, und in den Zwischenpausen zog er ein französisches Buch aus der Tasche , um einzelne abgebrochene Worte vor sich hin zu murmeln . Die Stammgäste am Nebentisch besprachen währenddem lang und breit das Neueste vom Kriegsschauplatz , wo die Armeen der Deutschen standen , die Kriegsschiffe lagen , welche Küstenplätze , man als bedroht ansehen müsse und wo die Gefahr am größten sei . Robert beobachtete das ganze Treiben , ohne ihm irgendein Interesse abgewinnen zu können . Er wandte sich an den Wirt und fragte ihn , ob in dieser Gegend noch eine Schenke sei , deren Eigentümer Peter Volland heiße , und ob er ihm den Weg dahin zeigen könne . Der Mann in Hemdsärmeln schien sich zu besinnen . » Peter Volland ? « wiederholte er fragend . » Ach ja doch , nun hab ' ich ' s , Peter Volland ! - Der sitzt im Zuchthaus ! « Ein plötzlicher , leiser Ausruf hinter ihm veranlaßte Robert , sich umzusehen . Es war ihm , als beuge sich der Franzose , der so unruhig sprach , noch tiefer als vorhin auf sein Buch herab . Sonst bemerkte er nichts . » Im Zuchthaus ? « wiederholte er . » Wie ist das möglich ? « Der Wirt zuckte die Achseln . » Da passierte vor drei Jahren eine dumme Geschichte « , sagte er . » Es wurde in seinem Hause ein Seemann so schwer verwundet , daß er bald darauf starb , und bei der Gelegenheit kam denn so manches andere mit heraus . Volland hatte noch ein kleines Nebengeschäft als Seelenverkäufer , indem er Jungen vom Lande an Schiffe vermittelte , auf denen geschmuggelt wurde oder manchmal noch Schlimmeres , Sie wissen schon , - hohe Versicherung , Ladung von Steinen und ein Korallenriff , an dem der Schoner verunglückte . Was gemacht werden kann , wird gemacht . Volland hatte auch noch einen Mitschuldigen , aber der war nicht aufzuspüren . « » Kerl « , hörte in diesem Augenblick Robert die Stimme eines der Gäste , » Kerl , ich glaube , du verstehst deutsch , - du lauerst auf das , was gesprochen wird ! « Eine Faust schlug derb auf die Tischplatte , und unter den Gästen entstand allgemeine Unruhe , während welcher sich der Offizier vom anderen Tisch unbemerkt entfernte . » Dieser Kerl versteht deutsch « , rief der Gast , auf den schon erwähnten Franzosen deutend , » er ist bei dem , was er reden hörte , bald rot , bald blaß geworden . « Roberts Blicke folgten der allgemeinen Richtung . Da saß der Offiziersbursche und schien unbekümmert zu lesen , wenigstens hielt er das bärtige Gesicht tief gesenkt , obgleich ganz offenbar seine Hände leise zitterten . Die übrigen Franzosen flüsterten miteinander . » Du ! « rief der Wirt , die Schulter des Mannes berührend , » du , verteidige dich , wenn du kannst , oder gib Rede und Antwort wie ein ehrlicher Kerl . Hast du verstanden , was gesprochen wurde ? « Jetzt mußte der Franzose aufblicken . Er tat es , aber nur einen Augenblick lang ruhte sein Auge auf dem Gesicht des Wirtes , dann wandte es sich wie von unwiderstehlicher Macht angezogen Robert zu . Etwas wie eine flehende Bitte schimmerte in den eingesunkenen Augen . Robert erschrak , ohne zu wissen , weshalb . Wo hatte er dies Gesicht schon früher gesehen ? Der Franzose stammelte in seiner Sprache einige Worte , die niemand verstand , die aber einem Blitzschlag gleich Robert alles erklärten . Als er die Stimme hörte , erkannte er den Mann . Eine unwillkürliche Bewegung der Hand verriet vielleicht diese Entdeckung , ein Name trat auf seine Lippen , aber der Blick der bittenden Augen hielt ihn zurück . Robert konnte nicht zum Verräter werden , auch jetzt nicht , als ihm der Mann gegenüberstand , der ihm soviel Unrecht zugefügt hatte . Er dachte nur : » Georg ! - Georg ! « - aber er sprach es nicht aus . Und der französische Gefangene las ihm seinen Entschluß von der Stirn . Er sah dreister um sich und fragte mit lauter Stimme , was man von ihm wolle . Der Wirt schüttelte den Kopf . » Sie irren sich « , beruhigte er den entrüsteten Gast . » Dieser Mann versteht kein Wort . « Um Roberts Lippen kräuselte sich ein verächtliches Lächeln . So tief war Georg gesunken , daß er dem Feind diente ? - Das konnte er ihm weniger verzeihen als den Diebstahl , zu dem ihn damals die bittere Not getrieben haben mochte . Er ging hinaus und suchte durch einen weiten Spaziergang an der Elbe entlang wieder ruhiger zu werden , er dachte über die ernste Lehre nach , die ihm dieser Abend gegeben hatte , und daß es doch wahr sei , was ihm so oft gepredigt worden war und was er immer wieder in den Wind geschlagen hatte , daß jede Schuld auf Erden ihre Strafe findet . Peter Volland im Zuchthaus , Georg ein Kriegsgefangener , der sein Vaterland und seine Sprache verleugnen mußte , und endlich - er selbst ? Was erwartete ihn vielleicht zu Hause in Pinneberg ? Er nahm sich vor , es zu ertragen wie ein Mann und sich nichts zu vergeben , auch nicht seinem Vater gegenüber . Je näher der Augenblick des Wiedersehens heranrückte , desto stärker wurde sein Trotz , mit dem er sich auf sein Geld berief . Wieder in das Logierhaus zurückgekehrt , legte er sich sogleich ins Bett und wollte möglichst die ganze Zwischenzeit bis zur morgigen Abreise ohne Unterbrechung verschlafen . Aber schon nach fünf Minuten wurde er durch einen unerwarteten Besuch gestört . Im Türrahmen stand Georg . Er wagte wie ein armer Sünder keinen Schritt über die Schwelle . Robert sah das eingesunkene , blasse Gesicht des ehemaligen Seilers , die ganze kümmerliche Haltung und das Beschämende