seiner Lage , - er vergaß im Augenblick alles andere , stand wieder auf und zog den Unglücklichen zu sich ins Zimmer . » Nun « , sagte er , » Georg , was willst du von mir ? « Der Gefangene sank erschöpft auf den nächsten Stuhl . » Robert « , bat er , » willst du mein Geheimnis bewahren ? Und - und hast du mir verziehen ? Sieh , damals - « Robert unterbrach den angefangenen Satz . » Laß das gut sein , Georg « , erwiderte er . » Ich denke nicht mehr an das , was du mir getan hast , ich habe dir alles verziehen , nur nicht , daß du dein Vaterland verrätst . « Dunkle Glut schoß über das fahle Gesicht des Seilers . » Ach , du « , stammelte er in kläglichem Ton , » rechne mir das nicht so sehr hoch an . Ich verdiente mein bißchen Brot als Diener des Franzosen , mit dem ich nun in Gefangenschaft geraten bin , - ja , und da kam der Krieg , aber ich habe nie gegen Deutschland gefochten , könnte es ja auch des lahmen Fußes wegen schon gar nicht . Wie unglücklich ich bin , davon machst du dir keinen Begriff . « Roberts gutmütiges Herz hatte längst allen Groll vergessen . » Nun « , antwortete er , » das läßt sich als Entschuldigung schon hören . Warum bist du denn nicht mehr Seiler ? « Der andere seufzte schmerzlich . » Meine Gesundheit erlaubt mir keine Anstrengungen « , erwiderte er . » Ich spucke Blut , die Meister nehmen mich nicht mehr in Arbeit . « » Du armer Kerl ! - Man soll doch nie voreilig urteilen . « Und Robert schloß die Seekiste auf , nahm aus der Brieftasche eine Banknote von zehn Talern und drückte sie dem Seiler in die Hand . » Jetzt geh , Georg « , sagte er freundlich , » laß uns nicht zusammen gesehen werden . Wenn das rauhe Volk , das hier im Hause verkehrt , den Deutschen in dir entdecken sollte , so wärest du höchstwahrscheinlich vor Mißhandlungen nicht sicher . Mir allerdings darfst du vollkommen vertrauen . Gute Nacht ! « Der Seiler hatte widerstrebend das Geld angenommen . Robert sah nicht den tückischen Blick der eingesunkenen Augen , er hörte nicht , wie Georg , nachdem er scheinbar demütig gedankt und sich nach einem kurzen Lebewohl entfernt hatte , - draußen einen Fluch in sich hineinmurmelte . Daß Robert nur noch der verzeihende , großmütige Mensch war , aber keineswegs der Freund von damals , daß er Barmherzigkeit übte , aber ohne mit dem Dieb und Überläufer weiterhin zusammenkommen zu wollen , - alles das sah er ganz deutlich , und aus seinem häßlichen Gesicht sprach boshafter Haß . » Pinsel « , murmelte er in den Bart , » alberner Narr , der doch alles , was er geworden ist , mir verdankt . Hat Geld in der Brieftasche , viel Geld sogar , - pah , darauf pocht er und glaubt mich beschimpfen zu dürfen , aber er wird schon sehen , wie weit ihn sein Weg führt - « Er nickte mehrere Male vor sich hin , als wolle er sich einen gefaßten Entschluß recht fest einprägen , und dann verschwand er hinter der Tür seiner Kammer , die nur angelehnt blieb . Unten im Gastzimmer schwieg allmählich der Lärm , die Türen wurden verriegelt , das Licht ausgedreht , und alles versank in tiefste Stille . Jedermann schien zu schlafen , selbst auf den Straßen war nur noch der Nachtwächter zu hören . Ins Fenster hinein schien der Mond durch die Spalten herabgelassener Vorhänge , hüpfend tanzten die Schatten durch das Zimmer , und geisterhaft lautlos drehte sich die Tür in ihren Angeln , ganz langsam , leise und heimlich wie eine Schlange - - Eine Gestalt huscht herein , auf leisen Sohlen schleichend , unhörbar , - sie kauert neben Roberts Kiste , - ein Knirschen , kaum wahrnehmbar , ertönt , es rauscht wie welke Blätter im Wind - - Und ebenso lautlos fällt die Zimmertür ins Schloß zurück . Am nächsten Morgen steckte Robert nur die Brieftasche zu sich , machte aus einigen unentbehrlichen Wäschestücken ein Bündel , ließ die Kiste in der Obhut des Wirtes zurück und fuhr mit dem Frühzug nach Pinneberg . Er hatte sich einen Platz am Fenster gesucht und sah nun hinaus in die Landschaft . Allmählich tauchte immer mehr Bekanntes , Altgewohntes aus der Eintönigkeit der Torfmoore und Heideflächen auf . Zuerst Eidelstedt , dann der kleine bescheidene Turm von Rellingen , wo er konfirmiert worden war , wo er vom Chor herab mit Gottlieb und den anderen Schuljungen so oft gesungen hatte , wo er das Abendmahl erhalten und als der Beste aus der Prüfung hervorgegangen war . Das Bild des Sonntagsgottesdienstes im stillen Dorf sah er unbewußt vor sich . Er sah die Decke der Kirche mit Engelchören und Blumengewinden , sah . die andächtige Gemeinde und die Sonnenstrahlen , wie sie spielend über das Altarbild glitten . Er hörte die Stimme des Pastors , den Chor und die rauschenden Orgelklänge - - Dann tauchten die Dächer von Pinneberg auf , die Räder drehten sich langsamer , und der Zug hielt . Roberts Herz schien still zu stehen . Als sei er hier gestern zuletzt gewesen , so unverändert war die ganze Umgebung , so altgewohnt die Menschen und Dinge ringsumher . Konnten wirklich drei lange Jahre vergangen sein , seit er heimlich nachts von hier fortging , einem ungewissen Schicksal entgegen ? Eine Hand legte sich auf seine Schulter . » Mein Gott , das ist ja Robert , der durchgebrannte Robert ! « Robert fuhr herum und sah in ein wohlbekanntes Gesicht . Der junge Mann in der Uniform der Bahnbeamten , einige Jahre älter als er selbst , war ein alter Schulkamerad und