sie mir in Träumen schenkt . Aber wozu hier diese voreiligen Betrachtungen , da alles noch so lächelnde Anscheinungen hat ? Unsre Freundin hat sich in den drei Jahren , die seit unserer Zusammenkunft zu Rhodus verflossen sind , so wenig verändert , daß ihre Schönheit vielmehr noch immer im Zunehmen zu seyn , und sogar von dem frischen Glanz der ersten Jugend nichts verloren zu haben scheint . Doch auch dieß ist vielleicht nur ein täuschender Schluß von Gleichheit der Wirkung auf Gleichheit der Ursache ; denn es ist nicht unmöglich , daß die größere Sicherheit immer zu gefallen , und die größere Vollkommenheit in der Kunst zu gefallen , das Wenige , was sie durch die Zeit verloren haben könnte , doppelt und dreifach ersetzt . Dem sey wie ihm wolle , gewiß ist daß ich sie noch nie so äußerst liebenswürdig , nie in einer so sanften , beinahe möcht ' ich sagen zärtlichen Stimmung gesehen habe , als in den ersten Tagen unsrer Wiedervereinigung . Sie schien sich nur in dem einfachsten ländlichsten Anzug zu gefallen . Das Marmorbecken vor ihrem Schlafgemach , worein ein schelmisch lächelnder Amor das Wasser aus seiner umgekehrten Fackel gießt , vertrat diese ganze Zeit über die Dienste der krystallenen Näpfchen und Alabasterbüchsen , womit ihr Putztisch beladen zu seyn pflegt . Ein leichtes weißes Gewand , eine Rose in den kunstlos sich ringelnden Locken , ein Veilchenstrauß am Busen , waren ihr ganzer Putz . Kurz , sie spielte eine Art Arkadischer Schäferin aus der goldnen Zeit123 , mit so viel Natur und Anmuth , als ob sie nie etwas anders gewesen wäre . Sie schien in diesen glücklichen Tagen beinahe für mich allein da zu seyn ; und ich ? - du kennst meine Weise - alles Gute ( und wahrlich auch das Angenehme ist gut ) dankbar anzunehmen und zu genießen , ohne zu fragen , oder mir Kummer darüber zu machen , wie lang ' es dauern werde . Aber wenn ich sage , daß in einer einzigen Dekade wie diese mehr Lebensgenuß ist , als in neunzig Jahren , wie man gewöhnlich zu leben pflegt , so glaube ich keinen übermäßigen Werth auf sie gelegt zu haben . Euphranor , der auf dem Fuß einer vertrauten Freundschaft mit ihr steht , und dieses Vorzugs in mehr als Einer Rücksicht würdig scheint , hat eine Arbeit mitgebracht , womit er so eifrig beschäftigt ist , daß man ihn , außer bei Tische , nur in seiner Werkstatt zu sehen bekommen kann . Vielleicht ist dieß zwischen Lais und ihm so verabredet worden : doch halte ich ihn für edel und bescheiden genug , aus eigner Bewegung die Rechte einer ältern Freundschaft ohne Schelsucht anzuerkennen . Ueberdieß scheint mir ein geheimes Verständniß zwischen ihm und einer von den Zöglingen unsrer Freundin vorzuwalten , wodurch ihm ( wofern ich recht beobachtet hätte ) die Tugend der Selbstüberwindung freilich so sehr erleichtert würde , daß sie beinahe aufhörte verdienstlich zu seyn . Euphranor ist ein eben so gelehrter als geschickter Künstler ; Bildner und Maler zugleich , beiden Künsten mit gleicher Liebe zugethan , und in beiden gleich stark ; was vielleicht Ursache seyn könnte , daß er in keiner die hohe Stufe der Vortrefflichkeit und des Ruhms erreichen wird , die ihm nicht fehlen könnte , wenn er sich einer von beiden allein widmete . Sein Kunstsinn will sich aber um so weniger auf ein einzelnes Fach einschränken lassen , da es ihm in allen gelingt , und die Abwechslung ( wie es scheint ) großen Reiz für ihn hat . Was er dermalen für Lais arbeitet , ist ein goldner Becher , dessen Deckel , ein einziger herrlicher Sardonyx aus der Persischen Beute , mit halb erhobenen Figuren von großer Schönheit von ihm geziert wird . Seit kurzem hat er angefangen , sich vorzüglich mit der Wachsmalerei zu beschäftigen , die er der lebhaftern Wirkung und größern Dauerhaftigkeit wegen der gewöhnlichen mit dem Pinsel vorzieht , und zu einem bisher noch nie gesehenen Grade von Vollkommenheit zu bringen hofft . Man tadelt an seinen Werken124 , daß er die Köpfe , vornehmlich an seinen heroischen Figuren , zu groß mache , worüber man sich , wenn der Tadel gegründet wäre , um so mehr verwundern müßte , da er ein Buch über die Symmetrie geschrieben hat , und sich mit dem Fleiß , womit er diesen Theil der Kunst studirt habe , nicht wenig weiß . » Daß man , « sagt er , » meine Köpfe zu groß findet , hat eine sehr natürliche Ursache : es kommt nicht daher , daß meine Köpfe zu groß , sondern daß der andern ihre zu klein sind . Uebermaß taugt in allen Dingen nichts : aber was an jedem Dinge zu viel und zu wenig ist , läßt sich nicht durch eine einzige allgemeine Formel bestimmen . Schwerlich wird man mir beweisen können , daß ich in der Proportion meiner Köpfe über die schöne Natur hinausgehe ; von dem gemein angenommenen Maß hingegen entferne ich mich geflissentlich , weil der Kopf unstreitig derjenige Theil ist , worin der Geist und Charakter an Menschen und Thieren sich am stärksten und deutlichsten ausspricht ; wiewohl ich nie vergesse , daß alle , auch die kleinsten Gliedmaßen des menschlichen Körpers mehr oder weniger charakteristisch sind . Nur dann , wenn die Köpfe meiner Heroen durch das proportionelle größere Verhältniß , das ich ihnen gebe , nicht auch an Bedeutsamkeit und Energie gewinnen , verdiene ich Tadel , und dieß ist noch auszumachen . « Ob Euphranor Recht hat , überlasse ich deinem Urtheil . Mir sind die Köpfe in den wenigen Werken , die ich von ihm gesehen habe , nicht größer vorgekommen als sie seyn sollen . Aber das geübte und gelehrte Auge des Kenners mißt freilich schärfer , als der Blick eines bloßen Liebhabers . Der junge Antipater , dem ich zur Belohnung seines Fleißes und guten Betragens das Glück