überlisten und zu entfliehen , während er bei Dir ist . Den Rest der Kasse nehme ich mit , um die Reise zu bestreiten . Ich kann nicht erst abwarten , bis Möllner fort ist , um Dich darum zu ersuchen , denn dann wäre ja die Tür wieder bewacht und er ließe mich nimmer aus den Klauen . Es handelt sich hier um Ehre und Leben , um die Zukunft meines Kindes — ich darf nicht zögern . Wenn Du Dich doch noch entschließen solltest , heute mit mir zu gehen , so findest Du mich auf dem Bahnhofe . Du hast noch zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges . Bleibst Du hier , so werde ich Dir , sobald ich kann , das Reisegeld zurückschicken . Lebewohl — und hoffentlich : Auf Wiedersehen ! Nach Vollendung dieser Zeilen schlich er selbst in den Stall , ließ anspannen und fuhr zur Station . In zwei Stunden mußte sich sein Schicksal entscheiden . Saß er nur erst im Wagen , dann war er gerettet ! Dieselbe Zeit , in der Ernestine in Todesnot mit ihrem verleugneten Schöpfer rang , brachte der , welcher all ihr Weh verschuldet , in nicht geringeren Qualen zu . Wer je bei Nacht die Ankunft eines Zuges lange auf einer kleinen Station erwarten mußte , der weiß , was „ Geduld haben “ heißt . So herumstehen auf einem öden Perron vor einem einsamen Bahnhofe mit den Füßen stampfen , denn das Stehen auf den Steinen macht kalt — sich wieder und wieder hinausbiegen und die gerade endlose Straße hinunterschauen , ob man denn noch keine roten Punkte sieht ; dann wieder auf dem kurzen Raum hin- und herlaufen und einen schläfrigen Inspektor so oft fragen , als man es dessen Geduld nur irgend zumuten kann , ob der Zug noch nicht bald komme und immer wieder dasselbe : „ Jetzt kommt er bald ! “ hören , an das der Tröster selbst nicht glaubt ; dann wieder zur Abwechslung in die Restauration hineingehen mit ihren ewigen ledernen Schinkenbrötchen und ihren abgespannten Büffetdamen , die den Abfahrenden so teilnahmlos ansehen , weil er noch nicht durch eine lange Fahrt genug heruntergebracht ist , um etwas von ihrem zähen Vorrat zu bedürfen ; — alle zehn Minuten mit der Überzeugung auf die Uhr schauen , es müsse schon wieder eine halbe Stunde vorüber sein und endlich , wenn man stumpf geworden vor Langeweile , sich fast des Wartens begeben hat und müde auf einen Sessel gesunken ist , jäh aufgeschreckt werden durch den gellenden Ton der Signalglocke , daß man nicht weiß , wie man seine Siebensachen rasch genug zusammenraffen soll , und dann von dem Portier zurückgewiesen werden , weil es noch nicht der rechte Zug , sondern einer ist , der vor jenem abgeht — das sind so die kleinen Eisenbahnleiden des menschlichen Daseins , die Jeder kennt . Dem aber , der mit pochendem Herzen auf das Dampfroß , als auf den Retter seines Lebens wartet , dem werden sie zu Martern , wie sie der boshafteste Teufel nicht grausamer ersinnen kann . Leuthold durchlebte sie in ihrer ganzen Ausdehnung , nur mit dem Unterschiede , daß er nach zwei Richtungen ausblickte , nach der der Bahn mit verzehrender Ungeduld und nach der , wo er hergekommen , mit der Todesangst , der Rächer werde ihm folgen . So gingen die zwei Stunden , eine geistige Folter , an ihm vorüber und als endlich die leuchtenden Punkte am Horizonte auftauchten und näher und näher kamen , bis der Zug stampfend und brausend in den Bahnhof einfuhr , da glaubte Leuthold unter dem schneidenden Pfiff zusammenzubrechen , der sein Ohr zerriß . Mit letzter Kraft schwang er sich die hohen Stufen hinauf und der schwarze rotäugige Rettungsengel aller Diebe und Mörder entfaltete seine qualmenden Fittiche und schnaubte mit ihm von dannen . Nun war er geborgen . Den eisernen Pfad , den er mit dem feurigen Ungetüm verfolgte , konnte keine Nachstellung durchkreuzen , als der elektrische Funke , der ihm vorauseilend sein Signalement in die Welt tragen und ihm die Verhaftung auf einer Station zuziehen konnte . Doch auch davor hielt er sich sicher , denn Niemand wußte , welchen Weg er nähme . Um die Nachforschungen irre zu leiten , hatte er ein Billet bis auf eine weitabliegende Station des linken Rheinufers genommen , während er in gerader Richtung Hamburg zu und zunächst nach Hannover eilte , um seine Tochter aus dem Institute zu holen . Es war eine kalte , unheimliche Nacht . Er schlummerte ein paar Mal überwältigt von Müdigkeit ein . Dann glaubte er sich zu Schiffe , von den Wellen geschaukelt , in einer Kajüte und atmete erleichtert auf , denn nun war ja alle Angst vorüber . Und wie man sonst nach einer überstandenen Gefahr sagt : „ Jetzt ist er auf dem Trockenen ! “ so konnte er umgekehrt frohlocken , daß er nun auf dem Wasser sei . — Da schrie aber jedesmal ein grausamer Schaffner zur Tür herein und rief ihm mit seinem eintönigen „ Fünf Minuten Aufenthalt ! “ das Bewußtsein zurück , daß er noch auf dem Lande , auf feindlichem Boden dahin krieche . So quälte er sich die ganze Nacht zwischen Wachen und Schlafen . Die übrigen Reisenden betrachteten mitleidig bei dem flackernden Waggonlicht den bleichen , bartlosen Mann , der so matt in seiner Ecke lehnte , — er mußte wohl recht krank sein . Endlich färbte das Frührot den Horizont und die unabsehbaren Ebenen jener Gegend . Auf den Halteplätzen wurde der bedenkliche Trank ausgeboten , den der fröstelnde Reisende in einem Zustand von Körper- und Geistesschwäche für Kaffee genießt und vor sich selbst mit dem Motto beschönigt : „ ’ s ist doch ’ was Warmes ! “ Eine alte Dame , die in der Nacht eingestiegen war und neben Leuthold saß , trank sich durch alle Stationen durch und es machte ihr den bleichen