Richmond . - Sie war bis zu dem entsetzlichen Augenblicke , der sie plötzlich aller ihrer Stützen beraubte , der Gegenstand der zärtlichsten Sorgfalt und Liebe , der stolzesten Hoffuungen , der glücklichsten Aussichten für die Zukunft ; und alle , die sie kannten , fühlten sich durch Pflicht und Liebe berufen , ihr die größte Verehrung zu weihn . Ach ! ich bin in diesem Augenblicke der einzige , der von so vielen und würdigen Personen ihr geblieben ist . Aber es lebt noch außer mir ein Wesen , bestimmt , ihr Schutz zu sein von Gott und Rechtswegen , und dies zu erreichen , ist die Absicht meines Hierseins . - Ihr sprecht von dem Oheime des Fräuleins , den wir vergeblich getrachtet haben ihr wieder zu finden , nach dem sie sich unablässig sehnte . Sagt , Sir , habt Ihr ihn entdeckt , lebt er hier , und können wir uns mit ihm vereinigen , das Fräulein aufzufinden ? - Wie sehr beklage ich , Mylord , Euerm wahren und aufrichtigen Eifer nicht mit dem vollen Vertrauen begegnen zu können , von dem ich mich zu Euch durchdrungen fühle ; aber , mag es zu Anfang unserer Bekanntschaft gleich ausgesprochen sein , daß ich Euch auf alle Fragen die Antwort schuldig bleiben muß , wenn sie gegen Verpflichtungen streiten , die ich nicht aufzuheben vermag . Könnt Ihr Euch entschließen , mir ohne dies Euer Vertrauen zu schenken , könnt Ihr Euch mit mir vereinigen , wo ich Hülfe bedarf , zur Rettung der unglücklichen jungen Dame , so darf ich Euch bei der Würde meines Amtes schwören , Ihr weihet Beides keiner unedeln Sache , vereinigt Euch mit keinem Unwürdigen . - Genug , Sir ; ich achte Eure Zurückhaltung und werde stets nur das Vertrauen von Euch verlangen , was sich mit jenen früheren Verpflichtungen verträgt . Glaubt indessen nicht , daß wir so schnell das Fräulein aus den Augen verloren . Ihr Weg ist verfolgt worden von einer Person , auf deren Treue wir uns verlassen konnten , und sie ist , von Lord Membrocke getrennt , in einem Schlosse in Nordhampton zurück gelassen worden , während der Lord seinen Weg allein fortgesetzt hat , doch zur Zeit noch nicht in London eingetroffen ist , wo er indessen von seinem Freunde , dem Herzog von Buckingham , erwartet wird , da er auf der Liste der Kavaliere steht , die dem Herzog nach Frankreich folgen werden . Mein Diener ist übrigens dem Lord Membrocke gefolgt , bis er von dem Aufenthalte des Fräuleins zu entfernt war , um seine Rückkehr dahin erwarten zu können . Unbezweifelt ist jedoch , daß auch dort ihre Gegenwart mit der größten Sorgfalt verhehlt wird , da es ihm bei seiner Rückkehr sogar nicht möglich ward , über die Anwesenheit der Lady die geringste Spur zu erhalten , viel weniger sie selbst zu sehen . Die Angelegenheiten meiner Familie legten mir eine Verpflichtung auf , die mich an London band ; sonst würde ich viel früher geeilt haben , die Spur zu verfolgen , die wir dadurch gefunden , und die mich wenigstens in der einen Beziehung beruhiget , sie nicht mehr in Lord Membrockes unmittelbarem Gewahrsam zu wissen , obwol ich ihn noch dabei im Spiele glauben muß , da der Edelmann , der Besitzer jenes Schlosses , ein Vertrauter des Herzogs von Buckingham ist . - Des Herzogs von Buckingham ! rief mit sichtlicher Ueberraschung Master Brixton . Wie ? Hat der Herzog Kunde von dem Fräulein ? Glaubt Ihr , Mylord , daß Lord Membrocke blos als Agent des Herzogs handelte ? Ich muß dies dahin gestellt sein lassen , erwiederte Richmond , doch rechne ich es mehr der verliebten Thorheit Membrockes zu , womit er das Fräulein , obwol Anfangs sehr zu ihrer Mißbilligung , verfolgte . Anfänglich ? erwiederte Brixton . Zweifelt nicht ; dieser Thorheit , wie Ihr es richtig nennt , unterlag die Lady auch später nicht , wie Ihr anzudeuten scheint . Auf eine andere Weise hat man sie zu diesem Schritte veranlaßt . Ich kenne sie zu genau , um nicht zu wissen , daß dringende Anforderungen an sie ergangen sein müssen , sie zu diesem gehässigen Schritte zu bewegen . Sir , rief Richmond bewegt , Ihr habt ein so festes Vertrauen ! Denkt Ihr auch ihrer Jugend , ihrer leicht gereizten heftigen Natur ? Diese Quelle ihrer eigenthümlichen Seelenschönheit ist zugleich einer Frau so verderblich , führt sie so leicht über die Grenzen hinaus , ach , die sie nicht mit ihren Augen überschreiten darf , ohne in Gefahr zu sein . Ich ehre Euer feines Gefühl für die heilige Atmosphäre der Sittlichkeit , worin Ihr die weibliche Ehre einhüllet , und theile diese Ansicht ganz , erwiederte Brixton ; aber Lady Maria ist die schönste Mischung kindlicher Unschuld und eines starken Bewußtseins von Recht und Unrecht ; sie hat für ihre Jugend eine Selbstständigkeit des Karakters , die man nur begreift , wenn man ihre Erzieher und den Zweck ihrer Erziehung kennt . Es ist wahr , Mylord , sie gehört nicht zu den schönen bewußtlosen Seelen ihres Geschlechtes , die aus dem Bereiche einer rein gebliebenen Empfindung alles unwillkürlich entfernt halten , was sie verletzen könnte , instinktartig sich bewahren und eine schöne ehrenwerthe Erscheinung bleiben . Lady Maria ist mit Absicht geweckt und zum Bewußtsein geführt worden . Was wahrhaft rein und vor Gott beständig ist , hat sie scheiden lernen von dem leeren , inhaltlosen Formenwesen , wohinter verkrüppelte Seelen sich mit allen Ansprüchen auf Achtung zu flüchten vermögen , und wobei das reinere und höhere Gefühl des Menschen oft mit erdrückter Ueberzeugung dem Banne der tyrannischen Gewalt unterliegt . Sie steht mit dem Maaße ihrer Hingebung oder Versagung stets vor dem Throne einer großen Idee , die , rein entwickelt , stets unerreichbar , sie demüthig erhält vor Gott , kalt und völlig abweisend gegen die von anderswo kommenden Weisungen der Menschen