prinzessin Idoine « ( sagt ' er ) » muß nach erbärmlichen Kindereien gar nichts fragen , sondern keck , wenn es eben schlägt und er kniet , ihm als der selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schließen . « - Wider alles Vermuten sagte der Ritter unmutig : » Es ist unschicklich . « Umsonst sucht ' ihn der predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rücken - bloß in der Winterseite zog er weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht ; in eine sanfte Wärme konnt ' ihn niemand bringen als nur er sich selber . - Zuletzt ließ Gaspard nach seiner Sitte über dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter Phrasen schwimmen , daß Schoppe stolz und zornig schwieg . Noch dazu gingen die Anstalten zur Abreise fort , als sei der Vater willens , den Sohn brennend aus dem Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten Liebes-Zirkeln zu reißen . Schoppe machte ihm seinen Vorsatz , daheim zu bleiben , bekannt ; er sagte , er habe nichts dagegen . Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zerritzten Gesicht den schneidenden Nord dieses von ihm sonst beschützten Charakters ; » traue keinem langen , schlanken Spanier , sagte Kardanus mit Recht « 166 , sagte er . Albano war krank und daher nicht trostlos . Er schöpfte aus der Lethe des Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart ; nur wenn er kniete , spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel . - Er hörte nichts davon , wie die Dürftigen ihren Namen nannten , um dankend um die ruhende Wohltäterin zu weinen , vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel ihrer Mienen taub und stumm lag - Er hörte nichts von dem Toben ihres Bruders , noch vom lauten ( akustisch-gebaueten ) Schmerze ihres Vaters , oder von der starren , in dumpfe Qual gewickelten Mutter - Er wußt ' es nicht voraus , daß die bleiche Charis in ihrem Krönungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum letztenmal der Erde erscheinen werde , bekränzt , geschmückt und schlummernd - Ihm starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung , aber jede gebar ihm auch eine neue . - - » Armer Bruder , « ( sagte Schoppe am andern Tag im edeln Zorn ) » ich schwöre dirs , du bekommst heute deinen Frieden . « Der blasse Kranke sah ihn bittend an . » Bei Gott ! « schwur Schoppe und weinte beinahe . 98. Zykel Schoppe hatte sich vorgesetzt , um den Ritter - der den Abend halb an den Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbühl verteilte - sich gar nicht zu bekümmern , sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der großen Bitte zu treten . Vorher wollt ' er sich den Lektor dazu holen als Türhüter oder Billeteur der versperrten Hoftüren und als Bürgen seiner Worte . - Aber Augusti erschrak unbeschreiblich ; er versicherte