Mann förmlich unheimlich , daß er keinem derartigen irdischen Bedürfnis erlag und sich fortwährend regungslos in seiner Ecke hielt . Was war das für ein Mensch , der nie ausstieg , nichts genoß , nicht rauchte , nichts sprach , nicht einmal auf die übliche Frage : „ Wo sind wir jetzt ? “ antwortete , die doch sonst immer eine Unterhaltung eröffnet , weil sich dann Rede und Gegenrede so natürlich aneinanderknüpft ? Nichts verbrüdert so sehr wie gemeinsame Not und eine gemeinsame Nachtfahrt . Alle Reisenden im Wagen waren vertraulich geworden , reckten und dehnten sich und erzählten sich , ob und wie sie geschlafen . Nur Leuthold schloß sich ab , als wäre er taub und stumm . Natürlich verbündete das die Übrigen gegen ihn . Man beobachtete ihn ungeniert , man flüsterte sich auch wohl etwas zu . Leuthold fühlte sich endlich sehr unbehaglich . Die alte Dame neben ihm brachte ihn durch ihre Unruhe zur Verzweiflung , denn sie begrub ihn alle Augenblicke unter ihrem ungeheueren Pelzmantel , den sie eigentlich nur in den Waggon mitgenommen hatte , weil er nicht mehr in den Koffer ging . Nun hatte sie ihn aber doch recht gut brauchen können . Wer hätte gedacht , daß es im September schon solche kalten Nächte gebe ! Jetzt wollte sie ihn aber doch ausziehen , damit sie sich nicht zu sehr verwöhne . Und sie wickelte sich aus dem faltigen Kleidungsstücke heraus , wobei sie Leuthold förmlich verschüttete . Die übrigen Herren halfen ihr lachend und Leuthold arbeitete sich unmutig unter dem Ballast hervor . Der Mantel wurde mit großer Mühe auf das Netz für das Handgepäck geschafft und dabei ganz übersehen , daß in der Ferne die vom Morgenlicht übergossenen Türme der Hauptstadt an der Leine auftauchten . Die Mühe war vergebens gewesen , denn nun öffnete der Schaffner die Tür mit dem für Leuthold so erlösenden Rufe : „ Die Billets nach Hannover , meine Herrschaften ! “ „ Ei , du lieber Gott , ist es schon soweit ? “ rief die alte Dame erschrocken und wühlte in allen Taschen nach dem Billet , welches Leuthold glücklicherweise vom Boden aufhob . Durch diese Artigkeit versöhnt , fragte sie ihn dann , ob er auch in Hannover aussteige , worauf er ein kurzes „ Ja “ hören ließ und zu seinem Schrecken erfuhr , daß die Dame ihre jüngste Tochter aus dem dortigen Pensionat abhole , um sie als Gesellschafterin nach Kopenhagen zu bringen . Sie habe eine strenge Tour vor sich , denn sie reise noch am selben Abend weiter . Er beschloß nun , nicht , wie er es sich vorgenommen , den Nachtzug zu seiner Weiterfahrt zu benutzen . Er hatte ja mit dieser aufdringlichen Schwätzerin und ihrer Tochter den langen Weg bis Hamburg zusammen machen müssen . Und an ein Ausweichen wäre nun so weniger zu denken gewesen , als die Tochter , im gleichen Institute mit Gretchen erzogen , jedenfalls mit letzterer noch befreundet war . — Er mußte aber in seiner Lage um jeden Preis eine Reisegesellschaft meiden , die ihn kannte und einer etwaigen Nachforschung Anhaltspunkte gäbe . So groß die Gefahr einer Verzögerung war , diese war doch noch größer . Er mußte die kleinere wählen und einen Tag verlieren . Der Zug hielt . Die alte Dame wühlte sich wie ein Maulwurf aus der Erde zum Wagen heraus und ward unter lauten Freudenbezeugungen von der sie erwartenden Tochter empfangen . Leuthold warf sich in eine Droschke und fuhr in ein Hotel . Von dort aus schrieb er einige Zeilen an Gretchen und beschied sie zu sich . Eine lange halbe Stunde verging ihm . Wie würde er diese Tochter wiederfinden , die er seit sieben Jahren nicht gesehen ? War sie so wie in ihren Briefen ? Und wenn sie es war , wie wollte er ihr gegenübertreten und ihr in das unschuldsvolle Auge blicken ? — Da pochte es leise an die Tür . — „ Herein , “ rief er in höchster Spannung — und eintrat ein Wesen so wundervoll jungfräulich knospend , daß Leuthold ihr nur stumm vor freudigem Erstaunen die Arme entgegenzubreiten vermochte . Das Mädchen hatte einen Augenblick schüchtern fragend auf der Schwelle gestanden , nun aber stürzte sie sich mit einem einzigen Schrei an des Vaters Herz — einem Schrei , in dem das ganze , stille Heimweh langer Jahre im Entzücken des Wiedersehens sich brach . Fest und fester umschlangen sich die Beiden , unfähig eines Wortes . Das Kind weinte die ersten Freudetränen in des Vaters Armen und aus Leutholds Augen floß ein bitterer Tropfen um den andern auf das Haupt nieder , das er mit solch banger Inbrunst an sich preßte , als sei ihm dies Glück nur für Minuten beschieden . „ Vater , laß Dich ansehen , “ sagte endlich Gretchen , sich zuerst aus der heißen Umarmung lösend . Und sie faßte mit beiden Händen Leutholds Kopf und schaute ihm mit dem durchdringenden , geraden Blicke der Unschuld in die Augen . Er hielt ihn aus , diesen Blick , wie man es auch aushalten kann in die Sonne zu sehen , aber es war ihm , als müsse er daran erblinden , als könne er nachher nie mehr die Wimpern erheben . „ Väterchen , man sieht Dir das Leiden und die Mühe recht an , “ klagte Gretchen wehmütig . „ Es war hohe Zeit , daß Du Dir einmal eine kleine Erholung gönntest . Ach , wie lieb ist es von Dir , daß Du zu mir kommst , zu mir ! ! “ Und sie konnte nicht weiter reden und drückte alle ihre Gefühle nur in Küssen aus . „ Nein , die Überraschung — ! “ rief sie dann wieder Atem schöpfend . „ Die Überraschung ! Ich traute meinen Sinnen gar nicht , als mir der Brief gebracht wurde . — „ Die Hand meines Vaters , “ denke ich ,