» Getroffen . Den wollt ich eben empfehlen . Und einen tüchtigen Häckselsack in den Rücken . Denn im Kreuz wird es wohl noch fehlen . « Damit hatten sie den Unterflur erreicht und standen vor der Gaststube , in der dem Doktor noch ein Warmbier vorgesetzt werden sollte . Aber er dankte , » denn er müsse noch bis Reitwein « . Und als die Krügersfrau nichtsdestoweniger fortfuhr , in ihn zu dringen , schnitt er endlich jede weitere Verhandlung durch das eine Wort » Wöchnerin « kategorisch ab . Das half . Tante Schorlemmer wurde noch verlegener als Renate . Unter dem Vorbau hielt bereits der Wagen des Alten . Er schickte sich eben an hinaufzusteigen , als er seinen Fuß von dem Tritteisen wieder zurückzog . » Der alte Leist wird alt ; hätte die Hauptsache beinahe vergessen « , und dabei begann er in den Tiefen seiner Manteltasche herumzusuchen . Endlich fand er ein dickes , rotledernes Notizbuch , das zugleich als chirurgisches Besteck diente , und nahm einen Brief heraus : » An Renate von Vitzewitz . « Nun erst stieg er auf . » Auf Wiedersehen in Hohen-Vietz . « Renate und die Schorlemmer erwiderten seinen Gruß . Der Brief aber war von Marie . Viertes Kapitel Genesen Und es kam alles , wie Doktor Leist gesagt hatte . Am andern Morgen verlangte Lewin aufzustehen und fühlte sich trotz aller Mattigkeit doch kräftig genug , das Zimmer zu verlassen und unten unter dem Vorbau von Renate und Tante Schorlemmer Abschied zu nehmen . Es war des Krügers Gespann ; Kemnitz selber fuhr . Er zeigte sich quicker , als seine Gewohnheit war , und als Renate auf ihn hinwies und der Krügersfrau ein gutgemeintes Wort über seine Raschheit ins Ohr flüsterte , sagte diese nicht ohne einen gewissen Stolz : » Oh , er kann schon . Aber er läßt es an sich kommen . Und das ist es eben . « In der nächsten Minute nahmen beide Damen ihre Plätze ; Kemnitz hakte das Schutzleder ein und stieg nun auch seinerseits über das Rad weg auf den Kutschersitz ohne Lehne . Noch ein Händedruck , und der Wagen verschwand an der andern Seite der Kirche . Lewin ging in sein Zimmer zurück . Er hatte sich mehr angestrengt , als seine Kräfte zuließen , und warf sich jetzt angekleidet aufs Bett , nicht um zu schlafen , wohl aber um zu ruhen . Allerhand Bilder zogen an ihm vorüber , wechselnd und phantastisch , aber immer eines aus dem andern sich gestaltend . Er sah Frau Hulens dunkle Küche und den kleinen Wachsstock , den er in der Herdasche mit so viel Mühe angezündet hatte , und aus dem Wachsstock ward eine Kerze , und aus der Kerze wurden zwölf Kerzen , und alle zwölf brannten zu beiden Seiten eines Sarges , darin lag die Tante , die schwarze Witwenhaube tief in die Stirn gerückt . Und neben dem Sarge standen kleine Zypressenbäume , die wuchsen und wuchsen hoch wie Pappeln , und nun war es eine Pappelallee , und zwischen den Pappeln kam ein Wagen rasch herangefahren , dem lief er nach und wollte rufen , aber die Stimme versagte . Alles dies kam und ging , und kam wieder , ohne daß es ihn ernstlich beunruhigt hätte . Ein Druck lag auf ihm , bleiern , aber schmerzlos , und unter dem Einfluß einer beinahe süßen Betäubung wurde das Nächstliegende wie in weite Ferne gerückt und das Wirkliche zum Traum . Erregungen der Phantasie , nichts weiter , und von Empfindungen nur eine : die Sehnsucht nach Hohen-Vietz . Und nun war wieder ein Tag und eine Nacht vergangen ; der helle Morgen schien in die Fenster , und es mochte die zehnte Stunde sein . Krist , der bald nach Mitternacht mit dem Planschlitten und einer ganzen Winterausstattung von Pelzröcken , Shawls und Filzstiefeln eingetroffen war , war bereits im Stalle beschäftigt , den beiden Braunen die Sielen und die Geläute aufzulegen , und die Krügersfrau stand in der Stalltür , ebensosehr , um selbst noch zu erzählen , wie um Hohen-Vietzer Neuigkeiten gegen ihre Bohlsdorfer einzutauschen . Lewin saß reisefertig in seinem Zimmer , während diese Gespräche geführt wurden . Er hatte schon einen Morgenspaziergang gemacht , nicht ins Freie hinaus , nur in die Kirche hinüber , um noch einmal den Grabsteinspruch zu lesen , den er längst auswendig wußte . Seit einer halben Stunde war er von da zurück und hielt ein zusammengefaltetes Blatt in Händen , dessen Inhalt ihn zu beschäftigen schien . Es war Marie Kniehases Brief , den er sich am Tage vorher , im Momente von Renatens Abreise , von dieser erbeten hatte . » Ich will ihn doch noch einmal überfliegen « , sagte er , beugte sich gegen das Fenster vor und las mit halblauter Stimme : » Liebe Renate ! Deinen Brief habe ich gestern abend , wo Doktor Leist bei uns vorfuhr , erhalten . Um mit ihm noch persönlich zu sprechen , dazu war keine Zeit ; er wollte bei der späten Stunde gleich weiter . Ich las und lief dann in meiner Herzensfreude zum Pastor , der kaum weniger freudig bewegt war als ich . Und doch ist es etwas Trauriges . Du schreibst : Warum er Berlin verlassen hat ? und fügst dann hinzu : Darüber habe ich nur Vermutungen , und auch diese kaum . Ach , meine liebe Renate , ich weiß es , und in Traum und Wachen habe ich diese Stunde kommen sehen . Hier ist alles still , viele Bauern und ihre Frauen sind zum Begräbnis Deiner Tante hinüber . Denn sie war doch auf ihre Art beliebt , und jeder sprach von ihr . Auch Seidentopf ist seit einer Stunde fort . Er will erst nach Guse , dann nach Küstrin und Hohen-Ziesar , und wir erwarten ihn erst am Schluß der Woche zurück . Welche seltsame Trauerversammlung wird um