Schwer atmend täppelte die Traudi neben ihm her . Ein paarmal versuchte sie zu reden . Immer schwieg er . Da sagte sie leise : » Deinen Goldpfennig hat mir einer vom Hals gerissen . Das ist mir das Ärgste gewesen . « Er schwieg . » Aber ein lützel was hab ich schon noch von dir . « Sie wartete , ob er fragen würde . Er schwieg . » Das Hemmed , das du mir beim Hallturm in den Binkel geschoben hast . Das hab ich noch . Ich hab ' s gewaschen und gut geflickt . An jedem Sonntag , wenn die anderen in der Kirche sind , schlupf ich allweil ein lützel hinein und geh mit dem Kind in meiner Stub herum . Da bet ich . « Schweigend nahm er ihre Hand und machte kürzere Schritte , damit sie nicht so schnaufen müßte . Unter einem verträumten Lächeln fragte sie : » Ist der Heiner auch bei dir ? « » Der ist tot . « » Jesus ! Aber der Altknecht , gelt ? « » Der ist tot . « » Herr Jesus ! Und der Bauer ? « » Der ist tot . « » Allmächtiger ! Muß denn alles - « Die Stimme zerbrach ihr . » Und - « Er senkte schweigend den Kopf . Da fragte sie scheu : » Wo ist denn der Bub ? « Erschrocken umklammerte sie seinen Arm ; denn sie sah ein Gesicht , als wäre das nicht der Malimmes , sondern ein Fremder , den sie nie im Leben gesehen hatte . Ruhig befreite er seinen Arm und sagte mit Worten , die wie Eisen waren : » Wer fragt , geht irr . Krieg ist Krieg . Die Lieb macht lebendig , der Krieg macht tot . Frag nit um die andern ! Dein Kind lebt . « Er lachte . Die Traudi verstand den Malimmes nimmer . Hilflos sah sie zu ihm auf . » Tust du denn nit trauern ? « » Die Zeit ist so . Da muß man sein Herz an die Wand werfen können , daß es hängen bleibt . « Sie wagte kein Wort mehr zu reden . Ganz am Ende der Gasse blieb sie vor einem schlechten Hause stehen , über dessen Tür , obwohl es noch nicht dunkelte , eine rote Laterne brannte . » Kommst du mit herauf ? « Er schüttelte den Kopf . » So wart ein lützel , ich bring ' s. « Sie wollte ins Haus treten , blieb stehen , sah ihn glücklich an und machte eine Bewegung , als möchte sie mit dem Finger an seine große Narbe rühren . » Schier gar nimmer sieht man ' s. « Malimmes nickte . Und als sie im Haus verschwunden war , setzte er sich auf die Bank neben der Türe . Über der Mauer draußen rauschte die Donau . Der Lärm der Menschen hing über der Stadt wie das Summen eines riesigen Bienenschwarmes , vom Stadthaus klang die Bankettmusik gleich einem feintönenden Gezirpe , und der lange Strich des abendroten Himmels über den Dächern der schmalen Gasse war wie eine große , blutende Wunde , die man mit einem schartigen Schwert in Gottes Gesicht geschlagen hatte . Langsam kam die Traudi aus dem dunklen Türloch heraus , an der Brust ein kleines , rotes , blaues und grünes Binkelchen , mit einem weißen Schleierlappen . Er streckte sich und nahm das von Bändern umwickelte Kissen auf seine Arme . Die Traudi sagte : » Ist ein Büblein . Und heißt Maria Lichtmeß . Wie du . « Als er den Schleier wegzog , war eine flehende Angst in ihrem Blick . » Jetzt schaut es ein lützel ungut aus . Ist allweil wie ein Röslein gewesen . Jetzt hat es - ich weiß nit , was - aber das vergeht schon wieder . Gelt , ja ? « Das Gesicht des Malimmes versteinte , während er dieses kleine , wunde , rettungslose Leiden betrachtete , aus dem zwei klagende Lichterchen hervorguckten wie die Augen eines jungen , sterbenden Tierchens . » Gelt , ja ? Gelt , ja ? Das wird schon wieder gut ? Das ist halt so , wie ' s die Kinder oft haben . « Er nickte und schloß die Augen . Und so , mit geschlossenen Augen , sagte er ruhig : » Da tu dich nit sorgen , gutes Maidl ! Das ist , was die Leut den Dreißiger heißen . Da gibt ' s ein Mittel dafür . « » Gelt , ja ? « » Da hilf ich , Maidl , jetzt gleich . « » Jesus ! « » Und vergelt ' s Gott für das liebe Kind ! Dem will ich ein guter Vater sein . « Die Traudi lachte , als wäre ihr der leuchtende Himmel ins Herz gefallen . » Hast du einen Mantel ? « Sie sprang ins Haus . Malimmes öffnete die Augen . Er sah das wunde Gesichtchen des Kindes an . Und sah wie ein Irrsinniger die Gasse hinauf . Und sah zur Mauer hinunter . War da drunten nicht ein Törlein , das zur Holzländ führte ? War da draußen nicht die rauschende , reißende Donau ? Nun strich er mit der Hand über die dünnen Härchen des Kindes hin , hüllte den kleinen Schleier drüber und sagte leis und zärtlich : » Paß auf , Kindl , was du für einen guten Vater hast ! Was ich für dich tu , das bringen die besten nit fertig . « Die Augen schließend , spannte er seine stählerne Faust um die Schläfe dieses kleinen , vergifteten Lebens . Da kam die Traudi mit einem grünen Mantel . » Recht so , Maidl ! Auf dich ist Verlaß ! Bist noch allweil die Richtige . « Er hüllte den Mantel um das Kissen und ging der Mauer zu . » Jetzt komm