Ziele , aber ich nähere mich ihm . Der heutige Morgen hat mir gezeigt , daß ich diese freie Arbeiterschaar nicht mehr zu fürchten habe . Ungeachtet des Lärms , den sie machten , und trotz der heftigen Drohungen Einzelner bin ich doch überzeugt , daß sie eher neben meinen Maschinen den Geist aufgeben , als mir die Arbeit aufkündigen . Nur die fatale Geschichte mit dem Wenden und die schmählichen Gerüchte , die unsere Ehre compromittiren , macht mir einiges Bedenken und hat auch diesen schon halb bewußtlosen Maschinenmenschen eine Art Selbstthätigkeit eingeimpft , die ich ihnen kaum zugetraut hätte . Auf welche Weise wir auch diese unterdrücken und das von uns abhängige Volk für immer uns wieder unterthänig , ja vollkommen leib- und seeleneigen machen können , das wollen wir Brüder , sobald Aurel angekommen sein wird , reiflich überlegen . « » Herr Aurel am Stein , « meldete der Bediente . Im Feuer des Gesprächs hatte Adrian nicht auf die Fähre geachtet , die einigemale von der Insel ans Land und von diesem wieder nach der Insel gekommen war . » Sehr willkommen ! « rief Adrian , indem er lebhaft aufsprang , um den theuern Bruder zu empfangen . Aurel stand schon auf der Schwelle . Adrian ging ihm mit offenen Armen entgegen , drückte ihn jubelnd an sich und küßte ihn wiederholt . Auch Adalbert gab seine Freude in gleicher Weise , nur weniger stürmisch zu erkennen . » Was hast Du denn für wunderliche Begleiter ? « fragte Adrian , da er im Vorzimmer einige verhüllte Gestalten bemerkte , die einzutreten zögerten . » Sehr liebe , werthe Gäste , theure Brüder , « versetzte Aurel mit strahlendem Auge und bat die Harrenden durch leisen Wink , näher zu treten . Ein paar Frauen , von Kopf zu Fuß in feine schwarzseidene Kleider gehüllt und dicht verschleiert , verbeugten sich tief und schweigend vor den beiden erstaunten Brüdern . Hinter ihnen zeigte sich Gilbert . Aurel ergriff die größere der Frauen bei der Hand , schlug den Schleier zurück und sagte mit bewegter Stimme : » Deinem wiederholten Drängen , lieber Adrian , unsern Verwandten nachzuspüren , verdanke ich die unaussprechliche Freude , Dir in dieser würdigen Dame eine schwer Verfolgte vorstellen zu können , an der wir Vieles gut zu machen haben . Es ist Herta , Gräfin von Boberstein , unsere Tante ! « » Herta ? « schrie Adrian laut auf und klammerte sich zitternd an Adalbert . » Herta lebt ? « » Fassung ! « flüsterte der kältere Adalbert dem Entsetzten zu . » Der Boden weicht unter unsern Füßen . Aurel steht bei unsern Feinden ! « » Herta ! « wiederholte Adrian tonlos , dann sank er zusammen . Kalter Schweiß trat auf seine Stirn , die Augen brachen ihm . Bewußtlos fiel der Ueberraschte in die Arme seiner zu seinem Verderben wieder erschienenen Tante . Ende des dritten Theils . Vierter Theil Siebentes Buch Erstes Kapitel . Des Armen Weihnachten . Sechs heisere Glockenschläge verhallen langsam in der eiskalten Luft . Auf den wundervoll zarten Gebilden des Frostes , auf Palmzweigen , Orchideen und Lotosblumen an den Fensterscheiben der Hütten und Paläste flimmert das Silberlicht des Mondes . Der frisch gefallene Schnee knirscht unter den Fußtritten Vorüberwandelnder , schreit und wehklagt unter dem Räderdruck beschwerter Lastwagen . Es ist Weihnachten , Weihnachten , das Freudenfest für Kinder und Erwachsene , der gemeinsame Jubeltag im Jahre für Reiche und Arme ! In Städten und Dörfern entzünden sich die geschmückten Christbäume , um die erwartungsvoll harrenden Kinder zu begrüßen . Fern und nah , auf allen Seiten , bald laut bald leise erklingen die Glocken , welche zur Christmesse rufen , und wo auf kahler Höhe im blendend weißen , mit Millionen Eisdiamanten geschmückten Flachfelde ein Kirchlein sich erhebt , da ist es jetzt erleuchtet von tausend Kerzen , um die Geburt des Heilandes , des Welterlösers , zu feiern . Wie begeht Martell , der tiefgebeugte arme Arbeiter diesen glückverheißenden Jubeltag der gesammten gläubigen Christenheit ? Sehen wir uns um nach ihm und den Seinen , betreten wir nochmals die Wohnung des Mittellosen , um zu erfahren , ob er den Schmerz überwunden hat , der sein geängstigtes Vaterherz zerriß über den unverschuldeten Tod seines lieben Knaben . Martell ' s Hütte liegt still und finster , von dem gastlichen Fuße keines Freundes betreten , im funkelnden Schnee . Die Hausthür ist verschneit , kein Weg gebahnt zur Verbindungsstraße des Arbeiterdorfes . In der Wohnstube brennt kein geschmückter Tannenbaum , um auf den fröhlichen Jubel der beschenkten Kinder herabzulächeln mit seinen Flammenaugen , ein spärliches Reißigfeuer nur knistert im Ofen , das nicht hinreicht , um die luftige , schlecht verwahrte Stube zu durchwärmen . Dem Verlöschen nahe glimmt die Lampe über Lore ' s Webstuhle und wirft mit ihren gaukelnden blauen Flämmchen ein unsicheres Licht auf Todtes und Lebendes . Heller noch scheint der Mond durch die kleinen gefrorenen Fenster , an denen sich die Schatten eines entlaubten Ahornbaumes , vom Nordwinde geschüttelt , rastlos bewegen . Die Familie des Arbeiters ist vollzählig versammelt , da wegen des morgenden Festes die Arbeit eingestellt worden ist . Auch der Arme soll ruhen von seiner Arbeit an diesem hohen segensreichen Freudenfeste ; auch er soll Zeit und Muße haben , Theil zu nehmen an dem allgemeinen Jubel , der die halbe Welt zu Brüdern und Schwestern macht . Darum feiern seit Mittag schon die Maschinen . Darum sieht man nicht die ewigen Rauchsäulen aus den Riesenschornsteinen aufwirbeln ; darum liegen die hochstockigen , fensterreichen Gebäude auf den Granitfelsen der Insel heut finster und verlassen . Warum mag es so still , so freudlos sein in Martells Hütte ? Warum rinnen einzelne große Thränenperlen über die zarten , von kränklichem Roth angehauchten Wangen Dorels , der funfzehnzährigen hübschen Tochter des Spinners ? Warum hält Lore , die Mutter Dorels , ihre magern Hände über dem Knie gefaltet ,