und reichte mir die Hand . Ich empfing sie , drückte sie herzlich und sagte einen innigen Gruß . » Es ist recht schön , « sprach sie , » daß wir gleichzeitig einen Weg gehen , den ich heute schon einmal gehen wollte , und den ich jetzt wirklich gehe . « » Wie habt Ihr denn die Nacht zugebracht , Natalie ? « fragte ich . » Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden , « antwortete sie , » dann kam er doch in sehr leichter , flüchtiger Gestalt . Ich erwachte bald und stand auf . Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis über die Felderanhöhe fortsetzen ; aber ich hatte ein Kleid angezogen , welches zu einem Gange außer dem Hause nicht tauglich war . Ich mußte mich daher später umkleiden , und ging jetzt heraus , um die Morgenluft zu genießen . « Ich sah wirklich , daß sie das lichte graue Kleid mit den feinen tiefroten Streifen nicht mehr an habe , sondern ein einfacheres , kürzeres mattbraunes trage . Jenes Kleid wäre freilich zu einem Morgenspaziergange nicht tauglich gewesen , weil es in reichen Falten fast bis auf den Fußboden nieder ging . Sie hatte jetzt einen leichten Strohhut auf dem Haupte , welchen sie immer bei ihren Wanderungen durch die Felder trug . Ich fragte sie , ob sie glaube , daß noch so viel Zeit vor dem Frühmahle sei , daß sie über die Felderanhöhe hinaus und wieder in das Schloß zurückkommen könne . » Wohl ist noch so viel Zeit : , « erwiderte sie , » ich wäre ja sonst nicht fortgegangen , weil ich eine Störung in der Hausordnung nicht verursachen möchte . « » Dann erlaubt Ihr wohl , daß ich Euch begleite « , sagte ich . » Es wird mir sehr lieb sein « , antwortete sie . Ich begab mich an ihre Seite , und wir wandelten den Weg , den ich gekommen war , zurück . Ich hätte ihr sehr gerne meinen Arm angeboten ; aber ich hatte nicht den Mut dazu . Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin , an einem Baumstamme nach dem andern vorüber , und die Schatten , welche die Bäume auf den Weg warfen , und die Lichter , welche die Sonne dazwischen legte , wichen hinter uns zurück . Anfangs sprachen wir gar nicht , dann aber sagte Natalie : » Und habt Ihr die Nacht in Ruhe und Wohlsein zugebracht ? « » Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden ; aber ich habe es nicht unangenehm empfunden , « entgegnete ich , » die Fenster meiner Wohnung , welche mir Eure Mutter so freundlich hatte einrichten lassen , gehen in das Freie , ein großer Teil des Sternenhimmels sah zu mir herein . Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet . Am Morgen stand ich frühe auf , und da ich glaubte , daß ich niemand in dem Schlosse mehr stören würde , ging ich in das Freie , um die milde Luft zu genießen . « » Es ist ein eigenes , erquickendes Labsal , die reine Luft des heiteren Sommers zu atmen « , erwiderte sie . » Es ist die erhebendste Nahrung , die uns der Himmel gegeben hat « , antwortete ich . » Das weiß ich , wenn ich auf einem hohen Berge stehe und die Luft in ihrer Weite wie ein unausmeßbares Meer um mich herum ist . Aber nicht bloß die Luft des Sommers ist erquickend , auch die des Winters ist es , jede ist es , welche rein ist , und in welcher sich nicht Teile finden , die unserm Wesen widerstreben . « » Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg , auf dem wir jetzt wandeln . Er ist wohl und breit ausgefahren , weil die Bewohner von Erlthal und die der umliegenden Häuser im Winter von ihrem tief gelegenen Fahrwege eine kleine Abbeugung über die Felder machen , und dann unseren Spazierweg seiner ganzen Länge nach befahren . Da ist es oft recht schön , wenn die Zweige der Bäume voll von Kristallen hängen , oder wenn sie bereift sind und ein feines Gitterwerk über ihren Stämmen und Ästen tragen . Oft ist es sogar , als wenn sich auch der Reif in der Luft befände und sie mit ihm erfüllt wäre . Ein feiner Duft schwebt in ihr , daß man die nächsten Dinge nur wie in einen Rauch gehüllt sehen kann . Ein anderes Mal ist der Himmel wieder so klar , daß man alles deutlich erblickt . Er spannt sich dunkelblau über die Gefilde , die in der Sonne glänzen , und wenn wir auf die Höhe der Felder kommen , können wir von ihr den ganzen Zug der Gebirge sehen . Im Winter ist die Landschaft sehr still , weil die Menschen sich in ihren Häusern halten , so viel sie können , weil die Singvögel Abschied genommen haben , weil das Wild in die tieferen Wälder zurück gegangen ist , und weil selbst ein Gespann nicht den tönenden Hufschlag und das Rollen der Räder hören läßt , sondern nur der einfache Klang der Pferdeglocke , die man hier hat , anzeigt , daß irgend wo jemand durch die Stille des Winters fährt . Wir gehen auf der klaren Bahn dahin , die Mutter leitet die Gespräche auf verschiedene Dinge , und das Ziel unserer Wanderung ist gewöhnlich die Stelle , wo der Weg in das Tal hinabzugehen anfängt . In der Stadt habt Ihr die schönen Winterspaziergänge nicht , welche uns das Land gewährt . « » Nein , Natalie , die haben wir nicht . Wir haben von der dem Winter als Winter eigentümlichen Wesenheit nichts als die Kälte ; denn der Schnee wird auch aus der Stadt fortgeschafft , « erwiderte ich , » und nicht bloß im Winter , auch im Sommer