der Herstellung , an ihren Krämpfen litt , kam Johanna auf das Schloß . Sie hatte , da sie von dem Siechtum der Schwägerin vernommen , es sich als eine besondere Gunst erbeten , ihr zur Pflege dienen zu dürfen , und deshalb das einsame , ihr vorläufig zur Wohnung angewiesene Landhaus verlassen . Die Herzogin nahm das Anerbieten an , vielleicht mit von der religiösen Vorstellung bestimmt , daß es eine gottgefällige Schickung sei , so wider Willen und Gemüt eine ihr eigentlich unangenehme Frau täglich um sich zu sehen . Indessen wurde aus dieser künstlichen Empfindung bald eine wahre . Johanna , durch das Unglück um vieles sanfter geworden , schien wirklich zu fühlen , daß es nicht heilsam gewesen sei , sich so eigne Wege gesucht zu haben ; auch sie büßte , aber auf ihre Weise , stolz und herrlich auch in der Demut . Ihr Benehmen gegen die kranke Schwägerin war musterhaft , nichts Feineres , Edleres , Leiseres konnte man sehn . Diese dagegen wurde hier zum ersten Male wieder von etwas schönem Menschlichen berührt , und unbewußt mag sie empfunden haben , daß die Segnungen des Gemüts doch tiefer und gründlicher heilen , als die Rezepte eines Priesters . Aus der Pflicht , Johannen bei sich zu haben , wurde nach und nach eine Freude , und da sie erfuhr , jene sei wirklich verheiratet gewesen , so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden Frauen nieder . Ich aber sah , daß innerlich gute Menschen sich von dem Boden des Hauses und der Familie nie für immer entfernen , sondern nach den schwersten Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen . Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke . Kräftige Naturen täuschen sich über sich selbst ; die ersten Zeiten nach einem großen Schlage können selbst den Schein erhöhter Gesundheit tragen , aber die Wirkungen bleiben dennoch nicht aus . Sobald das Übel der Herzogin gelinder wurde und die Tätigkeit der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm , sank diese zusammen , ihre Gestalt verfiel , nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer , was mich aber freilich um so ängstlicher machte . Ein tiefer Harm zehrte an ihr , daß sie um ihre Jugendblüte , um die Krone und das Herz ihrer heiligsten Empfindungen nichtswürdig hatte betrogen werden können . Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Kommentar übersenden . XI. Geschichte des Herzogs Der deutsche Adel war , seitdem die mittleren Stände einen Drang verspürten , sich durch Geist und Tüchtigkeit hervorzutun , in eine gefährliche Stellung geraten . Der Entwickelung männlicher Energie sind Hindernisse förderlich ; das Verdienst kann nur auf rauhen Bahnen sich seine Pfade suchen . In dieser Hinsicht steht nun der Bürger , wenn er nur einigermaßen erträgliche Verhältnisse für sich hat , bevorzugt da , während es in den höchsten Ständen schon einer außerordentlichen Kraft bedarf , um nicht in dem schwächenden Elemente gar zu leichter und geebneter Tage unterzugehen . Der deutsche Adel empfand weit mehr , als daß er sich dessen bewußt geworden wäre , die Schwierigkeit seiner Lage , geraume Zeit vor der Revolution , welche zuletzt die tiefe Verderbnis aller gesellschaftlichen Einrichtungen an den Tag legte . Es entstand daher in denjenigen seiner Glieder , welche nicht fähig waren , durch Talent und hervorstechende Begabung die verhängnisvolle Last einer privilegierten Geburt gründlich auszugleichen , ein Streben , durch allerhand Scheinmittel die gefährdete Existenz für sich und die Nachkommen zu retten . Hier boten sich nun zunächst die von den Ahnen ererbten Besitztümer nach einer Seite , und die Illusionen eines vornehm gleißenden Lebens nach der andern dar . So fest , wie in diesem Stande , hatte sich nirgendwo der Begriff unveräußerlichen Eigentums ausgebildet , gleich eisernen Klammern hielten es fideikommissarische Bestimmungen , Familienstatute , Lebensnexus umwunden ; die Scholle um jeden Preis zu erhalten , wo möglich zu mehren , war also das Dichten und Trachten vieler Edelleute , was nun freilich in seinem Gefolge Geiz , Habsucht , selbst Unredlichkeit haben konnte . Die Leichteren und Lebhafteren gingen dagegen einen entgegengesetzten Weg . Sie wußten oder fühlten , daß der Bürger ihnen noch lange nicht zu den Spieltischen der Fürsten , in das Boudoir hochgeborner Schönheiten , in alle Konvenienzen eines dem Vergnügen und dem persönlichen Selbstgenusse gewidmeten Lebens werde folgen können , daß auch solche flitternde , schimmernde Bestandteile ihnen ein eigentümliches , und wie es ihnen schien , den Plebejern unantastbares Dasein zu erschaffen vermöchten . Sie schritten daher von ihren Gütern zu den Hoflagern , Bädern , Sammelpunkten der eleganten Welt , schwebten wie beflügelte Götter oder Halbgötter durch die Reihen der niedern Menschen , traten auch wohl auf deren Köpfe . Beide irrten , denn weder kann der Schein ein Leben erbauen , noch soll derjenige sparen und geizen , der ohne sein Zutun schon mehr überkommen hat , als andre . Oft wechselten jene krankhaften Richtungen in den Geschlechtsfolgen ab ; nach dem harten , ängstlichen Vater kam wohl der weiche , alles durchkostende Sohn . Gegenwärtig hat der Adel eigentlich gar kein Prinzip . Die Standesvorrechte in Masse wirklich noch einmal aufbieten zu wollen , ist eine Hoffnung , die kaum dem Kühnsten schmeicheln möchte , das Eigentum geht von Hand zu Hand ; die Flatterien des hohen Tons sind aber meistens auch verwischt . In manchen Edelleuten , deren Sinne diese Prosa nicht genügen will , hat sich daher ein mythisch - poetisches Gefühl abgelagert , welches , über die nächste Vergangenheit zurückgreifend , entlegne Zeiten mit ihrer Treue , Frömmigkeit , mit ihrem Rittermute wiedergebären möchte , der Seele eine gewisse Erhebung gibt , freilich aber ohne allen Gegenstand ist . In der Familie des Herzogs hatten sich während eines Zeitraums von fünfzig Jahren alle drei Stimmungen und Gesinnungen erzeugt . Der Großvater war ein Mann gewesen , welcher im Notfall auf Feldern und Wiesen selbst mit Hand anlegte , wenn es eben fehlte ; er trug