Pedehr hatte sich in das Gras niedergelassen . Ich stand aufrecht vor ihm . Ich hatte von einem Bilde reden wollen , und wovon sprach ich aber nun ? Konnte ich dafür ? Warum waren die schönen , mildglänzenden Augen , mit denen er zu mir aufblickte , so liebreich fragend und so seelengut ! Seine Dschamikun nannten ihn Pedehr , den Vater . Sie liebten ihn ; sie ehrten ihn ; sie vertrauten ihm . Er verdiente das , denn er war ihnen im wahrhaftesten Sinn des Wortes und in vollster Wirklichkeit ein Vater . Wie kam es doch , daß ich jetzt an den meinigen denken mußte ! Er war ein einfacher Bürgersmann gewesen , schlicht und recht , wie arme Leute sind , vor deren Thür die Dürftigkeit am Tage wacht und auch des Nachts nicht schläft . Er hatte jenes Forschen und Suchen nicht begreifen können . Die materielle Not ist blind gegen Ideale . Er litt unter meinen äußeren Niederlagen ; an den inneren Siegen aber , zu denen sie mich führten , konnte er nicht teilnehmen ; sie brachten ihm keinen Gewinn . Und als ich endlich , endlich oben war , aus voller Brust tief Atem holend , weil ich in meinem Glauben an die Menschheit die Ueberzeugung in mir trug , daß mir vergeben sei , da legte er sich hin und starb , mich zwingend , meine schöne Hoffnung , alles , alles an ihm gut machen zu können , nach jenem Lande zu richten , in welchem ein jeder nachzusühnen hat , was hier auf Erden zu sühnen vergessen worden ist ! War es der Pedehr , der vor mir saß und mich so still und doch so erwartungsvoll anschaute ? Diese Stirn ! Dieser fragende Blick ! Auch mein Vater war so , wie er , trotz seines hohen Alters immer jung gewesen ! Was wollte dieses Auge ? Dieser Blick ? Was kann ein Vater wollen , wenn der vor ihm sitzende Sohn von seinen Fehlern spricht . Verzeihen doch , verzeihen ! Sang man da unten im Tempel jetzt wieder das » Rosenlied « ? Nein . Es klang mir nur im Innern , und es bedurfte nur einer geringen Aenderung , so war auch ich gemeint : » Brich auf , mein Herz , der Rose gleich , In der sich alle Düfte regen . Gott ist an Gnade überreich ; Brich auf , und dufte ihm entgegen ! « » Effendi , was thust du hier ? « fragte der Scheik . » Höre ich recht ? Stand das in deinem Bilderbuche ? Du beichtest ja dich selbst hinein ! Oder nicht ? « » Ja , Pedehr , ich beichte ! « gestand ich ihm . » Das Bilderbuch , von dem ich spreche , enthält die Beichte aller , aller Welt . Wenn ich von dieser Menschheitsbeichte spreche , so darf auch die nicht fehlen , die ich der Menschheit schuldig bin ! Sie nehme diese Beichte mit in die ihrige auf ! Dann kann ihr nicht vergeben werden , wenn sie nicht mir vergiebt ! « Da faßte er mit seinen beiden Händen die meinigen , zog mich halb zu sich nieder und sprach : » Aber du beichtest hier im fernen Kurdistan ! Vor mir allein ! Die Menschheit hört dich nicht ! « » Sie wird mich hören ! Denn sie wird es lesen ! « » Etwa in einem deiner Bücher ? « » Ja ! « » Und genau so ehrlich und so offen , wie du hier zu mir gesprochen hast ? « » Genau so ! « » Ef - - - fen - - - di - - - ! « Er sah mich staunend , fast erschrocken an . Mir aber war so warm , so leicht , so frei ums Herz . Ich fühlte , daß ein frohes Lächeln um meine Lippen spielte . » Weißt du , was du dir da vorgenommen hast ? Diese deine Menschheit wird dir gern verzeihen ; aber alle , alle , die ihr Ganzes bilden , werden einzeln vortreten , um dich zu verdammen ! « » Ich fürchte mich weder vor der Menschheit noch vor dem Einzelnen ! Was hier geschieht , geschieht auch dort ! Ich beichte auch für dort ! Vor dem , der jenseits richtet ! Läßt er dann , so wie man hier mit mir gethan , die einzelnen vor seine Stufen treten , so bin ich frei von Schuld ! « Da zog er mich vollends zu sich nieder , schlang seine Arme um meinen Hals , küßte mich auf beide Wangen und sprach : » Mein lieber , lieber Sohn ! Glaubst du , daß ich mit meinen Dschamikun auch mit zur Menschheit gehöre ? Ja ? Du nickst ! Du bist ergriffen ! Ich sehe Thränen ! Weine nicht ! Ich sage dir : Unter denen , die aus der Menschheit treten , weil sie nicht menschlich denken und verzeihen , wird sich kein einziger Dschamiki befinden ! Für die andern aber , die es thun , sei das , was du schreibst , wie nicht geschrieben , denn du beichtetest der Menschheit , aber nicht denen , die aus ihr getreten sind ! « Da stand der Ustad vor den Säulen des Tempels und gab ein Zeichen nach dem » hohen Hause « hinüber . Man hatte auf dieses Zeichen gewartet , denn die Sonne war im Untergehen , und sogleich erklangen die Glocken . Der Pedehr erhob sich , zog mich mit sich empor , behielt mich mit der Linken umarmt und zeigte mit der Rechten nach dem Alabasterzelt hinauf . » Erzähle mir später von deinem Bilde weiter ! « sagte er . » Es wird sich jetzt ein anderes zeigen . Auch aus einem Kitab el mukkadas , aber nicht aus einem geschriebenen , welches man nach Belieben öffnen und schließen kann , sondern