an die Kämpfe dachte , die mit dem theuern Keime ihres Herzens ihr würden mitgeboren werden . Es handelte sich schon seit Monden im täglichen Gespräche nicht nur ihres Hauses , sondern der ganzen Gesellschaft um die » Religion « des erwarteten Kindes ... Nun , da nicht geklingelt wurde , ging Treudchen von selbst an ihre Aufgabe , die vordern Zimmer zu putzen und in ihnen aufzuräumen und abzustäuben . Da gab es so viel des Kostbaren und Zerbrechlichen zu schonen , daß sie ihre Gedanken zusammennehmen mußte ! Inzwischen vermißte sie etwas ... In dem kleinsten , fast wohnlichsten der reich ausgestatteten Gemächer hatte doch gestern Abend noch , wie sie flüchtig vorübergehend und sich doch dabei tief verneigend gesehen , mitten in einer kleinen Laube von Epheu ein kleiner Altar mit einer Mutter Gottes von Gold , Silber und Edelsteinen gestanden . Heute fand sie das Bild nicht an der Stelle , wo sie es suchte , um in aller Stille und noch von niemanden belauscht , zu ihm ein Gebet zu verrichten . Sie suchte und suchte - das Bild war nicht zu finden . Vielleicht war es so kostbar , daß es des Nachts verschlossen wurde , dachte sie erst . Sie stand am Eingang der Laube , in der Hand den Staubwedel . Der kleine Altar mit einem Weihbecken , das aber völlig wasserleer und sogar ein Stecknadelbehälter geworden war , war derselbe , wie gestern ; die Gottesmutter aber fehlte ... Nun sah sie sich darauf um im Gemach . Da stand ein schwellender Divan , mit grünem und in Streifen gesticktem Sammt bezogen , darüber her wie zu einem Throne erhob sich ein Baldachin von demselben kostbaren Stoffe mit schweren goldenen Fransen besetzt . Da standen kleine Fußschemel von demselben Aussehen . Auf einem Tische mit langer grüner golddurchwirkter Decke lagen Bücher und Musikalien , Näharbeiten , ein angefangenes kleines Kinderhemd mit köstlichen Spitzen besetzt ... Sie sollte sich nach den Büchern erkundigen , hatte sie soeben von Lucinden vernommen ... sie konnte aber nicht glauben , daß es ketzerische waren . Noch gestern Abend hatte ja Madame Delring hier mit ihrem Gatten so traulich , so lieb gesessen ... er hatte ihr vorgelesen ... sie horchte zu und nähte dabei ... und darüber her gab ein bronzener Kronleuchter von drei gedämpften Flammen in Glasglocken ein so eigenthümlich schönes Licht ... und in einem Winkel , mehr dem von Vorhängen ganz verdeckten einzigen Fenster des Zimmerchens zu , stand aufgeschlagen ein Pianino ... noch lagen die Noten auf dem Pulte und seltsam genug erschien ihr schon gestern dies Instrument , das mit dem in der Dechanei keine Aehnlichkeit hatte , denn hier gingen die Saiten in die Höhe ... und so klein das Instrument war , doch hatte Frau Delring , kurz vor dem daß sie zu Bette ging , gestern noch einige Minuten lang darauf so sanft , so zart , so volltönend gespielt ... nirgends fand sie aber das Muttergottesbild . Endlich - da entdeckte sie es beim Abstäuben - auf dem Fußboden ! In einem Winkel stand es , das kostbare Heiligthum ! Wie entthront und von seinem Altar gestürzt ! Es stand in einem Winkel , an einer kleinen Etagère , die mit bunterlei Dingen besetzt war , kleinen Spinnrädchen von Elfenbein , kleinen Bauerhäuschen von Holz , kleinen goldenen Papagaien in Ringen und mit Edelsteinaugen , ja mit einem niedlichen ausgestopften bunten Vögelchen , das sie vollkommen für einen Kolibri erkannte ... da stand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Teppich des Fußbodens ! Gerade , als gehörte auch sie zu dem Spielzeug auf diesen Mahagonibretchen ! Letztern Gedanken faßte ihre bescheidene , von ihrer Herrschaft nur das Beste voraussetzende Seele gar nicht in voller Klarheit ... Sie wußte nun aber doch nicht , sollte sie das Bild jetzt erheben und wieder auf den Altar setzen oder durfte sie das nicht ... Es war ganz still um sie her ... nur auf der Straße lärmten und rasselten die Wagen ... Kirchenglocken läuteten ... sie beugte sich still zu dem Bilde nieder , kniete und betete zu ihm . So manche Anrufung kannte sie , so manche Umschreibung des Englischen Grußes ... was sie aber auch leise jetzt so vor sich hinmurmelte , alles sollte Dank , Bitte , Hoffnung für sich und ihre kleinen Geschwister sein . Wie sie einige Minuten so gelegen und geflüstert hatte , ganz unbekümmert die Hände sogar mit dem gar nicht fortgelegten Staubwischer faltend , da hörte sie ein leises Geräusch hinter sich ... Erschrocken wandte sie den Kopf und ließ vor Ueberraschung den Staubwischer fallen , als sie im Morgenkleide und großer spitzenreicher Haube mit fliegend hängenden Rosabändern Madame Delring hinter sich sahe . Auf den Teppichen , die durch alle Zimmer gingen , war die Herrin eingetreten , während sie sich in ihrem Gebete verloren hatte . Statt aber , daß sich Treudchen jetzt rasch erheben wollte , hielt sie Madame Delring nieder und bedeutete sie fortzufahren ... Ja als Treudchen verlegen zögerte und dennoch aufstehen wollte , rückte Madame Delring mit dem Fuße selbst eines der kleinen Bänkchen näher , fuhr mit der Hand über ihre weiten und bauschigen schönen gestreiften Musselinkleider , die ehre Gestalt einhüllten , und versuchte , sich nun auch selbst niederzulassen . Diese Bewegung war so schwer , so ängstlich , daß sich Treudchen nicht hielt , sondern aufsprang und ihre Herrin unterstützte ... Langsam ging es , aber doch ganz bequem . Madame Delring kniete auf dem niedrigen Fußschemel . Mit stummer , leidverklärter , durchgeistigter Miene bedeutete sie Treudchen , in ihre frühere Stellung zurückzukehren , neben ihr zu knieen und im Gebete fortzufahren . Als dies Treudchen mit klopfendem Herzen und voll Verlegenheit nicht wagte , sagte ihre Herrschaft leise und fast unhörbar : So bete doch ! Treudchen begann nun aufs neue den Englischen Gruß , aber für sich . Laut ! sprach Madame Delring sanft ... Treudchen