nun habe annehmen müssen , das gestohlene Pferd sei bereits steckbrieflich geschildert , und deshalb , da der Oberamtmann eine Veränderung in seinem Gesichte zu erblicken glaubte und ihm abzusteigen befahl , die Flucht zu ergreifen gesucht habe . Gleichwohl würden nach seiner Vergewaltigung durch einige mutige Vaihinger Bürger , die , wie der Vorgang von Jöhlingen beweist , ihr Leben dabei wagten , die Inzichten , die in seinem Benehmen und den bei ihm gefundenen allerdings verdächtigen Gegenständen lagen , noch nicht zu einem zuversichtlichen Verfahren gegen ihn ausgereicht haben . Er hatte sich schon mehr in solchen Verlegenheiten befunden und wußte , wieviel man der Obrigkeit , selbst auf halbem Augenschein von ihr ertappt , durch hartnäckiges Leugnen abtrotzen konnte . Aber die erste Gefängnisnacht in Vaihingen vollendete die Umwandlung , die schon lange in seinem Innern begonnen hatte und durch die Stürme des Lebens , die Foltern des Gewissens so vorbereitet war , daß sie nur noch eines äußeren Anstoßes bedurfte . Wer seinen Mutterwitz und seine offenherzige Leutseligkeit für die einzigen von seiner Mutter ererbten Eigenschaften hielt , hatte sich garstig in ihm verrechnet , und teuer mußten die Genossen seiner Übeltaten diesen Rechnungsfehler büßen . Das hauptsächlichste Erbe , das er von seiner Mutter überkommen , das heißt , vermittelst ihres Einflusses sich in sein Herz eingeprägt hatte , war die Religion , wie sie in den Liedern seiner Landeskirche , in den Sprüchen der Lutherschen Bibel und in den Fragen und Antworten des protestantischen Katechismus niedergelegt war . Die Art , wie er diese Religion in der Welt ausüben sah , hatte ihn oft über sie spotten machen , und der Beifall , den seine Witze fanden , hatte ihn in seinen Spöttereien bestärkt . Aber was sein Geschichtschreiber aus seinem Mund erzählt , beweist , daß sie dennoch die Heimat seines innersten Gemüts geblieben war , und der nämliche Erzähler , dem es gar nicht einmal einfiel , an der Wahrheit jener Mitteilung zu zweifeln , sagt bei einer andern Gelegenheit von ihm , Aufrichtigkeit sei , selbst in seinen ruchlosesten Jahren , ein Hauptzug in ihm gewesen . Oft , erzählt derselbe bei der Darstellung seines inneren Zustandes während seines Aufenthaltes unter den Gaunern , oft sei er nachts im Traume aufgewacht , nachdem er vergebens durch Berauschung sein Gewissen einzuschläfern gesucht , habe geschrien , geweint , gebetet , bis sein Weib an seiner Seite ihn durch Spöttereien über seine Feigheit wieder zum Schweigen gebracht habe . Oft sei er auf die Knie gefallen und habe den Himmel um Gnade zu seiner Besserung angefleht . Oft sogar sei er unter dem Galgen niedergekniet und habe Gott gebeten , ihn aus diesem Leben herauszuführen . Dann habe er wieder sein Weib genötigt , auf die Knie zu fallen und mit ihm zu beten , in der Hoffnung , daß ihre , wie er gedacht , noch weniger befleckte Seele eher Erhörung finden würde . Oft sei er mit Schrecken aus dem Schlummer aufgefahren , habe geseufzt und gebetet , und wenn sein Weib gefragt , was ihm fehle , ihr allemal geantwortet , er denke an den Waisenpfarrer zu Ludwigsburg . » O Weib « , habe er weinend und seufzend gesagt , » wenn du wüßtest , was das für ein Mann war , was er mich gelehrt , wie er mich ermahnt hat - o Gott , wenn er recht hat , so sind wir beide verloren , und ach , gewiß , er hat recht ! « Als er einst zu Offenburg gefangen gelegen , habe er mit einem von der Wand abgebrochenen Stückchen Speiß ein Kruzifix gemalt , dasselbe , um sich stets an den Gekreuzigten zu erinnern , beständig angeschaut , geküßt und mit Tränen benetzt . » Damals « - dies sind , sagt sein Geschieh tschreiber , seine eigenen Worte - » versprach ich vor dem Bilde meines Heilandes Besserung und nahm mir fest vor , eher mein Brot zu betteln , als ihn weiter zu beleidigen . Ich netzte dieses Bild mit Tränen , ich küßte ihm die Hände und bat um meine Befreiung . Sie erfolgte , ich war so glücklich , daß ich entrann , oder vielmehr so unglücklich , daß ich Gelegenheit bekam , meine vorigen Sünden mit neuen zu vermehren . Einige Tage tat ich gut . Aber ich konnte keine bösen Tage leiden . Nur allzubald war der vorige gute Vorsatz verschwunden , und ich war zu meinem Schaden klug genug , Entschuldigung für meine Sünden zu finden und mich manchmal gar zu bereden , daß alles Torheit sei , was man vielleicht bloß um der Einkünfte willen in den Kirchen predige . Das ging nun freilich nicht ohne innerliches Widersprechen meines Gewissens ab , und überhaupt hatte ich beständig quälende Gewissensbisse . « Nichts aber , setzt sein Geschichtschreiber hinzu , habe seine Besserung so sehr gehindert , als sein Weib , die seine Begierde nach derselben als Zuckungen eines Feigen belacht und , wenn Spotten nichts mehr half , seine Frömmigkeit bloß als einen Vorwand , sie zu verlassen und zu seiner lutherischen Christine zurückzukehren , angesehen habe . Die schwarze Christine bekannte sich zu der katholischen Kirche . Sie hatte mit ihrem Geliebten gleich nach ihrer Verbindung eine Wallfahrt zu der schwarzen Maria von Einsiedeln gemacht , um sich trauen zu lassen , daselbst auch Bereitwilligkeit gefunden , die jedoch , nicht zur Tat werden konnte , da keines von beiden Brautleuten daran gedacht hatte , seinen Taufschein mitzubringen . Ihr erstes Kind war in einem badischen Orte , dessen gaunerfreundlicher Schultheiß dabei zu Gevatter stand , von einem Jesuiten getauft worden . Über den Tod dieses Kindes , das sie frühe wieder verlor , betrübte sie sich so übermäßig , daß sie in Verzweiflung verfiel und dem Wahnsinn nahe kam ; sie wollte sich , durchaus nicht von dem Kinde trennen und trug die verwesende Leiche in einem Kästchen mit der größten Beschwerde acht Tage