Nachrichten aus Rothenfeld und Neudorf aufgenommen , und um es mit ungläubigem Erstaunen zu vernehmen , daß die kranke Baronin noch immer bei den Juden wohne , bei denen der Unfall sie betroffen ; daß die Tochter dieser Juden ihre Pflegerin und ihre Herzensfreundin sei , daß der Freiherr sein Haus in der Residenz verkauft habe , und daß die alte , spukhafte Mamsell Marianne zur Bedienung der Baronin nach Richten berufen worden , weil die Kammerjungfer jetzt die Stelle der französischen Mamsell bei der Herzogin vertreten solle , was ihr auch nicht an der Wiege vorgesungen sei . Dazwischen ließ man ahnen , daß es die Baronin sicherlich nicht weit in Jahren bringen werde . Der Kammerdiener vertraute dem Secretär , daß der Doctor sie eigentlich aufgegeben habe , und wenn die Frau Baronin ihre Augen schließe , dann wolle er nicht hinsehen . Der Secretär fragte , ob er es denn für möglich halte , daß der Freiherr .... er sagte nicht zu Ende , was er dachte . Der Kammerdiener antwortete , man müsse sie kennen , wie er ; sie sei falsch und schlau , wie kein Mensch es sich nur denken könne . Auch er nannte keinen Namen , und doch meinte nach einer halben Stunde Einer wie der Andere im Schlosse : nur davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren , und das werde der Freiherr auch nicht thun . - Draußen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit , aber selbst die alte , schreckhafte Beschließerin , welche es sonst nicht leicht versäumte , bei solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr Vaterunser zu beten , merkte heute gar nicht , was um sie her geschah . Die überraschenden Neuigkeiten , das Verwundern , das Vermuthen und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar in Beschlag ; denn wie allen Menschen von beschränktem Gesichts- und Gedankenkreise verschwand ihnen vor dem Nächsten , das sie beschäftigte , die ganze übrige Welt , und es hätte eines Erdbebens bedurft , um das Hauspersonal von dem Erstaunen über die plötzliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage , was denn nun kommen und geschehen werde , abzuziehen . Zehntes Capitel Einsam und verdüstert ging der Freiherr in seinen Gemächern umher . Er hatte die weiten Räume sonst immer gern gehabt , heute waren sie ihm zuwider . Sie kamen ihm leer vor . Er begab sich nach dem Flügel , den seine Frau bewohnte ; dort war noch Alles zugeschlossen . Er kehrte also wieder um , er wußte auch selbst kaum , was er dort gewollt . Im Vorübergehen trat er bei Renatus ein . Der Knabe war ganz von dem Wiedersehen seines Hundes hingenommen , hatte seine Spielgeräthschaften ausgekramt und achtete wenig auf den Vater . Der Freiherr verweilte nur kurze Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in seinen Zimmern allein . Es überfiel ihn eine marternde Unruhe . Sein Schloß schien ihm wie ausgestorben . Er hatte geglaubt , allen Zusammenhang mit der Baronin verloren zu haben , jetzt fehlte ihm die unsichtbare Fürsorge , mit der sie ihn umgab , ohne daß er ihr Eingreifen und Thun gewahrte ; ihm fehlte eben so die Nähe des Caplans , so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Vertrauen gesehen ; es fehlte ihm eben Alles , selbst der Pendelschlag der Uhren , den er zu hören gewohnt war . Sie waren alle abgelaufen . Er ging sie selber aufzuziehen . Es war eine Mühe , die er sich sonst nie zuvor gegeben , aber er mußte etwas thun , um das unheimliche Gefühl der Vereinsamung zu überwinden . Er kam sich wie ein irres , über den Ruinen seines eigenen Daseins wandelndes Gespenst vor , und plötzlich dachte er mit Grauen der Tage , in denen einst Paulinens Gestalt ihn in diesen Zimmern spukhaft umschwebt hatte . Dann wieder sah er die bleiche , hinsinkende Angelika und den Knaben vor sich , der ihn mit so starrem , angstvoll flammenden Blicke angesehen . Es war ihm , als presse die Luft in diesen Räumen , die ihm eben noch so leer gedäucht , ihm Kopf und Brust zusammen , er mußte die Fenster öffnen . Es regnete noch immer , auch das Gewitter war noch nicht vorüber . Die feuchte Kühlung , welche herein drang , erfrischte ihn , aber sie vermochte seine Ungeduld nicht zu besänftigen . Er verlangte nach einer Ableitung für dieselbe , und rasch seine Hand erhebend , schellte er dem Diener . Es soll sogleich ein Bote nach Neudorf reiten , befahl er , und den Pfarrer zu mir rufen ! Es ist sechs Uhr vorüber , gnädiger Herr ! bemerkte der Diener . Und ? fragte der Freiherr , indem er ihn gebieterisch anblickte . Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend . Ehe der Reitknecht sattelte und nach Neudorf kam , ehe der Pfarrer anspannen ließ und in Richten sein konnte , mußte es halb neun Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode sein . Er ist wie ausgetauscht ! dachte der Diener , während er die Treppe hinunterstieg , und es widerstrebte ihm , den Befehl zu überbringen ; denn es war sonst nie des Freiherrn Art gewesen , seine Untergebenen zur Unzeit zu bemühen oder sie in ihren Feierstunden zu stören , und eben seine rücksichtsvolle Menschlichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe und Verehrung erworben . Er hatte den Diener auch kaum entlassen , als er sich selber die Berechnung machte , wie er sich ein lästiges Erwarten einer lästigen Besprechung auferlegt ; indeß er liebte es nicht , seine Befehle zu widerrufen , und um die langsam schleichenden Stunden zu bewältigen , setzte er sich endlich an seinen Schreibtisch nieder , die Postsendung zu mustern , welche für ihn nach der Abreise des Caplans in Richten angekommen war . Aber er hatte die Tasche kaum geöffnet , als er die Zeitung und alles Uebrige zur Seite