werden sollen , wurde aber immer fertig mit ihm und wird es auch werden mit dem Geistesrauschen , das sich , wie Graf Orestes sagt , in Jung-Deutschlands und Jung-Israels Zeitschriften vernehmen läßt . O ! « fuhr er lebhaft fort , zu Judith gewendet , » muß man nicht auf dieser Stätte von unerschütterlicher , in göttlicher Verheißung wurzelnder Überzeugung ergriffen werden , daß das Evangelium und die Kirche , welche es bewahrt und verkündet , göttlichen Ursprunges und voll übernatürlichem Leben sein müssen ? Hier wüteten während dreihundert Jahren alle Mächte der Welt und der Unterwelt gegen das Christentum . Hier wollten es die Imperatoren vertilgen , und die Philosophie es mit der Ferse zertreten , und das Volk es in Blut ertränken ; und siehe da ! nach drei Jahrhunderten hatte das Christenblut die heidnische Welt überflutet , so daß nur noch deren schwarze Trümmer aus dem rauchenden Meer von Blut und von Tränen aufstarrten . Hier vollzog sich der Untergang Israels ; hier der Untergang des heidnischen Roms . Die Legionen besiegten die Juden und die Martyrer die Legionen . Für beide Siege blieb als Denkmal das Koliseum zurück ; drum nannte ich es vorhin die Weltruine ! und sehen Sie , Signora , die Trophäe des letzten Sieges : - dort ! « Lelio zeigte auf das schlichte hölzerne Kreuz , das von einigen Stufen umgeben , mitten in der Arena des Koliseums sich erhebt . Sie waren sämtlich zum Podium hinauf gestiegen , dem breiten Umlauf vor den Sitzen der Zuschauer bei den Gladiatorenspielen - und blickten von hier über eingestürztes Mauerwerk und grüne Schlingpflanzen in das schöne edle Oval der Arena hinab . Judith ließ sich von Lelio die Einrichtung des Gebäudes und die Art der Spiele , die hier stattfanden , beschreiben . Madame Miranes schauderte . Judith sagte : » Welch ' eine Entnervung des Charakters gehört dazu , um in eine solche Verwilderung zu fallen . « » Ich kann sie begreifen ! « sagte Orest . » Es ist ja unmöglich , in permanenter Bewunderung des Ballets zu bleiben . Das Auge stumpft sich ab ; das Herz nimmt es übel , daß es durch das Auge keinen Eindruck mehr empfängt , der es zu einem rascheren Schlage anspornt , und mag nicht in der faden Mattigkeit verbleiben . Da gerät man denn in den Gegensatz , um die Sehnerven wieder zu beleben und dem Herzen wieder Spannkraft beizubringen . Beständig Honig ist der Zunge widerlich . Drum indischen Pfeffer her ! So ging ' s den alten Römern - und wer weiß , was uns noch passiert . « » Besser doch zum Schwarzbrot des Lebens greifen , « rief Judith . » Um an der Kost Behagen zu finden , muß man eine sehr gesunde Natur haben , « bemerkte Lelio . » Ich wundere mich aber sehr , Graf Orestes , « sagte Judith , » daß Sie solche affröse Neigungen dem Herzen zuschieben wollen ! Schieben Sie es auf Erziehung , Beispiel , rohe Umgebung , schlechte Sitten oder sonst etwas - nur nicht auf ' s Herz . « » Die höchst edlen Herzen leben und handeln nicht höchst brutal , « entgegnete Orest . » Das Ding , das in der Menschenbrust Tiktak macht , stellt den Zeiger auf unsere Handlungen . « » O , er hat recht , Signora ! « rief Lelio ; » der Graf hat ganz recht ! im Herzen sitzt der Wille des Menschen und macht ihn göttlich oder teuflisch oder gemein - je nachdem er das Herz mit seinen Neigungen zur Höhe treibt , zur Tiefe drängt . « » Könnt ' ich nur begreifen , Lelio , « sagte Judith fast ungeduldig , » wie Sie in so wenig Wochen sich ganz haben verwandeln können ! Früher sprachen Sie in Fiorino ' s Styl und lebten in dessen Anschauungsart - allerdings schwunghafter ! und jetzt ist das spurlos verschwunden , wie mit einem feuchten Schwamm von der Schiefertafel hinweg gewischt ! « » Das verspricht Dauer ! « rief Florentin verhöhnend . » Sie müssen bedenken , Signora , « sagte Lelio gelassen , » daß ich eine vortreffliche katholische Erziehung genossen und bis zu meinem achtzehnten Jahre in dem Kreise einer Familie aufgewachsen bin , die , so einfach bürgerlich sie ist , durch ächt christliche Bildung sich auszeichnet . Nichts macht den Geist so empfänglich für schöne und große Ideen , nichts hebt das Gefühl zu einer solchen Höhe , als die Kultur der Seele durch Religion . Unter diesen Einflüssen verlebte ich meine Kindheit , meine erste Jugend . Ein Bruder meines Vaters ist Pfarrer an der Kirche Maria della pace ; ein Bruder meiner Mutter ist Benediktiner zu Sta . Scholastica , droben im Gebirg ; eine ihrer Schwestern Klosterfrau bei den vive sepolte « .... - » Gräßlich ! « rief Judith ; » bei den Lebendig-Begrabenen ! o gräßlich ! « » So nennt sie der Volksmund - ja Signora ! « fuhr Lelio ruhig fort . » Was ist denn darüber zu lamentieren ? Begraben zu sein für die Bosheit und Gemeinheit der Welt , ist doch wahrlich kein Unglück ! Trösten Sie sich , Signora ! meine Mutter hat noch drei Brüder und zwei Schwestern , die sämtlich in glücklicher Ehe leben und zusammen wohl zwei Dutzend Kinder haben : die Welt stirbt nicht aus ! aber die Seelen , die sich von ihr zurückgezogen haben , erhalten in der Familie durch ihr Gebet und ihr Beispiel ein gewisses himmlisches Element , ein übernatürliches Gut , das auch Denen zu gut kommt , die im Strome der Welt schwimmen . Als ich jetzt zu meinen Eltern zurückkam , brauchte ich mich nur unterzutauchen in die Erinnerungen meiner Jugend - und der ganze Ballast sündhafter Verkehrtheit fiel mir wie eiserne Bande von der Stirn , von der Brust , vom Auge . Ich wurde frei - denn ich