der Fürstenstraße gekämpft und schon mehrere Barricaden genommen hatten . Die Taktik dieser Truppen bestand darin , daß sie nicht in ganzen Colonnen , sondern in aufgelösten Schützenzügen rechts und links an den Häusern der Straße so gedeckt wie möglich vorgingen , um sich dicht vor der Barricade zu einer Sturmcolonne zu vereinigen . Aber wenn so ihre Verluste weniger bedeutend waren , konnten sie sich doch auch keiner bessern Erfolge rühmen . Die Belagerten sparten ihr Feuer so systematisch und gaben in dem rechten Augenblicke ihre Salven , die noch dazu seit der letzten Stunde viel kräftiger geworden waren , so kaltblütig ab , daß ihre Position geradezu uneinnehmbar schien . Wirklich hatte seit einigen Minuten das Feuern von Seiten des Militairs aufgehört , und die Barricadenmänner konnten sich ein wenig von ihrer blutigen Arbeit verschnaufen . Es that ihnen wahrlich Noth . Zum größeren Theil auf das Aeußerste erschöpft , pulvergeschwärzt , fast Alle leichter oder schwerer verwundet , saßen und lagen sie einzeln und in Gruppen umher , wunderlich beleuchtet von dem rothen Lichte der Wachtfeuer , welche man mitten auf der Straße entzündet hatte , dem weißen Schein der Kerzen in den Fenstern und den milden Strahlen des Vollmondes , der noch immer groß und still oben in den blauen Aether schwamm . Zwischen den Gruppen der Kämpfer sah man Frauen und Mädchen , die ihnen aus den Küchen der Nachbarhäuser Lebensmittel zutrugen . Auch an Wein und Bier fehlte es nicht , und hier und da hatten die Leute des Guten zu viel gethan . Aus einer oder der andern Gruppe erschallte von Zeit zu Zeit rohes Jauchzen , Johlen und Schreien , das aber meistens bald einer Stille Platz machte , die nach solchem Ausbruch doppelt unheimlich war . Auf einer der Barricade eingefügten Tonne saß Oldenburg . Er ließ die langen Beine herabhangen und blies mächtige Dampfwolken aus seiner Cigarre . Er zweifelte keinen Augenblick daran , daß , wenn die Barricade übergehen sollte , er an der Spitze der Männer , die er in den Kampf geführt , fallen würde ; aber daran dachte er am wenigsten . Der Tod für die Sache der Freiheit war ihm nicht fürchterlich , ja er glaubte etwas wie eine leise Todessehnsucht in seinem Herzen zu verspüren . Schien doch die süße , fest gehegte Hoffnung , Melitta bald die Seine nennen zu dürfen , seit den letzten Tagen weiter als je hinausgerückt . Er konnte sie nicht tadeln , daß die Erinnerung ihres Verhältnisses mit Oswald wie ein Alp auf ihrer Seele lastete , und es ihr unmöglich machte , die Augen muthig zu dem besseren und treueren Manne aufzuschlagen ; aber gerade weil er das Gefühl , das sie trennte , ehren mußte , stand er rathlos und hoffnungslos da . Er hatte sich oft das Wort wiederholt , das Melitta , wenn sie ihn traurig sah , so rührend zu sprechen wußte , das Wort Geduld ! - aber vergebens er verzehrte sich in der Ungeduld , für sein Glück nichts thun zu können , als müßig die Hände in den Schooß zu legen und auf ein unbestimmtes Etwas mit gläubiger Seele zu harren . Da brach die Revolution aus , und Oldenburg athmete auf , wie Tausende mit ihm . Hatte doch Jeder eine unerträgliche Last getragen , die er jetzt loszuwerden hoffte ! Es war Oldenburg lieb , daß Melitta nicht zugegen war . Er hatte ihr gleich beim Beginn des Barricadenbaues durch den alten Baumann Kunde sagen lassen , und daß er sie dringend bitte , an dem sichern Orte , wo sie sei , zu bleiben . Er dachte bei sich , als er den alten Mann entsandte : wir sehen uns entweder nie oder glücklicher als vorher wieder ; jetzt müßte nur noch Oswald da sein und an meiner Seite für die Freiheit und Melitta kämpfen . Der Ausgang sollte mir ein Gottesurtheil sein und Melitta dem Ueberlebenden den Kranz des Siegers reichen . Und sein Wunsch ging in Erfüllung . Seit einer Stunde kämpfte Oswald an seiner Seite , kämpfte , wie Jemand , dem der Tod lieber ist , als das Leben . Wo es eine unter den feindlichen Kugeln schadhaft gewordene Stelle der Barricade auszubessern , oder sonst etwas Gefährliches zu thun gab , da war Oswald sicher zu finden , und da Oldenburg gerade die bedenklichsten Posten für sich selbst in Anspruch nahm , so kamen sie sehr oft dicht nebeneinander zu stehen . Aber sobald die Gefahr vorüber , zog sich Oswald sofort zurück , und Oldenburg folgte ihm nicht , da die Absicht , ihm auszuweichen , zu augenscheinlich war . Und doch drängte es den edlen Mann , in dieser Stunde , die vielleicht für Beide die letzte werden konnte , dem ehemaligen Freunde zu sagen , daß sie , was auch geschehen war , vergessen und sich die Hände reichen wollten , die so tapfer für eine große und gute Sache zu streiten wußten . Seine Blicke hafteten jetzt auf Oswald , der in einiger Entfernung von ihm , die Büchse in der Hand , mit Berger neben einem der Wachtfeuer stand . In der wechselnden Beleuchtung traten die Gestalten bald in ein helles Licht , bald flog ein schwarzer Schatten über sie hin . Das gab ihnen etwas Seltsames , Ueberirdisches . Oldenburg mußte an die Schemen denken , die an den Ufern des Acheron dem Fährmann winken . Er erhob sich und trat auf die Beiden zu . Nun , Ihr Herren , sagte er , werden wir uns dieser Ruhe lange erfreuen ? Ich glaube nicht , erwiederte Oswald ; sie haben sich entweder nur momentan verschossen , oder sie ziehen noch Verstärkungen heran . Das Letztere ist wohl das Wahrscheinlichere . Was meinen Sie , Berger ? Berger hatte , die Arme über der Brust gekreuzt und mit den großen Augen unverwandt in die Flamme sehend , dagestanden . Plötzlich streckte er die Hände vor sich