großer Kummer für die ganze Familie ! Gib darauf Acht , was dir etwa ketzerisch erscheint ! Sag ' es immer erst mir , damit ich sehe , ob man es wieder berichten muß ! Auch verlange fest und bestimmt , daß du alle drei Tage in die Messe gehen müßtest ! Die Commerzienräthin will das ! Sage nur , du wärst ' s einmal so gewohnt und hättest sonst keine Ruhe ! Hörst du ? Ich soll es dir sagen ! Treudchen , die diese Anleitung zur Rechtgläubigkeit ganz in der Ordnung fand , hätte gern auch einige Winke gehabt für ihr Verhältniß zu ihrer so nahen Nachbarschaft , zu Pitern und seinen Freunden , und sie hätte , wenn Lucinde ihre schüchterne Andeutung hätte nicht verstehen wollen , das Erlebte selbst erzählt ; aber Lucinde huschte schon davon und flüsterte nur noch , indem sie Treudchen über das Geländer etwas Geld in die Hand steckte : Da ! Wenn du den Pfarrer besuchst , kauf ' ihm Blumen ! Hörst du ? Am Dom stehen so wunderschöne ! Ist er nicht zu Hause , so stelle sie selbst ins Zimmer ! Hörst du ? Nicht etwa durch die Damen Schnuphase - verlang ' es , daß du es selbst thust ! Sie gönnen dir ' s nicht und geben sie ihm nicht ! Einen großen vollen mächtigen Strauß kaufe und mit Orangenblüten - hörst du ? Man verkauft sie so ! Vergiß es nicht ! Aber um Himmels willen , sprich nicht von mir ! Treudchen war nun schon allein und beeilte sich , die Windungen ihres Haares zu befestigen - ihr schwarzes Merinokleid hatte ihr schon vorher Lucinde hinten geschlossen - und die selbstgestickten Pantoffeln vertauschte sie mit Schuhen vom besten , freilich etwas derben kockerer Leder . So beim Ueberbeugen zur Erde - was machte da nicht alles die Brust eines so jungen Lebens schon so schwer ! Die gestrige Scene mit dem » jungen Herrn « ! Nun der Mord der Frau , bei der sie hatte dienen sollen ! Die Ankunft des Pfarrers und die Blumenspende ! Die Aufsicht über die ketzerischen Gesinnungen ihrer Herrschaft ! Ihre Geschwister unter den Waisen ! ... Wäre nicht der volle Nachhall der Erscheinung ihrer Mutter gewesen und es noch so in ihr lebendig , als hörte sie deutlich das Jubelwort : Treudchen ! das die Mutter sprach , und ihr eigenes angstvoll seliges Mutter ! sie würde jetzt nicht so ruhig hier am Spiegel haben stehen und ihren übergelegten Kragen ordnen können ... In Lucindens Blumengruß an den Pfarrer konnte sie nichts Auffallendes finden . Gute katholische Seelen wissen es , daß sie nichts zu verabsäumen suchen sollen , was nur irgend dazu dienen kann , einem Geistlichen Freude zu machen . Sind die Geistlichen ausgeschlossen von den gewöhnlichen Freuden des Lebens , haben sie das zu entbehren , was andern Trost und Erhebung gewähren kann , eine Familie , Gattin , Kinder , Liebe und Hingebung , so ist es Pflicht aller derer , für welche sie diesen heiligen Lebenswandel führen , ihnen eine stete Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen den vollen Genuß alles dessen zu gewähren , was es außerhalb des Glücks der Hingebung , besonders eines weiblichen Herzens , sonst noch Wohlthuendes in der Welt geben kann . Dies Lieben mit der Seele , dies Umwerben und Umschmeicheln eines Geistlichen mit steter Huldigung soll , sagt man , zu den besondern Glückseligkeiten derselben gehören . Und Treudchen war so aufgeregt , daß es ihr jetzt vorm Spiegel war , als spräche die Hasen-Jette hinter ihr : Nun , was ist , Treudchen ! Bist alle halbe Jahre einmal hübscher geworden ! Wirst auch jetzt um die Trauer nicht zurückgehen ! Kinder von Metzgern , Treudchen , sind immer schön ! ... Eine Ansicht , die die Hasen-Jette am wenigsten um ihren David zurücknahm ... Und auch Nachbar Grützmacher ' s Stimme hörte sie : Ei , potz Blitz ! Hätt ' ich nicht schon mein Bündel da - ( er bekam dabei von diesem Bündel , seiner Ehehälfte , einen vertraulichen Schlag auf den breiten Rücken ) , so würdest du noch die Frau Wachtmeisterin werden können , Treudchen ! Treudchen wartete auf das einmalige Klingeln ... Es erfolgte nicht ... Sie trank ihren Kaffee ... Er war so stark , daß ihre ganze Familie an der Verdünnung ein Sonntagsfrühstück gehabt hätte . Die Mitmägde , die Bediente musterten sie ... Es gibt zweierlei Blondinen ... Solche , die wie eine Maiblume blühen und duften können , aber auch ebenso schnell mit einem einzigen wunderholden Mai wieder verwelken ; und solche gibt es , die man Kern- oder Dauerblondinen nennen sollte , weil sie noch als Greisinnen so anmuthig sind wie herbstlich geröthete Aepfel . Treudchen gehörte zu letztern . Wie schön stand ihr das schwarze Merinokleid zu der hellen Farbe ihrer Haut ! Fast zu schmuck machte sich der Florbesatz in den goldgelben Windungen ihres Haares ! Und nun lag gar zum Ausgehen schon da der von ihr selbst zum Begräbniß gefertigt gewesene schwarze Sammthut , in den sich ihr Kopf zurücklehnte , wie auf eine Folie , die den Glanz noch erhöht ! Und die kostbare schwarzseidene Mantille , die ihr schon gestern gleich bei der Ankunft Madame Delring als eine » abgelegte « geschenkt hatte ! Eine abgelegte und noch so neu und glanzvoll ! ... Madame Delring war eine eigene , vielleicht sehr reizbare , vielleicht höchst wunderliche Frau ; sehr vornehm , sehr stolz ... aber gegen Treudchen war sie weich und milde . Lucinde hatte das Treudchen gleich vorausgesagt . » Die Frau Delring wird dich in ihr Herz schließen ! « Nach zehnjähriger kinderloser Ehe war Frau Delring plötzlich in die Hoffnung gekommen . Wenn Treudchen die Augen ihrer Herrin so eigenthümlich umflort sah , so wußte sie erst jetzt , daß vielleicht die ernste blasse Dame , die in Glück und Glanz zu leben schien ,