ließ ihn erzählen von den Bienen , von seinen Töchtern , von allen offenen und geheimen Schwester- und Brüderschaften , von Gespenstern und Geistern und Wundern , von Rückkehrenden aus dem Jenseits , die berichteten , welchen Vorzug dort oben die Rechtgläubigen genössen , von den Nonnen , die wieder die blutenden Male des Erlösers zu zeigen anfingen , von allem ließ sie ihn reden und staunen und hütete sich wohl ihrer Art so den Zügel schießen zu lassen , wie etwa an der Maximinuskapelle über die Heiligenbilder Napoleone Biancchi ' s oder die alten Münzen und die seltsame Production der Jahrhunderte beim Wirthe zum Weißen Roß . Sie glaubte alles , selbst an die Frömmigkeit der Frau Hauptmännin und an die andächtigen Lieder , die diese zu ihrer Guitarre mit zwei Saiten abendlich singen sollte . Sie glaubte an das Glück aller der Mädchen und jungen Männer , die Herr Maria schon überredet hatte in die Klöster zu gehen . Sie glaubte an einen Krieg , den Oesterreich erklären würde , wenn dem Kirchenfürsten nur irgendein Härchen gekrümmt würde ... Immer nur hörte sie und blinzelte mit den Augen und nahm sich vor , durch Denken , Urtheilen , Aufblicken niemanden in der Welt mehr aufzureizen . Auch im Hause der Kattendyks , vor der unruhigen , ewig agitirten Frau Commerzienräthin , vor der anspruchsvollen noch ledigen Tochter , vor der eiteln Frau Procurator Nück , vor den Hausfreunden blieb sie sich in dem System , ungefährlich zu erscheinen , gleich . Sie antwortete nur , wenn sie gefragt wurde . Und gewiß war das ein eigener Eindruck , die hoch aufgeschossene Gestalt mit dem so ausdrucksvollen schwarzäugigen Kopfe , der vorgeneigten Stirn , den behenden ebenmäßigen Gliedern , weltkundiger Art des Benehmens , doch in dem Hause so an den Wänden entlang schleichen zu sehen , jedem ausweichend , niemanden ansehend . Und diese Rolle war nicht einmal ganz Verstellung . Sie hatte wirklich in tiefster Ueberzeugung die Ansicht gewonnen , daß in ihr besonders für die Frauen etwas Herausforderndes und Verletzendes läge und daß sie es jetzt ganz gut , ganz klug treffen würde , wenn sie sich um jeden nur irgendwie auffallenden Effect lieber gleich selbst brächte . Ihr Bangen dabei war Bonaventura ' s Ankunft und - seine mögliche Begegnung mit dem Mönche Sebastus ! ... Diese Furcht mehrte nicht wenig die Angst und Sorge ihres in der That eingeschüchterten und bitter vergrämelten Gemüths . Den Mönch hatte sie noch nicht entdecken können , aber täglich hörte sie von ihm reden und seine Flugschriften und die Aufsätze bewundern , die er in die Welt streute . Mit dem Wandeln , den Topf in der Hand , wie Beda Hunnius geschildert , mag es doch wol nicht so weit her sein ! hatte sie sich schon spottend gesagt ; aber kaum entdeckte sie , daß sie am Abendtisch der Commerzienräthin , vor dem silbernen Theeservice , bei einem solchen Einfall über des Mönches Heiligkeit die Miene verzog , unterdrückte sie auch schon den Zweifel und horchte und lauschte nur und schien überhaupt immer nur still vor sich hin zu beten ... Die Gesellschaft der Commerzienräthin staunte über so viel Frömmigkeit . So oft von dem Domvicariate , das zu besetzen war ( von Bonaventura ' s möglicher Designation schien man noch keine Ahnung zu haben ) , die Rede ging , ergoß sich über ihr ganzes Sein ein warmer Strom , in ihren Adern fing es an zu rinnen und merkte das denn doch z.B. der alte Ex-Schauspieler Pötzl , der eigentlich nur die Aufsicht über zwei Bologneserhündchen der Commerzienräthin zur einzigen Lebensaufgabe hatte , und sagte dergleichen , so war es nur ihre Theilnahme für den neuen Glauben gewesen . Ach , ihr neuer Glaube war : Hier in dieser großen Stadt erhört dich Bonaventura doch noch und nennt dich seine einzige und wahre Liebe ! Als sie den Domherrn Taube und sogar zweifelnd berichten hörte , die Gräfin Paula von Dorste-Camphausen zu Westerhof bei Witoborn hätte neuerdings wieder Visionen gehabt und verrichtete sozusagen Wunder und als im Gegentheil der Medicinalrath Goldfinger vom Standpunkte einer gotterleuchteten Naturwissenschaft an dieser Möglichkeit gar nicht im mindesten zweifelte und auch die Commerzienräthin schon die Hände faltete und alle Schäden ihres Leibes und ihrer Seele überlegte , die sie vielleicht der » Seherin von Westerhof « , wie man sogleich den Titel feststellte , zur Begutachtung und Heilung vortragen könnte ( von Piter ' s Reise gerade dorthin auf Witoborn zu konnte nicht gesprochen werden , da Piter nicht mehr » der Mann « war über seine Schritte im Hause irgendjemanden Rechenschaft zu geben ) , da erwachte schon wieder die alte glühende Eifersucht in Lucinden und ihr , der Aufgeklärten , ihr , die z.B. zu Treudchen ' s Erzählung , sie hätte eben ihre Mutter gesehen und ordentlich mit ihr gesprochen , tief überzeugt entgegnen konnte : Kind , die Todten sind todt ! stand fest , daß Paula bereits die Annäherung Bonaventura ' s in ihren Lebenskreis merkte und in Ekstase gerathe nur durch das von ihr geahnte Näherkommen dessen , mit dem sie im magnetischen Rapporte stand . Auch Treudchen gegenüber blieb Lucinde bei den Schleiern , die sie über ihr ganzes Wesen deshalb ziehen zu müssen glaubte , um nicht neue Dolche in ein Herz gestoßen zu bekommen , das ihr für neue Täuschungen keine Kraft mehr zu haben schien . Und als es nun unten im ersten Stocke lebendiger zu werden anfing und sie leise auf den Corridor hinaustrat , um lieber gleich über Piter ' s luftige Treppe auf den Schauplatz ihres Wirkens zurückzukehren , sagte sie noch : Kind ! Die Commerzienräthin möchte gern manches wissen , was Madame Delring thut ! In welchen Büchern sie läse ? Ob sie betete ? Ob sie lange mit ihrem Mann allein spräche ? Die Frau will ihr Kind im Glauben ihres Mannes , der Protestant ist , taufen lassen ! Das ist ein